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Klemmbrettbetrüger unterwegs

Vermeintliche Taubstumme interessieren sich sehr für Wertsachen

Mittwoch, 28 Januar 2015 08:37 geschrieben von 
Betrügerische Spendensammler Betrügerische Spendensammler Quelle: Bildschirmfoto vom 28.01.2015 von polizei-dein-partner.de

Berlin - Tatort Berlin-Alexanderplatz. Eine zierliche junge Frau, die stark nach japanischer Touristin aussieht, läuft an der Straßenbahnhaltestelle entlang. Ein dickes Mädchen und ein schmächtiger Knabe, welche ihrerseits ebenfalls stark aussehen, allerdings eher nach den allseits populären „Rotationseuropäern“, gehen auf sie zu. Beide tragen ein Klemmbrett mit einer Pappe und einem Stift daran, der Knabe schneidet ihr den Weg ab und verweist mit einem Stift auf sein Klemmbrett. Die Touristin lächelt verunsichert, wehrt ab, doch der Junge trampelt ihr in bewundernswerter Aufdringlichkeit direkt vor den Füßen herum, das dicke Mädchen folgt in kurzer Entfernung.
Ich hatte derartige Szenen einige Male gesehen, die Ganoven geben sich als Taubstumme aus und behaupten, Unterschriften für wohltätige Zwecke zu sammeln. Ich dachte, es ginge um die Gewinnung von Adressen für weitere Untaten (welcher Art auch immer) oder „lediglich" Spendenerschleichung, zumal einer Freundin kurz zuvor ihre Handtasche noch ohne große Täuschungsmanöver auf ganz klassische Weise entwendet worden war.

Die Berliner und überregionale Presse scheint das Thema nicht für relevant zu halten, für die Hauptstadt finden sich trotz der offenkundigen Virulenz des Problems kaum Artikel. Allerdings konnte ich reichlich Meldungen aus anderen Städten finden, welche sich dessen annahmen. Demzufolge sind die Spendenlisten nichts als ein Ablenkungsmanöver, um die als Opfer Auserkorenen nebenbei bestehlen zu können.

Klaus Tigges vom Bochumer Kriminalkommissariat Kriminalprävention / Opferschutz äußerte sich zur Vorgehensweise der Schmalspurschurken wie folgt: „In der Regel stehen schon zwei bis drei gefakte Eintragungen auf der Spendenliste, die den Anschein erwecken sollen, dass man nicht der Erste ist und stattdessen denkt, aha, da wird schon fleißig gespendet!“ Der nichtsahnende Passant werde gebeten, sich in die Spendenliste einzutragen und hole seine Geldbörse heraus, und diesen Moment der Ablenkung nutze ein anderer Täter der Gruppe, um Geldscheine oder andere Wertgegenstände zu erbeuten, informiert „Polizei - Dein Partner", das Präventionsportal der Polizeigewerkschaft. Auch Außentische von Lokalen und Geldautomaten werden als bevorzugte Tatorte genannt.
Explizit wird von „jungen Männern und Frauen südosteuropäischer Herkunft“ gesprochen. "Es liegt außerdem die Vermutung nahe, dass die jungen Täterinnen und Täter von Hintermännern – möglicherweise Familienmitgliedern – gesteuert werden, die sich versteckt halten und die Mädchen und Jungen zu den Betrugstaten zwingen“, so die amtliche Seite. Kriminalhauptkommissar Klaus Tigges ergänzt: „Es ist schwierig, in diesem Bereich genaueres festzustellen. Die Aussagebereitschaft der festgenommenen Täter ist erwartungsgemäß nicht sonderlich hoch. Nach der Vernehmung werden die Jugendlichen an eine Jugendschutzstelle übergeben und sind danach relativ schnell wieder verschwunden.“

Alles in allem gewiß ein alter Hut - allerdings geht er in Berlin derzeit von einem Kopf zum anderen, und die hiesige Politik schützt sicher niemanden davor, sich Kopfläuse zu holen.

http://www.polizei-dein-partner.de/themen/diebstahl-betrug/detailansicht-diebstahl-betrug/artikel/betruegerische-spendensammler.html

Letzte Änderung am Mittwoch, 28 Januar 2015 16:50
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Ruedi Strese

Mag. Ruedi Strese (Jahrgang 1980) machte 2001 sein Abitur und lebt in Berlin.

Nach seinem Studium der Germanistischen Linguistik und der Südostasienwissenschaften an der Humboldt-Universität und Abschluß mit dem Magistergrad im Jahr 2010 arbeitete Ruedi Strese als Lektor, Autor und Musiker.

Seit Dezember 2014 leitet er die Redaktion von COLPORTAGE.

Webseite: www.colportage.de

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