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Ein Nachruf auf Ninive

Der „Islamische Staat“ und der Bildersturm von Mossul

Mittwoch, 18 März 2015 22:19 geschrieben von 
Rekonstruktion des Tors, das dem Gott Adad gewidmet ist Rekonstruktion des Tors, das dem Gott Adad gewidmet ist Quelle: de.wikipedia.org | Foto: Fredarch | CC BY-SA 3.0

Berlin - Als Ende Februar 2015 ein Video des sogenannten „Islamischen Staates“ seinen Weg in die Redaktionen westlicher Nachrichtenagenturen fand, das die Vernichtung jahrtausendealter, meist assyrischer Kunstgegenstände im „Mossul Museum“ dokumentierte, saß der Schock bei Laien und Experten tief. So wähnte man doch einzigartiges Kulturgut, das uns vom Beginn der menschlichen Zivilisation Zeugnis gab, durch die Hand religiös fanatisierter Barbaren unwiederbringlich vernichtet.

Die Generaldirektorin der UNESCO, Irina Bokowa, verlangte gar eine Sondersitzung des UN-Sicherheitsrates, jenes Gremiums also, das im Falle der Bedrohung des Weltfriedens und der internationalen Sicherheit bindende Entscheidungen im Namen aller UNO-Mitglieder treffen darf. Bokowa begründet ihre Forderung mit der Feststellung, daß die Zerstörung der Statuen nicht nur eine Kultur-Tragödie sei, sondern auch Sektierertum, gewaltsamen Extremismus und Konflikte im Irak schüre. Ob der „IS“ ausgerechnet mit dem Zerschlagen einer Handvoll antiker Steinskulpturen den Rubikon überschritten hat und damit eine neue Qualität gewaltsamen Extremismus’ demonstriert, der nun endgültig eine Aussöhnung mit seinen Opfern unmöglich macht, darf bezweifelt werden. Unter Umständen hinterläßt das massenhafte Vertreiben, Vergewaltigen, Schlachten, Enthaupten, Steinigen, Verbrennen und Kreuzigen durch die Gotteskrieger um Abu Bakr al-Baghdadi im kollektiven Gedächtnis der Iraker tiefere Spuren, als das Zertrümmern der großen Türhüterfigur in Ninive.

Interessanter als die Bestandsaufnahme von antiken Kunstwerken, die der Menschheit durch das Wüten der IS-Miliz verloren gegangen sind und von deren Existenz der überwiegende Teil der Weltbevölkerung vor ihrer Zerstörung wohl kaum Notiz genommen haben wird, ist die Möglichkeit, vom Mossuler Bildersturm auf die Verfaßtheit und den Zustand des „Islamischen Staates“ zu schließen.

Das Video der Dschihadisten enthält, neben den Bildern des eigentlichen Zerstörungswerks, auch die erklärende Ansprache eines IS-Kämpfers. Dieser beteuert, man folge dem Beispiel des Propheten Mohammed, der nach der Eroberung Mekkas die Götzen seiner Feinde eigenhändig zerschlug. Leider erläutert er nicht, warum der „Islamische Staat“ monatelang darauf verzichtete, zur frommen Tat zu schreiten, denn immerhin befand sich Mossul bereits seit Juni 2014 in der Hand seiner Milizen. Wartete man womöglich auf einen passenden Zeitpunkt? Gibt es für diesen vermeintlichen Gottesdienst denn überhaupt einen richtigen Moment? Wohl kaum!

Das Video vom Mossuler Bildersturm ist weniger ein Zeugnis von der tiefen Frömmigkeit der IS-Kämpfer, als vielmehr eine Botschaft. An wen sich diese richtet, läßt sich mit abschließender Gewissheit nicht sagen. Was ihr Zweck ist, dazu liefert uns der Althistoriker Alexander Demandt Erklärungsansätze. In seiner 1997 erschienenen Monographie „Vandalismus - Gewalt gegen Kultur“, beschreibt er den Typus des „Erpressers“, der in der Art von Geiselnehmern Kunstwerke bedrohe, um Lösegeld zu erpressen.

