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Zum 100. Todestag Sergei Wittes

Der Vater der Transsibirischen Eisenbahn

Donnerstag, 12 März 2015 19:49 geschrieben von 
Serguéi Witte Serguéi Witte Quelle: en.wikipedia.org | Bild: Chapiro, St. Petersburg

Berlin - Vor 100 Jahren, am 13. März 1915, starb der deutsch-russische Unternehmer und Staatsmann Sergei Juljewitsch Witte. 
Geboren wurde er im Juni 1849 in Tiflis, heute die Hauptstadt Georgiens. Sein Vater Julius Witte war Baltendeutscher und gehörte zur deutschbaltischen Ritterschaft von Pleskau (heute Pskow) im Nordwesten Rußlands; um Sergeis spätere Mutter, eine Tochter der Prinzessin Helene Dolgoruki, heiraten zu können, war er vom Luthertum zur Orthodoxie konvertiert. Helena Blavatsky, die Gründerin der okkulten Theosophischen Gesellschaft, war eine Cousine Sergei Wittes.

1870 beendete er sein Mathematikstudium in Odessa und fand eine Anstellung bei der russischen Eisenbahn, wo er zuerst Direktor der Odessa-Eisenbahn und dann der von der Ostsee zum Schwarzen Meer verlaufenden Südwest-Eisenbahn wurde. Die Schriften des genialen deutschen Nationalökonomen Friedrich List sollen ihn stark geprägt haben, er war sich der zentralen Bedeutung der Eisenbahn und anderer Infrastrukturprojekte für den Aufstieg Deutschlands bewußt, auch das Beispiel der USA mit der ersten transkontinentalen Bahnlinie hatte er vor Augen. Als er 1879 nach St. Petersburg ging, war er als Mitglied der Baranow-Kommission führend an der Entstehung einer neuen russischen Eisenbahnpolitik beteiligt; eine von ihm verfaßte Eisenbahn-Charta wurde zur Grundlage der ersten Betriebsordnung der russischen Eisenbahnen.

1889-1891 diente er als Leiter der Abteilung für Eisenbahnangelegenheiten im Finanzministerium und war der Hauptverantwortliche eines umfangreichen Infrastrukturprojektes, unter seiner Ägide entstand die legendäre Transsibirische Eisenbahn. In einer Schrift namens „Nationale Reserven und Friedrich List“ von 1889 betonte er die Notwendigkeit einer starken einheimischen Industrie, verbunden mit Schutzzöllen gegen ausländische Konkurrenz. Diese führte 1891 zu einem neuen, für die Industrialisierung Russlands maßgeblichen, Zollgesetz. 1892 diente er zwischenzeitlich als Minister für Wege und Kommunikation, 1892-1903 hatte er das Amt als russischer Finanzminister inne.

Gleich zu Anfang seiner Amtszeit brachte er es zu einem handfesten Skandal, der ihn zahlreiche seiner Verbindungen zum gehobenen Adel kostete und Munition für seine nicht wenigen Feinde war. Seine erste Frau war 1890 gestorben, Ende 1892 heiratete er erneut. Die neue Ehefrau war jedoch konvertierte Jüdin und zudem geschieden. Seine gewaltigen Leistungen als Minister überstrahlten allerdings solche Aspekte seines Privatlebens. Neben seinem überragenden persönlichen Einsatz für die Transsibirische Eisenbahn war er auch Schöpfer eines zeitgemäßen Ausbildungssystems für Industrie und Handel und ging einen revolutionären Schritt, indem er Posten nicht nach gesellschaftlichem Hintergrund, sondern nach Fähigkeit und Leistung vergab.

