Freigegeben in Boulevard

Im Gespräch mit Kevin-Klaudius von Rothenburg

Akzeptanz von Nekrophilie?

Sonntag, 28 Juni 2015 15:28 geschrieben von 
Pietro Pajetta: Der Hass (1896) Pietro Pajetta: Der Hass (1896) Quelle: de.wikipedia.org

Berlin - Pädophilie und Zoophilie – Mitbürger mit solchen Neigungen galten lange als uncool, ja, als krankhaft, bis die „Linksalternative Partei“ sich dieser Minderheiten erbarmte. Nekrophile hingegen führt weiterhin ein Schattendasein, doch jetzt hat sich die „Plattform der Langliebenden“ herausgebildet, um sich der Thematik anzunehmen. Wir sprachen mit ihrer Vorsitzenden, Frau Kevin-Klaudius von Rothenburg.

COLPORTAGE: Frau von Rothenburg, Sie bezeichnen sich nicht als nekrophil, sondern als „langliebend“ – wieso dieser Begriff?

von Rothenburg: Wir wollen damit sagen, daß Liebe, gerade auch geschlechtliche Liebe, etwas sehr Schönes ist, was für uns nicht mit dem Tod aufhört. Homosexuelle bezeichnen sich selbst oft als „gleichliebend“. Wir denken uns das analog. Es gibt ja auch „Gleichlangliebende“ oder „Langgleichliebende“. Das klingt doch auch einfach gut.

COLPORTAGE: Nekrophilie ist auch heute noch eher verpönt, Sie wollen das ändern. Warum?

von Rothenburg: Grundsätzlich sollte jeder Mensch selbst entscheiden können, was ihm Spaß macht. Es geht darum, staatliche Bevormundung in solchen Bereichen abzubauen.

COLPORTAGE: Muß Freiheit nicht ihre Grenzen haben?

von Rothenburg: Ja, natürlich. Sie findet ihre natürliche Grenze dort, wo der andere es nicht will. Uns geht es ja nicht darum, jemandem etwas gegen seinen Willen aufzuzwängen, sondern um einvernehmliche Beziehungen zwischen zwei Menschen.

COLPORTAGE: Was bedeutet „einvernehmlich“ im Zusammenhang mit Verstorbenen?

von Rothenburg: Im Grunde ganz einfach: „Wer schweigt, stimmt zu.“

COLPORTAGE: Ist nicht der Wille in solchen Fällen überhaupt ausgeschaltet?

von Rothenburg: Wir fordern Menschenrechte! Was soll daran schlecht sein? Für uns zählt dazu auch das Menschenrecht auf Sex. Wir glauben nicht an eine „unsterbliche Seele“, diesen ganzen klerikalfaschistischen Mist. Wir sollten vielleicht unsere ganzen Vorstellungen, was ist Leben und so, einmal überdenken. Der Mensch wird durch seinen Körper definiert. Das beginnt bei der Geburt und endet mit der Verwesung. Sollen nur Steuerzahler Sex haben dürfen? Was für eine spießige Vorstellung! Überlegen Sie doch einfach mal, wieviel sogenannte „Tote” durch Hinterlassenschaften zum Wohlstand beitragen! Und da wollen Sie diesen ein so grundlegendes Recht wie körperliche Liebe vorenthalten? Haben Sie vielleicht allgemein ein Problem mit Liebe?

COLPORTAGE: Sie fordern sexuelle Freiheitsrechte für Tote und lehnen Lebensrechte für Ungeborene ab. wie geht das?

von Rothenburg: Natürlich. Im Grunde habe ich diese Frage schon beantwortet. Das Menschsein ist unserer Sicht zufolge vor der Geburt noch nicht gegeben, nach dem sogenannten Tod hingegen durchaus.

COLPORTAGE: Und als Nächstes?

von Rothenburg: Wenn die Gesellschaft sich endlich einmal solchen Minderheiten wie uns Nekrophilen öffnet und uns in unserer Einzigartigkeit anerkennt, vor allem auch das Recht der Toten selbst auf Liebe, dessen Vorkämpfer wir ja sind, dann werden wir sicher nicht aufhören, für die Freiheit zu kämpfen! Das Recht auf Prostitution haben wir ja bereits seit einigen Jahren durchgesetzt. Natürlich ist dieses Recht auch auf Verstorbene auszudehnen! Alles andere wäre Heuchelei. Die Verstorbenen sollen merken, daß sie willkommen sind, daß man sie am gesellschaftlichen Leben teilnehmen läßt, wie alle anderen auch. Dieser reaktionäre Chauvinismus sogenannter „Lebender” kommt doch nur von den Halluzinationen einer angeblichen „unsterblichen Seele“ – diesem ganzen Schnee von gestern! Das Viventarchiat, die Tyrannei der Lebenden, zeigt doch nirgends deutlicher seine häßliche Fratze! Wir müssen das Viventarchiat endlich zu Fall bringen!

COLPORTAGE: Wie gedenken Sie das durchzusetzen?

von Rothenburg: Wenn die Menschen nicht mehr so im Wohlstand leben, werden wirtschaftliche Argumente durchaus ziehen. Eine Arbeitsstelle für einen Toten in einem unserer Bordelle wird für die Hinterbliebenen vor allem eins sein: die günstige Alternative zur Bestattung. Und wenn sie begreifen, daß sie damit dem Fortschritt zum Sieg verhelfen, wer will da noch ernstlich dagegen sein?

COLPORTAGE: Es gibt auch Menschen, welche töten, um ihre nekrophilen Neigungen ausleben zu können. Was sagen Sie da, wie grenzen Sie sich da ab?

von Rothenburg: Zunächst einmal: abgrenzen und ausgrenzen gibt es bei uns nicht. Das hatten wir ja schon einmal! Ausgegrenzt wird bei uns nur, wer selbst ausgrenzt! Die Gesellschaft ist immer schnell dabei, zu stigmatisieren. Wir müssen aber mit den Menschen reden, vielleicht können wir sie überzeugen, daß dies nicht der richtige Weg ist, zu einem Partner zu kommen. Zuerst muß aber die Stigmatisierung beendet werden. Eine Entkriminalisierung der Nekrosexualität ist das Gebot der Stunde. Wir haben ja, wie erwähnt, vor einigen Jahren im Zuge der Frauenbefreiung die Prostitution als Erwerbszweig legalisieren können. Das sollte einen Rückgang der Vergewaltigungen bewirkt haben. Eine ähnliche Lösung stellen wir uns für das Problem der Gewalt im Zusammenhang mit Nekrosexualität vor. Denn diese Gewalt ist eine Folge der strukturellen Gewalt, der Diskriminierung Nekrosexueller durch die Gesellschaft. Schluß mit Vorurteilen – da müssen wir anpacken!

COLPORTAGE: Frau von Rothenburg, ich danke für das Gespräch!

Artikel bewerten
(16 Stimmen)
Ruedi Strese

Mag. Ruedi Strese (Jahrgang 1980) machte 2001 sein Abitur und lebt in Berlin.

Nach seinem Studium der Germanistischen Linguistik und der Südostasienwissenschaften an der Humboldt-Universität und Abschluß mit dem Magistergrad im Jahr 2010 arbeitete Ruedi Strese als Lektor, Autor und Musiker.

Seit Dezember 2014 leitet er die Redaktion von COLPORTAGE.

Webseite: www.colportage.de

Redaktion