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Pionierleistungen für die heutige Gothic und Electro-Szene

„Auf der Suche nach neuer Musik“ – die Musik der Gegenkultur Teil 4

Dienstag, 17 November 2015 05:54 geschrieben von 
"The Velvet Underground (Promofoto von 1993)" "The Velvet Underground (Promofoto von 1993)"

Zürich – Im vierten Teil unserer aktuellen Serie zur Geschichte des musikalischen Untergrunds der 60er und 70er Jahre widmen wir uns zum einen einigen Formationen, welche im weiteren Sinne als Proto-Gothic gelten können bzw. wesentliche Elemente des Gothic bereits vorwegnahmen, zum anderen solchen Gruppen, die früh mit elektronischen Elementen experimentierten.

Cromagnon
Erwähnenswert ist in diesem Kontext eine vergessene Musikformation, die den Namen Cromagnon trug und in den späten 60ern aktiv war. Ihrer Feder entstammt ein extrem sonderbares Werk, das in der damaligen Zeit keinen Erfolg feiern konnte, im Rückblick aber die Vorwegnahme verschiedenster später aufgekommener Musikstile war. Bezeichnend sagte ein Musikkritiker über das Werk, nachdem es als CD wiederveröffentlicht wurde, dass es wie „Einstürzende Neubauten gone Black Metal“ klänge.  So verbindet diese Gruppe Elemente des Psychedelic Rock mit Versatzstücken des Folk Rock bereits 1969 zu einer Vorform von Martial Industrial, No Wave und Noise Rock:

Cromagnon – Caledonia
https://www.youtube.com/watch?v=U8jOhqOsouM
The Velvet Underground
Zur selben Zeit war auch der Künstler Andy Warhol aktiv, der in der experimentellen Rockband „The Velvet Underground“ ein Medium für seine Kunst fand. So wurde das erste und bekannteste Album der Band komplett nach seinen Wünschen gestaltet und produziert sowie durch ihn vermarktet. Noch heute bekannte Musiker waren in dieser Formation für das erste Album zusammengekommen, so fanden sich 1967 sowohl Lou Reed und John Cale darin ein, als auch die deutsche Schauspielerin Nico, welcher noch ein separater Artikel gewidmet ist. Wie der Name der Band lautete darum auch der Titel des Albums „The Velvet Underground & Nico“. Auch dieser Gruppe war jedoch kein großer kommerzieller Erfolg beschieden, sie wird indes im Rückblick als Band angesehen, die ihrer Zeit weit voraus war. Pionierleistungen erbrachten sie im musikalischen Bereich beim ersten Album, indem sie Elemente verwendeten, die der Minimal Music La Monte Youngs und John Cages entstammten. Hörbar wird dies an der Monotonie des Schlagzeugspiels und am Stilmittel des „Dröhnens“. Dieses wurde einerseits von John Cale durch eine elektrische Viola erzeugt und von Reed durch das von ihm erfundene „Ostrich-Tuning“ der Gitarre, wobei alle Seiten auf den gleichen Ton gestimmt werden. Das Dröhnen selbst steht wiederum in der Tradition der „Drones“ von La Monte Young.
Im lyrischen Bereich war die Beschreibung des als negativ und verkommen angesehenen Teils der Konsumgesellschaft revolutionär. Zur Blütezeit der farbenfrohen Hippiebewegung entstand hier als Gegenreaktion darauf ein finsteres musikalisches Kunstwerk, das sich mit Homosexualität, Gewalt, Drogensucht, Sadomasochismus und Prostitution befasste. Mit ihrem zweiten Album von 1968, das den Titel „White Light / White Heat“ trägt, etablierten sie als erste Musikformation die Kakophonie als Stilelement ihrer Musik und Antiästhetik. Auch dieses floppte an der Verkaufstheke, weil es seiner Zeit weit voraus war. Doch wurde insbesondere das 17minütige Stück „Sister Ray“ prägend für viele Musiker, da dessen Klang angefüllt war von Feedbacks, dissonanten Orgeltönen, einem monotonen Gitarrenteppich und Verzerrern. Schlussfolgernd ist zu sagen, dass diese Gruppe mit den Alben ihrer Anfangstage ebenso die Punks wie auch die dunkle Szene und sogar die Black Metal Band „Forgotten Woods“ beeinflusste. Nachfolgend sollen zwei Musikstücke als Beispiele dienen, einerseits das von Siouxsie and The Banshees gecoverte „All tomorrow’s parties“ und das von Joy Division nachgespielte Stück „Sister Ray“. 

