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Weltoffene Theorie und ausgrenzende Praxis

Sexuelle Apartheid zwischen Asylbewerbern?

Dienstag, 19 Januar 2016 19:45 geschrieben von 
Die Transgender-Flagge – von Asylbewerbern noch viel zu selten geschwenkt Die Transgender-Flagge – von Asylbewerbern noch viel zu selten geschwenkt

Berlin - Es gibt Themen, die scheinen ausschließlich dafür geschaffen worden zu sein, auf ihnen, halb schockiert, halb amüsiert, immer wieder herumzureiten. Dazu gehört die außergewöhnliche Sorge, die sich das Establishment der Bundesrepublik um das Wohlergehen sexuellen Minderheiten angehörender Flychtlinge macht.

 

COLPORTAGE hatte sich im letzten September bereits des Themas der besonderen Probleme der LGBT-Flychtlinge in den Heimen gewidmet, wo ihnen von den lieben Mitflychtlingen nicht die erforderliche Toleranz wird, sondern stattdessen oft rohe Gewalt und Unverständnis entgegenschlagen. Allein von August bis Dezember 2015 hätten sich nach Auskunft des Lesben- und Schwulenverband Berlin-Brandenburg (LSVD) 95 homosexuelle und transgeschlechtliche Geflüchtete wegen Gewaltvorfällen an den Verband gewandt. Die Gewalttaten hätten sich meist in den Unterkünften ereignet. Dies voraussehend, hatte COLPORTAGE als Lösung unter anderem vorgeschlagen, transsexuelle Demonstrationen in den Unterkünften abzuhalten. 
Die Stadt Berlin hingegen scheint es mit der Toleranzerziehung der homo- und transphoben Heimbewohner nicht wirklich ernst zu meinen, stattdessen will man den Weg des geringsten Widerstands gehen und sexuelle Minderheiten in einer gesonderten Unterkunft unterbringen, sprich: ausgrenzen.

Das Heim soll etwa 100 bis 120 Menschen Schutz bieten, der zukünftige Standort wird noch nicht verraten. Allerdings kann das nur ein Tropfen auf dem warmen Stein sein, denn der Geschäftsführer der Schwulenberatung, Marcel de Groot, schätzte die Anzahl der homosexuellen und transgeschlechtlichen Flüchtlinge in Berlin auf 3.500. Allerdings leben schwule, lesbische und transsexuelle Flüchtlinge wie auch alleinerziehende Frauen bereits in einem Heim für besonders schutzwürdige Asylbewerber.
Man fragt sich dennoch, ob das wirklich der richtige Weg zu Vielfalt und Toleranz ist. Statt den homo- und transphoben Flychtlingen durch unmittelbare persönliche Erfahrungen den Abbau von Vorurteilen zu ermöglichen, sollen nun die sexuellen Minderheiten ausgegrenzt, quasi ghettoisiert werden. Das klingt verdammt nach sexueller Apartheid. Wäre es nicht besser, der LSVD und der LGBT-Beauftragte des „Islamischen Staates“ in Deutschland würden sich zu konstruktiven Gesprächen zusammensetzen? Von solcher Offenheit sind wir leider, vor allem dank der jüngsten Ausgrenzungsmaßnahme Berlins, nun ein ganzes Stück weiter entfernt. Quo Vadis, Deutschland?

Verweise:
http://www.rbb-online.de/politik/thema/fluechtlinge/berlin/2016/01/berlin-plant-heim-fuer-homo--und-transsexuelle-fluechtlinge.html
http://www.colportage.de/politik/lgbt-feindlichkeit-in-fl%C3%BCchtlingsheimen.html

Letzte Änderung am Dienstag, 19 Januar 2016 19:51
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Ruedi Strese

Mag. Ruedi Strese (Jahrgang 1980) machte 2001 sein Abitur und lebt in Berlin.

Nach seinem Studium der Germanistischen Linguistik und der Südostasienwissenschaften an der Humboldt-Universität und Abschluß mit dem Magistergrad im Jahr 2010 arbeitete Ruedi Strese als Lektor, Autor und Musiker.

Seit Dezember 2014 leitet er die Redaktion von COLPORTAGE.

Webseite: www.colportage.de

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