1894 gelang ihm der Abschluß eines sehr vorteilhaften 10jährigen Handelsvertrages mit dem Deutschen Reich, 1896 konnte er mit der Qing-Dynastie den Li-Lobanow-Vertrag (oder Chinesisch-Russischen Geheimvertrag) abschließen, welcher Rußland unter anderem den Bau der Chinesischen Osteisenbahn durch die Mandschurei zusicherte. 1896 sorgte er in einer umfassenden Währungsreform für die Bindung des Rubels an den Goldstandard, was zu vermehrtem Zufluß an Fremdkapital führte. Als großes Verdienst kann der Erlaß eines Gesetzes zur Arbeitszeitbeschränkung in Unternehmen betrachtet werden.

Von 1903 bis 1905 war er Vorsitzender des Ministerkommittees unter Zar Nikolas II, ein Posten, der mehr mit Ansehen als Einfluß verbunden war; die faktische Entmachtung war auf Druck seiner zahlreichen Feinde erfolgt, möglicherweise war auch seine Ablehnung russischer Ansprüche auf Korea einer der Gründe. Bei den Verhandlungen zum Ende des Russisch-Japanischen Krieges soll er die russischen Interessen hervorragend vertreten haben. Ab November 1905 hatte er das Amt als Erster Vorsitzender des Ministerrates inne, was etwa dem Rang des Premierministers entspricht. Im Zusammenhang mit der Russischen Revolution von 1905 befürwortete er die Errichtung einer konstitutionellen Monarchie, die Einführung bürgerlicher Rechte und die Errichtung eines gewählten Parlamentes. Seine Reformen wurden weitgehend umgesetzt, konnten die Situation jedoch nicht beruhigen und Witte, der sowohl von konservativen als auch linken Kreisen angegriffen wurde, reichte im Frühjahr 1906 seinen Rücktritt ein.

Die letzten Jahre seines Lebens lebte er zurückgezogen und verfaßte seine Memoiren. Der geopolitische Analyst F. Wilhelm Engdahl würdigt Witte mit folgenden Worten: „Wittes Wirtschaftspolitik war auf dem besten Weg, eine echte wirtschaftliche Wiedergeburt des Russischen Reiches zu schaffen, mit Bauernreformen, ökonomischer Entwicklung und weiteren Maßnahmen, die ihm den Haß von Londoner City und Wallstreet einbrachten. Witte erklärte gegenüber Zar Nikolas II am Vorabend des ersten Weltkrieges, daß es ein Unglück für Russland wäre, sich den Briten im Krieg gegen Deutschland anzuschließen. Er hatte Recht und, symbolisch oder nicht, starb er an einem Gehirntumor, direkt nachdem der Zar aufgrund verschiedener Intrigen dazu gebracht worden war, Deutschland den Krieg zu erklären.“ Auf die von Witte vorgeschlagenen Friedensverhandlungen mit Frankreich und dem Deutschen Reich ließ der Zar sich nicht ein. Witte ist am 13. März 1915 im Alter von 65 Jahren in Petrograd, dem heutigen St. Petersburg, gestorben und wurde auf dem dortigen Alten St. Lazarus Friedhof beigesetzt.

Es scheint heutzutage, als sei der Geist Wittes in Russland wieder erwacht, Zeugnis davon legt die im Entstehen begriffene Eisenbahnlinie zwischen Moskau und Peking ab. Dieses gewaltige Vorhaben dürfte als bedeutendstes Infrastrukturprojekt Eurasiens seit dem Bau der Transsibirischen Eisenbahn zu bezeichnen sein.

 

Quelle:

http://nsnbc.me/2015/01/31/growing-russia-china-new-relationship

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Ruedi Strese

Mag. Ruedi Strese (Jahrgang 1980) machte 2001 sein Abitur und lebt in Berlin.

Nach seinem Studium der Germanistischen Linguistik und der Südostasienwissenschaften an der Humboldt-Universität und Abschluß mit dem Magistergrad im Jahr 2010 arbeitete Ruedi Strese als Lektor, Autor und Musiker.

Seit Dezember 2014 leitet er die Redaktion von COLPORTAGE.

Webseite: www.colportage.de

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