The Velvet Underground & Nico – All tomorrow's parties
https://www.youtube.com/watch?v=M88Ca91hTWs

The Velvet Underground – Sister Ray
https://www.youtube.com/watch?v=53F5nY68cBM

Silver Apples
Hinter der Formation Silver Apples steckten Simeon Oliver Coxe, der einen selbstgebauten Synthesizer verwendete, und der Schlagzeuger Danny Taylor, die zusammen diese Gruppe 1967 in New York gründeten. Die Inspiration für den Bandnamen fanden sie in einem Gedicht von William Butler Yeats, das den Titel „The Song of the Wandering Aengus“ trägt. Die von ihnen produzierte Musik wird dem schon beschriebenen Genre des Space Rock zugerechnet, gilt aber auch als einer der frühesten Versuche, elektronische Musik mit Rock zu verbinden. Im Jahr 1968 erhielten sie einen Plattenvertrag, woraufhin ihr selbstbetiteltes Debutalbum herauskam, im Jahr darauf ihr zweites mit dem Namen „Contact“, und 1970 nahmen sie noch ein drittes auf, welches jedoch nicht herausgegeben wurde, da das Label seine Tätigkeit einstellte. Die Band selbst löste sich dann auch auf, wurde jedoch 1996 von Simeon wieder gegründet, da 1994 ein deutsches Label beide Alben auf CD herausbrachte und damit großes Interesse für die Gruppe aufkam, weshalb weltweit Künstler Coverversionen der Lieder anfertigten oder sie in Samples verarbeiteten. So kam es dann auch dazu, dass 1998 das dritte, bis dato unveröffentlichte, Album „The Garden“ herausgegeben wurde. Eine Pionierrolle nimmt die Band ein, weil sie nicht nur die experimentelle elektronische Musik antizipierte, sondern auch die spätere elektronische Tanzmusik sowie den Indie Rock. Nachfolgend einige Hörbeispiele, die den frühen Einsatz primitiver Synthesizer zeigen.

The Silver Apples – Oscillations
https://www.youtube.com/watch?v=t1xOZyBc2Ck  
Silver Apples - I Have Known Love
https://www.youtube.com/watch?v=aYRE-kXPoXg&spfreload=10  
The United States of America
Tatsächlich bestand zwischen 1967 und 1969 eine Gruppe, die sich diesen Namen gab und ebenso ihr einziges Werk betitelte. Darin fanden sich Rand Forbes, Craig Woodson, Joe Byrd und Dorothy Moskowitz zusammen, um bis dato Ungekanntes zu bieten. Besonders interessant für damalige Verhältnisse ist ihr untypischer Verzicht auf den Einsatz von E-Gitarren, dafür wurden ein Piano, speziell für das Album hergestellte Synthesizer sowie andere elektronische Instrumente wie ein elektrisches Cembalo, elektrischer Bass, elektrische Violine und ein Calliope verwendet. Textlich versuchten sie, an der Überflussgesellschaft Kritik zu üben, jedoch finden sich auch für damalige Verhältnisse typische Elemente, wie die Glorifizierung der Liebe. Bekannt sind sie auch dafür, als erste Gruppe bei Liveauftritten eine Nebelmaschine verwendet zu haben, jedoch war es genau die Tour, die zur Auflösung der Gruppe führte. So hatten sie oft Probleme mit den Gerätschaften, und gewisse Mitglieder konnten manchmal nicht auftreten, weil sie wegen Drogenbesitzes im Gefängnis saßen.

The United States of America - The garden of Earthly Delights
https://www.youtube.com/watch?v=C0cuX0WSdhg  
The United States Of America - The American Metaphysical Circus
https://www.youtube.com/watch?v=fE1DDR-oATM  


Fifty Foot Hose
Dies ist eine weitere Gruppe, die im Bereich der elektronischen Musik eine Pionierrolle innerhalb Amerikas einnimmt. Sie bestand ursprünglich nur von 1967 bis 1969 und setzte sich aus Kim Kimsey, Larry Evans, Louis Marcheschi, David Blossom und Nancy Blossom zusammen. Inspiriert von Jazz, Psychedelic Rock sowie Minimal Classic Komponisten wie Terry Riley und John Cage oder Klangkünstlern wie Edgar Varèse und George Antheil, begannen Marcheschi ein eigenes elektronisches Instrument herzustellen. Dieses setzte sich aus Teilen von Verzerrern, Theremin, einem Lautsprecher aus dem Zweiten Weltkrieg sowie einer Kartonrolle zusammen. Produziert hat die Gruppe nur ein Album, das den Titel Cauldron trägt und 1967 veröffentlicht wurde, wonach sie eine Tour absolvierten. Aufgelöst hat sich die Gruppe, weil die meisten ihrer Mitglieder dem bekannten Musical „Hair“ beitraten, jedoch gab es eine Reunion der Band im Jahr 1995, da man in den 90ern ihre Pionierleistung im Bereich der elektronischen Musik wieder entdeckte. Auch von dieser Formation sollen anschließend einige Hörbeispiele folgen.

Fifty Foot Hose – Cauldron
https://www.youtube.com/watch?v=1cq-A8BouRg  
Fifty Foot Hose – Rose
https://www.youtube.com/watch?v=yzYRTxulbuQ

Letzte Änderung am Donnerstag, 19 November 2015 04:55
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David Beetschen

David Beetschen wurde am 28.09.1988 in Zürich geboren, wo er seitdem auch wohnt.

Er studiert Wirtschaftsrecht, arbeitet als Treuhandassistent und ist Offizier der Schweizer Armee. Er ist als Dichter Mitglied der „Eurasian Artists Association“. Regelmäßig verfaßt er Artikel für das Studentenjournal Blaue Narzisse. Für COLPORTAGE befaßt er sich u.a. mit Fragen der Musik und Kunst.

Redaktion