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Der neueste Streich einer Untergrund-Legende

Allerseelen und das unbekannte Land

Samstag, 18 Juli 2015 16:35 geschrieben von 
Allerseelen „Terra Incognita" Allerseelen „Terra Incognita" © Gerhard Hallstatt, 2015

Berlin - Nach einer langen Wartezeit meldet sich die bereits seit Ende der 1980er Jahre aktive Post-Industrial-Legende Allerseelen mit einem bemerkenswerten neuen Album namens „Terra Incognita" zurück. COLPORTAGE hat das Werk zur Besprechung erhalten.

Typisch für Allerseelen ist ein eigenwilliger Stil, der auf ständiger Wiederholung eines treibenden Grundmusters beruht, welches meist am Industrial angelehnt ist, wozu dann sehr verschiedene Stileelemente zur Farbgebung hinzutreten, das kann mal Ambient, mal Flamenco oder auch Black Metal sein. Dazu tritt dann meist der monotone Sprechgesang Gerhard Hallstatts, des Kopfes des Projekts. So entsteht bei Allerseelen das Phänomen, daß bei gewaltiger klanglicher Variationsbreite doch immer der Urheber erkennbar ist. Ebenfalls eine Eigenart von Allerseelen ist die Mehrfachvertonung der gleichen Texte in verschiedenen Versionen; auch „Terra Incognita“ enthält Stücke, die bereits in anderer Form auf früheren Veröffentlichungen enthalten waren.

 

Insgesamt 15 Lieder gilt es zu entdecken:

Steingeburt (2015) - Den Anfang bildet ein Stück, welches auf gleichzeitig ritualartigen und maschinenhaften Rhythmen basiert, dazu gibt es kraftvolle Synths, die sich zum Ende des Stückes steigern.

Fliegerlied - Vermutlich der Hit des Albums ist die packende, vorwärtsstürmende Vertonung des bekannten „Flieger , grüß mir die Sonne“ von Walter Reisch. Für die Gitarre zeichnet sich Daniel P. Arníca, welcher sonst bei der spanischen Folkband Arníca beschäftigt ist, verantwortlich. Hat definitv das Zeug zum Hit in den Tanzschuppen des Neofolk-/Industrial-Untergrunds.

Böses Blut - Maschinenartige Rhythmik, eine simple und gleitende Baßlinie und stark verzerrte Stromklampfen dienten der Vertonung dieses vom Allerseelen-Kopf selbst verfaßten Gedichtes.

Ikarus - selten ist Gerhard Hallstatts Stimme als Gesang zu hören, nicht nur gesprochen. Hier ist dies der Fall, der Titel bedient sich überdies sphärischer Ambient-Elemente und verzögerter Bluesrhythmik.

Flamme (2015) - Die neuerliche Vertonung des Nietzsche-Gedichts steht mit grummelndem Bass (gespielt von Marcel P. von Miel Noir) und einem monoton wiederholten jazzigen Sample dazu in starkem Kontrast und zeigt eine humorvolle Seite des Projekts.

Totenschiff - Ein Text von Richard Wagner, in typischer Allerseelen-Manier mit leicht lärmigen Elementen, Keyboards von Marcel P.

Thule (2015) - Die Worte, welche Hallstatt spricht, sind von einem gewissen Johann Wolfgang von Goethe verfaßt worden, umgesetzt wurde das Ganze in einer Art Industrial-Blues mit minimalistischen Gitarren und verträumt-elektronischen Klängen.

From The Emptiness - Ebenfalls von früheren Allerseelen-Veröffentlichungen bekannt, der einzige englische Text auf „Terra Incognita", verfaßt und auch gesprochen von Robert N. Taylor von der Uralt-Neofolk-Band „Changes", hier in einer seltsam entrückt wirkenden Version enthalten. An der Gitarre wieder Daniel P. Arníca.

Grünes Licht - Einer von Hallstatts eigenen Texten, typische Allerseelenmischung aus eher krachigen Klängen und Ambient-Elementen. Die Gitarre spielt Alexander Wieser, bekannt durch seine J.R.R. Tolkien gewidmeten Dark Ambient und Black Metal-Projekte wie Uruk-Hai und Hrossharsgrani.

Neunmondmesser - geht in eine sehr ähnliche Richtung, mit leicht verstörenden, schnellen Percussions.

Sturmlied (2015) - Das Gedicht von Ricarda Huch wurde von Allerseelen bereits mehrfach vertont. Auf „Terra Incognita“ findet sich eine baßgetriebene Fassung mit minimalistischen Electro-Elementen.

Wir sind Schwäne (2015) - Ein leicht jazziges Stück, mit entspannter Ambient-Atmosphäre, doch nicht ohne Allerseelen-typische schräge Klangelemente.

Panzergarten (2015) - enthält deutliche Anleihen an Post-Punk und Proto-Gothic wie Joy Division oder Bauhaus.

Was wissen wir vom Licht - Ein industrialmäßig verfremdeter Bluesrhythmus bildet die Grundlage, aus irgendeinem Grund drängen sich mir Assoziationen zu eher minimalistisch-düsteren Stücken des NDW-Untergrunds auf (frühe Abwärts, Grauzone usw.).

Schwarzes Vinyl - auch hier ein sehr langsam gespielter Bluesrhythmus, kombiniert mit einer minimalistischen Baßlinie. Dazu gibt es wabernde Stromgitarren und jammernde Rückkopplungseffekte. Ein eigenartiger und gelungener Abschluß.

Alles in allem ein hervorragendes Werk, welches, wie von Allerseelen bekannt, eine interessante Mischung aus Minimalismus und Facettenreichtum bietet, Anhänger nicht enttäuschen wird und für Neueinsteiger gleichfalls zu empfehlen ist. Das Album kommt im schmucken Digipak, das Beiheft enthält von dem passionierten Wanderer Gerhard Hallstatt selbst geschossene Fotos schneebedeckter Gipfel sowie den Großteil der Texte auf Deutsch und deren englische Übersetzungen. Erhältlich ist die CD unter anderem beim Aorta Mailorder. Wir werden versuchen, demnächst dem Künstler einige Antworten auf anfallende Fragen zu entlocken. Hörproben finden sich hier:

https://www.youtube.com/watch?v=AXKAqE1ExUU

 

Verweise:

http://www.discogs.com/user/Aorta.Mailorder

https://www.facebook.com/allerseelen.allerseelen?fref=ts

https://www.facebook.com/aorta.mailorder.aorta?fref=ts

http://allerseelen.blogspot.de

http://aortamailorder.tumblr.com

Letzte Änderung am Samstag, 18 Juli 2015 16:44
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Ruedi Strese

Mag. Ruedi Strese (Jahrgang 1980) machte 2001 sein Abitur und lebt in Berlin.

Nach seinem Studium der Germanistischen Linguistik und der Südostasienwissenschaften an der Humboldt-Universität und Abschluß mit dem Magistergrad im Jahr 2010 arbeitete Ruedi Strese als Lektor, Autor und Musiker.

Seit Dezember 2014 leitet er die Redaktion von COLPORTAGE.

Webseite: www.colportage.de

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