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Libertäre Kritik am Transatlantismus

Buchrezension: Dimitrios Kisoudis’ „Goldgrund Eurasien“

Donnerstag, 15 Oktober 2015 15:37 geschrieben von 
Dimitrios Kisoudis’ „Goldgrund Eurasien“ Dimitrios Kisoudis’ „Goldgrund Eurasien“ Quelle: manuscriptum.de

Berlin - In seinem überaus lesenswerten Essay „Goldgrund Eurasien - Der neue Kalte Krieg und das Dritte Rom“ rechnet der Publizist Dimitrios Kisoudis aus konservativ-libertärer Sicht mit einem verbreiteten Mythos der Gegenwart ab, und zwar jenem, daß es sich beim aktuellen Konflikt zwischen dem transatlantischen Bündnis aus den USA und ihren europäischen Wasserträgern einerseits und Rußland andererseits um eine Neuauflage einer ideologischen Auseinandersetzung zwischen „freiem Westen“ und „sozialistischem Osten“ handele.

Er verweist dafür auf die immer stärkere Reglementierung des wirtschaftlichen und sozialen  Lebens im Westen und die geringen Steuern sowie die weitgehend freie Hand für die Wirtschaft, so sie nicht dem Feind dient (Fall Michail Chodorkowski), in Rußland. Er stellt also westlichen „Geldsozialismus“ dem russischen „autoritären Liberalismus“ gegenüber. Als Beispiel dafür, wie unfrei der Markt im Westen tatsächlich ist, verweist Kisoudis unter anderem auf das transatlantische „Freihandelsabkommen“ und dessen „Günstlingskapitalismus“ und stellt die treffende Frage: „Wieso genügt für freien transatlantischen Handel nicht der Aufruf „Handelt frei!“, wieso braucht es dazu fünfhundert Seiten Regulierung?“

Den wahren Hintergrund der Auseinandersetzung sieht er jedoch in geopolitischen Fragen, für welche die jeweilige ideologische Auseinandersetzung nur Begleitmusik ist. Dabei folgt er weitgehend dem russischen geopolitischen Denker und Kopf der „eurasischen Bewegung“, Professor Alexandr Dugin, und dessen Ansatz von der Seemacht USA, welche versucht, sich Europa als Brückenkopf zur Beherrschung des eurasischen Herzlandes zunutze zu machen, und der eurasischen Landmacht Rußland, die sich im Grunde selbst genügt.
Einen weiteren Schwerpunkt bildet der Aspekt des Verfalls von Kultur und Tradition im Westen, dem Kisoudis die Wiederbelebung der Orthodoxie in Rußland oder auch des Konfuzianismus in China gegenüberstellt.

Ein Problem, welches der Verfasser dieser Rezension beim libertären bzw. marktradikalen Ansatz immer wieder sieht, ist die seines Erachtens mehr ideologisch als sachlich begründete Vergötzung des „Freien Marktes“. Ebenso, wie radikale Sozialisten Kapital und Privateigentum aus ideologischer Sicht grundsätzlich bekämpfen und den Befürworter des schöpferischen Mittelstands und privaten Produktivkapitals bereits als „Kapitalisten“ bezeichnen, sind für radikale Libertäre jegliche staatliche Eingriffe in das Wirtschaftsleben bereits „sozialistisch“ und somit abzulehnen.

Dabei wird auf beiden Seiten anscheinend von einem ideologischen Dogma ausgegangen, dem die Sachargumente oft eher bemüht hinterherhinken, statt von der Frage, was sich tatsächlich als sinnvoll erweist.
Dabei ist es doch, um hier die libertäre Sicht zu hinterfragen, tatsächlich ein Unterschied, ob der Staat gewisse Beschränkungen einführt (über deren Umfang sich freilich diskutieren läßt), um das Kapital in den Dienst der Gemeinschaft zu stellen („Eigentum verpflichtet“), oder ob das Kapital sich den Staat zur Beute macht und durch diesen dem Volk seine Regeln aufdrückt.
Als Beispiel mag die bei Libertären immer wieder in wechselnden Formulierungen zu lesende Gleichung „Zentralbank ist Zentralbank“ dienen, mit denen die amerikanische FED als staatlich und „geldsozialistisch“ dargestellt wird. Aber die FED ist nicht staatlich, sie gehört privaten Bankiers, die private Interessen verfolgen und von denen der Staat sich das Geld leiht, zu ihren an privaten Interessen ausgerichteten Bedingungen. Das ist eben nicht das Gleiche, als wenn die Zentralbank tatsächlich staatlich ist und ihre Geldpolitik mit Hinsicht auf ein gesamtgesellschaftliches Interesse betreibt.

Recht haben Libertäre natürlich trotzdem immer wieder, wenn sie darauf hinweisen, daß vieles im angeblich „freien Markt" tatsächlich gar nicht frei ist. Aber liegt das nicht zumindest teilweise in der inneren Logik des „freien Marktes“ begründet, daß entfesseltes Kapital, wenn es zu mächtig wird, anfängt, sich selbst als Staat zu gebärden und Regeln zu diktieren - nur eben seine eigenen Regeln? Üblicherweise natürlich mit der Signatur des durch Stiftungen und Lobbyisten eingesackten Staates...
Diese grundsätzliche kritische Sicht des Rezensenten auf die libertäre Sicht hat ihm das Lesevergnügen allerdings nicht geschmälert, im Gegenteil, auch die Herausforderung zum Widerspruch erweist sich als Gewinn für den um tieferes Verstehen bemühten Geist. Kisoudis, Jahrgang 1981, beherrscht die deutsche Sprache meisterhaft, argumentiert nachvollziehbar bis scharfsinnig. Definitiv zu empfehlen!


Dimitrios Kisoudis „Goldgrund Eurasien". Edition Sonderwege der Verlagsbuchhandlung Manuscriptum 2015. Ca. 120 Seiten, Preis: 14€. ISBN 978-3-944872-12-4.

Verweise:
http://www.manuscriptum.de/edition-sonderwege/buecher/neuerscheinungen/titel/dimitrios-kisoudis-goldgrund-eurasien
http://www.buecher.de/shop/wirtschaftstheorie/goldgrund-eurasien/kisoudis-dimitrios/products_products/detail/prod_id/42073704

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Ruedi Strese

Mag. Ruedi Strese (Jahrgang 1980) machte 2001 sein Abitur und lebt in Berlin.

Nach seinem Studium der Germanistischen Linguistik und der Südostasienwissenschaften an der Humboldt-Universität und Abschluß mit dem Magistergrad im Jahr 2010 arbeitete Ruedi Strese als Lektor, Autor und Musiker.

Seit Dezember 2014 leitet er die Redaktion von COLPORTAGE.

Webseite: www.colportage.de

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