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Real, nicht nur realistisch

Kunst und Aktion in Miami

Montag, 07 Dezember 2015 22:02 geschrieben von 
Kunst und Aktion in Miami Quelle: Colportage

Miami - Die einen halten moderne Kunst für ein Verbrechen, andere halten ein Verbrechen für moderne Kunst – die Grenze zwischen diesen beiden Seinssphären sind in der Tat mittlerweile durch die Ausweitung des Kunstbegriffs oft selbst für Kunstkenner nicht mehr so ohne Weiteres erkennbar, wie ein Geschehen beweist, welches vor zwei Tagen in Miami stattfand.

 

Auf der Ausstellung „Art Basel“ im Miami Beach Convention Center, einem Ableger der renommierten gleichnamigen Schweizer Kunstmesse, wurde in der Nähe der Installation „The Swamp of Sagittarius“ von Naomi Fisher, einer Künstlerin aus Miami, und ihrer Partnerin Agatha Wara, eine Frau von einer anderen Frau niedergestochen. Dem war ein Streit vorausgegangen, den die Angreiferin, eine 24jährige Studentin namens Siyuan Zhao, offenbar gesucht hatte, denn nachdem das Opfer, die 33jährige Shin Seo Young, ihr vorgeworfen hatte, ihr permanent zu folgen und sie mehrfach angerempelt zu haben, zog Zhao ein Messer und stach Young in die Schulter und den Hals. Zhao, die nach eigenen Aussagen Young und zwei weitere Personen töten wollte, wurde festgenommen und Young in ein Krankenhaus eingeliefert. Glücklicherweise erwiesen sich die Verletzungen als nicht lebensgefährlich.
Mehrere Besucher sollen dabei allerdings herumgestanden und Champagner getrunken haben – sie waren der Ansicht, es handele sich um eine künstlerische Darbietung. Die Künstlerin Naomi Fisher berichtete, ein Mann sei auf sie zugekommen und habe gesagt: „Ich gedacht, ich sah eine Darbietung, und ich dachte, es war Kunstblut, aber es war echtes Blut.“
Besagte Installation „The Swamp of Sagittarius“ („Der Sumpf des Schützen“) bedient sich der Mitarbeit eines Astrologen, um Fragen zur Zukunft zu beantworten – allerdings nur solche, die sich auf finanzielle Aspekte des Kunstmarktes beziehen, denn dies ist der Schwerpunkt, den die Künstler Wara und Fisher diesem Projekt zugedacht haben.

Das Geschehen in Miami ging halbwegs glimpflich aus, das Opfer wird hoffentlich genesen und der anscheinend geistig verwirrten Täterin vielleicht geholfen werden – gönnen wir uns den Luxus eines solchen Optimismus. Ein wesensmäßig verwandter Fall, der sich ziemlich genau dreizehn Jahre zuvor in Berlin ereignet hatte, fand ein weniger gutes Ende.
Damals hatte eine 25jährige einer Künstlergruppe im Berliner Kunsthaus „Tacheles“ ihren Selbstmord angekündigt und sich daraufhin aus dem fünften Stock des Gebäudes gestürzt. Die Künstler nahmen das Geschehen auf Video auf. Die junge Frau fiel auf das Dach eines Wohnmobils und rollte anschließend auf den Hof des Tacheles. Erst Stunden später wurde sie von einer Schülergruppe und einem Touristenpärchen entdeckt. Die Touristen fotografierten sie und erklärten der Lehrerin der ausländischen Schulklasse, es handele sich um „eine Performance oder eine Installation“. Erst ein zwölfjähriger Schüler bemerkte laut Polizeiprotokoll, daß es sich um eine Leiche handelte.

Verweise:

http://www.tagesspiegel.de/berlin/tacheles-passanten-hielten-selbstmord-fuer-kunstaktion/369436.html
http://www.miamiherald.com/entertainment/visual-arts/art-basel/article48069515.html
https://www.artbasel.com/miami-beach
http://www.miaminewtimes.com/arts/swamp-of-sagittarius-at-art-basel-uses-astrologers-to-predict-your-future-8090189

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Ruedi Strese

Mag. Ruedi Strese (Jahrgang 1980) machte 2001 sein Abitur und lebt in Berlin.

Nach seinem Studium der Germanistischen Linguistik und der Südostasienwissenschaften an der Humboldt-Universität und Abschluß mit dem Magistergrad im Jahr 2010 arbeitete Ruedi Strese als Lektor, Autor und Musiker.

Seit Dezember 2014 leitet er die Redaktion von COLPORTAGE.

Webseite: www.colportage.de

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