Freigegeben in Boulevard

Rundgang um ein Monstrum

Die BND-Zentrale in Berlin-Mitte - Architektur klandestiner Macht

Samstag, 24 Januar 2015 16:10 geschrieben von 
BND-Zentrale in Berlin-Mitte BND-Zentrale in Berlin-Mitte Quelle: COLPORTAGE

Berlin - Ein trüber Januartag in Berlin-Mitte. Am U-Bahnhof Schwartzkopffstraße steige ich aus, um mir endlich einmal um die neue Zentrale des Bundesnachrichtendienstes (BND) anzuschauen. Der deutsche Auslandsgeheimdienst hatte ursprünglich seinen Hauptstandort in Pullach im Isartal (Bayern), seit 2003 gibt es eine Zweigstelle in Berlin-Lichterfelde. Ein Beschluß der Bundesregierung, die beiden Standorte bis 2011 in einer neuen Zentrale in Berlin zusammenzufassen, wurde auf Drängen der CSU unter Edmund Stoiber 2006 abgeschwächt, ein Teil der Mitarbeiter soll nun in Bayern verbleiben; im selben Jahr wurde aber mit dem Neubau in Berlin-Mitte begonnen, auf dem Areal des ehemaligen Stadions der Weltjugend. Eine fristgerechte Fertigstellung gab es nicht, 2016 wird derzeit als realistisch betrachtet. Allerdings ist seit vorigem Jahr ein Teil der Büros bezogen, später sollen hier einmal 4000 Mitarbeiter untergebracht sein.

Hinter einer etwa drei Meter hohen Mauer erhebt sich der Betonkoloß, eine Ausgeburt an erschütternder, doch möglicherweise zweckmäßiger Häßlichkeit. Das Bauwerk wirkt brutal, einschüchternd, unmenschlich. Ein Albtraum aus postmodernem Totalitarismus, wie Stalinismus ohne Stil. Oder halt „1984“. Ob das Absicht ist? FAZ-Kolumnist Niklas Maak schrieb dazu „...die Gebäudeteile sehen auch aus wie eine etwas ratlos Spalier stehende Versammlung überdimensionierter, riesenhafter PC-Gehäuse, in deren gigantischen Laufwerken alles gespeichert wird, was überhaupt speicherbar ist.“

Ich versuche, durch das Beklettern eines Betonsockels einen Blick hinter die Mauer zu ergattern, am Haupteingang ist eine monströse Skulptur zu erkennen. Eine Art stählerner Zunge. Später finde ich heraus, daß der Würselener Künstler Stefan Sous dieses Werk erschaffen hat, und es seit 2012 dort steht. Aha. Herannahende Polizisten schauen mißtrauisch, und ich übe mich, wieder heruntersteigend, in vorauseilendem Gehorsam. So spannend sieht das da hinter der Mauer auch wirklich nicht aus.

Entworfen wurde der gewaltige Komplex (283 Meter Länge, 148 Meter Breite, etwa 30 Meter hoch) vom Berliner Architektenbüro Kleihues + Kleihues, welches sich unter anderem auch für „Galeria Kaufhof“ am Alexanderplatz und das Hotel Concorde in der Augsburger Straße verantwortlich zeigt.

Die von Bundesregierung und BND ursprünglich veranschlagten 720 Millionen Euro Gesamtkosten sind auf mindestens 1,3 Milliarden angestiegen, diese Summe gab der Bauherr Ende 2013 an. Aber dafür gibt es auch 260.000 m² Brutto-Grundfläche für den bundesdeutschen Auslandsnachrichtendienst, der gerne auch mal Zuträgerdienste für die National Security Agency (NSA) leistet oder in Nahost Kriegsziele für das US-Militär ausspioniert.

Der Gang um das Areal macht erst den gewaltigen Umfang recht deutlich, wobei zugegebenermaßen der Spaziergang an der auf der Rückseite des Areals entlangfließenden Panke durchaus seinen Reiz hat. Ein Mann könnte die Dame seines Herzens dort entlang führen und ihr (geheimnisvollen Tonfall nicht vergessen!) mit anrüchigen Details über allerlei Affären des Dienstes imponieren; auch gibt es dort tatsächlich zwei riesige Palmen aus Metall zu bestaunen, welche Kunst sein sollen, mit Kopfschüttelgarantie. Die abgedunkelten und abhörsicheren Fenster sollen die Räume vor Lauschangriffen schützen, das könnte man der Dame bei dieser Gelegenheit auch verraten.

Artikel bewerten
(7 Stimmen)
Ruedi Strese

Mag. Ruedi Strese (Jahrgang 1980) machte 2001 sein Abitur und lebt in Berlin.

Nach seinem Studium der Germanistischen Linguistik und der Südostasienwissenschaften an der Humboldt-Universität und Abschluß mit dem Magistergrad im Jahr 2010 arbeitete Ruedi Strese als Lektor, Autor und Musiker.

Seit Dezember 2014 leitet er die Redaktion von COLPORTAGE.

Webseite: www.colportage.de

Redaktion