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Ein Schlager, keine Partei

Helene Fischer gewinnt vor Gericht

Dienstag, 07 April 2015 17:30 geschrieben von 
Helene Fischer Helene Fischer Quelle: de.wikipedia.org | Foto: Fred Kuhles | CC BY-SA 3.0

Berlin - Im Thüringer Landtagswahlkampf im September 2014 hatte die NPD einen Titel namens „Atemlos durch die Nacht" von Helene Fischer als Begleitmusik verwendet. Helene Fischer zeigte sich von dieser Art des Einsatzes ihrer Musik wenig begeistert. Man könnte auch unterstellen, daß sie gerade vor Ort gewesen sei und nicht durch ihre eigenen Werke bei der Betrachtung der wunderschönen thüringischen Landschaft gestört werden wollte. Jedenfalls hatte sie eine einstweilige Verfügung erwirkt, welche indes auf Antrag der NPD aufgehoben wurde.

Dagegen Berufung eingelegt hatte der Berliner Anwalt und Medienrechtler Helge Reich. Dieser sah einen Mißbrauch seiner Klientin durch die Verwendung ihres Titels für den Wahlkampf der Partei als gegeben. Da sie die Gesinnung und Einstellung der NPD in keiner Weise teile, müsse sie dies nicht hinnehmen.

Die NPD wiederum bestritt die angenommene Ehrenrührigkeit der spezifischen Verwendungsart des Fischer-Titels, das Lied sei auch nicht als Hymne oder Wahlkampfsong verwendet worden. Das thüringische Oberlandesgericht hingegen hielt eine Schädigung des Fischerschen Rufes nicht für ausgeschlossen, sollte ein Durchschnittsbeobachter sich nach dem Zusammenhang zwischen der Musik Fischers und der NPD fragen. Ein Künstler dürfe sich bewußt unpolitisch geben und die Ziele der NPD würden nur von einem geringen Teil der Bevölkerung geteilt.

Hätte Helene Fischer indes der NPD wirklich und glaubhaft schaden wollen, hätte sie keineswegs das Gericht anrufen müssen, sondern beispielsweise der NPD erlauben können, ihre komplette Diskographie zum Hauptwahlkampfthema zu machen. Das sagt allein der gesunde Menschenverstand. Die Gruppen der Helene Fischer-Hörer und potentiellen NPD-Wähler überschneiden sich nämlich nur in geringem Maße. Die erlittene Schlappe mit nur 3,6% der Stimmen könnte als Indiz für die These gewertet werden, daß die NPD sich offenbar keine passende Musik zur Untermalung ihrer Inhalte ausgesucht hat.

Daraus folgt weiterhin: wäre es Helene Fischer tatsächlich um ausgleichende Gerechtigkeit gegangen, hätte sie sich also selbst schaden wollen, wie sich die NPD durch die Verwendung des Fischer-Schlagers vermutlich selbst geschadet hat, wäre beispielsweise das Schwenken einer NPD-Fahne auf einem Auftritt für das Staatsfernsehen eine angemessene Antwort gewesen.

Nach Informationen von COLPORTAGE hat nach Bekanntgabe des Verfahrensausgangs übrigens Ludwig van Beethoven gegen die Verwendung seiner „Ode an die Freude“ als EU-Hymne eine Unterlassungsklage einreichen lassen. Er könne sich mit deren zentralistisch-totalitären Tendenzen ebensowenig anfreunden wie mit Vorschriften über den Krümmungsgrad von Bananen oder dem Gesicht des EU-Parlamentspräsidenten Martin Schulz.

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Ruedi Strese

Mag. Ruedi Strese (Jahrgang 1980) machte 2001 sein Abitur und lebt in Berlin.

Nach seinem Studium der Germanistischen Linguistik und der Südostasienwissenschaften an der Humboldt-Universität und Abschluß mit dem Magistergrad im Jahr 2010 arbeitete Ruedi Strese als Lektor, Autor und Musiker.

Seit Dezember 2014 leitet er die Redaktion von COLPORTAGE.

Webseite: www.colportage.de

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