Einiges spricht dafür, daß auch die Vandalen vom „Mossul Museum“ dieser Kategorie zuzurechnen sind. Mit der Zerstörung einiger weniger prominenter Stücke, bei deren Mehrheit sich die Experten zur Zeit noch streiten, ob es sich wirklich um Originale oder um Repliken handelte, demonstriert der „Islamische Staat“ Entschlossenheit und setzt jene unter Zugzwang, die ein berechtigtes Interesse am Erhalt der Kunstschätze haben. Auffällig dabei ist die zeitliche Nähe der Zerstörungen zur UN-Resolution 2199 (2015) vom 12. Februar 2015, die dem Handel mit geraubten Kunst- und Kulturgegenständen aus Syrien und dem Irak den Kampf ansagt. Die Resolution nennt die „al-Nusra-Front“ und den „Islamischen Staat“ explizit als ihrer Maßnahmen.

Um es auf den Punkt zu bringen: die UNO hat dem IS ins Geschäft gepfuscht, sie um eine erträgliche Geldquelle gebracht. Die medial inszenierte Antwort der Dschihadisten zeigt, daß der „Islamische Staat“ davon getroffen ist. Die Botschaft an die Weltöffentlichkeit ist klar. Die Führer des IS sind Geschäftsleute, keine Kunstsammler. Nach den zahlreichen Niederlagen der vergangenen Wochen brauchen sie Geld, um ihre Infrastruktur aufrecht zu erhalten und ihre Freiwilligen aus aller Herren Länder, die sich zunehmend nach ihrer Heimat sehnen und desertieren, zu motivieren. Die Museumsbestände des Irak und Syriens sind für den „Islamischen Staat“ ohne Wert, wenn sich aus ihnen keine Einnahmen erzielen lassen. Um ihren Verkauf gegen die UN-Resolutionen trotzdem zu ermöglichen, bedient man sich der alten Krämerstrategie: „Kaufen Sie heute, morgen könnte nichts mehr da sein!“ Gleichzeitig vermittelt man den eigenen Unterstützern, daß man noch Herr im eigenen Haus ist. In der zweitgrößten Stadt des Irak herrsche der IS und fordere mit der Vernichtung unschätzbaren Kulturwertes die Welt heraus, der nichts anderes übrigbleibt, als empört nach Luft zu schnappen.

Die Dschihadisten werden sich noch lange Zeit an diesen Bildern erfreuen müssen, die ihnen das Gefühl von Allmacht bescheren. Für sie wird es in Zukunft wenig Grund zum triumphieren geben. Die Völker der Region haben sich vom ersten Schock über die  halsabschneidenden Mordbanden im Gewand des religiösen Eiferers erholt und setzen ihnen organisierten Widerstand entgegen. Ihre Gegner sind nicht mehr die verängstigten Rekruten der irakischen Armee, deren Offiziere sich beim ersten Schuß davonmachen, sondern die kampferprobten Verbände der Hisbollah und Peschmerga.

Der IS hat abgewirtschaftet und löst sich in Rivalitäten seiner Führer schon stellenweise auf. Drum mag er ruhig im Todeskampf noch Museen plündern und Kulturdenkmäler zerschlagen, wenn der „Islamische Staat“ dadurch nur einen einzigen Tag früher zu Fall kommt. Im Übrigen ist es mit diesen Kunstwerken von unschätzbarem Wert wie mit den Walen. Jedermann wird ihnen bestätigen, daß der Schutz von Walen unverzichtbar ist. Doch wer würde die edlen Meeressäuger tatsächlich am meisten vermissen? Die Walfänger...

 

Quellen:

http://www.welt.de/geschichte/article138242842/Die-schlimmsten-Kulturverbrechen-der-Menschheit.html
http://www.zeit.de/kultur/2015-02/islamischer-staat-mossul-museum-zerstoerung
http://www.faz.net/agenturmeldungen/dpa/unesco-chefin-fordert-un-sondersitzung-zu-is-zerstoerungen-13453687.html
http://www.un.org/press/en/2015/sc11775.doc.htm
http://www.liveleak.com/view?i=80e_1424963905
http://www.welt.de/geschichte/article138242842/Die-schlimmsten-Kulturverbrechen-der-Menschheit.html
http://rt.com/news/240801-isis-destroy-statues-fake

Letzte Änderung am Donnerstag, 16 Juli 2015 16:06
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Michel Hanke

M.A. Michel Hanke (Jahrgang 1978) legte 1999 das Abitur ab.

Im Anschluss an den Wehrdienst, nahm er das Studium der Geschichte und der deutschen Literatur und Sprache an der Humboldt-Universität seiner Heimatstadt Berlin auf, das er 2013 mit der Erlangung des Magistergrades abschloss. Für COLPORTAGE befaßt er sich insbesondere mit historischen und kulturellen Themen.

Webseite: www.colportage.de

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