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Einfluss und Fortwirken in Amerika

"Auf der Suche nach neuer Musik" - Die Musik der Gegenkultur Teil 1

Dienstag, 13 Oktober 2015 20:46 geschrieben von 
der Musikethnologe Alan Lomax der Musikethnologe Alan Lomax

Zürich - Diese Artikelreihe soll der Leserschaft Einblick geben in eine für sie eventuell fremde Welt, die gerne als „Gegenkultur“ betitelt wird. Dabei liegt der Fokus hier im musikalischen Bereich und könnte Personen, die gerne Rock, elektronische Musik oder Folk hören, in ihren Bann ziehen. Die Reihe sei insbesondere all jenen Liebhabern von Neofolk ans Herz gelegt, die zu „rechts“ sind, um Musik zu hören, die von vermeintlich „linken“ Personen produziert wurde. Die Frage, warum genau nun auch diese Gruppe trotzdem weiterlesen soll, ist ganz einfach zu beantworten: weil innerhalb dieser Kultur auch auf subtile Weise die Romantik ihre Wiedergeburt feiern konnte. Nach Dávila „drückt“ „die Romantik“ im Wesentlichen das Verlangen aus, nicht hier zu sein: hier an diesem Ort, hier in diesem Jahrhundert, hier in dieser Welt.“ Weiter sagt er, „die Romantik“ sei „das jugendliche Stammeln der Reaktion, die Reaktion ist die reife Diktion der Romantik“. Um nun zu belegen, dass die Gegenkultur nicht bloß einfach negativ war, sondern stellenweise „reaktionäre“ Träume erstrebte, wird mit den nächsten Artikeln eine musikhistorische Reise unternommen, die darum insbesondere für Neofolk-Hörer interessant sein dürfte, da wir hier in eine Kultur blicken, welche stark von Folkmusik geprägt wurde. Im Weiteren soll auch erwähnt werden, dass heute noch Gruppen existieren wie z.B. Changes, die aktiv an der Neofolk-Kultur teilnehmen, aber sich schon damals betätigten oder junge Künstler dieser Szene wie In Gowan Ring, die sich an der damaligen Musik orientieren.

Folkrevival – Die Entdeckung des „Eigenen“
Innerhalb Amerikas hat die weite Verbreitung von Folkmusik ihre Anfänge bereits  in den 1950er Jahren, als sich die meist weißen Mittelständler für die Musik ihres Landes zu interessieren begannen. Hierbei spielten insbesondere Personen wie der Musikologist John Lomax und sein Sohn, der Musikethnologe Alan Lomax, eine wichtige Rolle, da sie, wie einst die Gebrüder Grimm, auszogen und Folksongs aus Amerika, Großbritannien und anderen Ländern archivierten So fand dann bereits ab dem Jahr 1959 alljährlich das „Newport Folk Festival“ statt. Verschiedenste Musiker und Musikerinnen erschufen damals schon Perlen der Folkmusik, die oft wegweisende Kompositionen darstellten, welche später wiederverwendet wurden. Als Beispiel folgt hier ein Lied von 1962, das eine Live-Aufnahme darstellt. In diesem Jahr sang die damals 21 jährige Kanadierin Bonnie Dobson bei einem Konzert mit dem Titel „Folk City“ das Lied „Morning Dew“. Dieses Lied, welches einen postapokalyptischen Inhalt besitzt, wurde von der Psychedelic Rock Band Grateful Dead bekannt gemacht und auch von der Rockband Nazareth sowie der Experimental Rock Band Einstürzende Neubauten neuinterpretiert. 

Bonnie Dobson – Morning Dew – 1962 
https://www.youtube.com/watch?v=qgl0YfJiz80

Grateful Dead – Morning Dew – 1967 
https://www.youtube.com/watch?v=LN0-gUohb9I&spfreload=10

Nazareth – Morning Dew – 1971 
https://www.youtube.com/watch?v=HvWqAC4YbE0&spfreload=10

Einstürzende Neubauten – Morning  Dew – 1987 
https://www.youtube.com/watch?v=AKph85t92Wc&spfreload=10

Politischer Progressive Folk
Für das Folkrevival war insbesondere auch das Aufkommen des Progressive Folk maßgeblich. Die Musik selbst wurde jedoch nicht so genannt, weil etwas an ihr selbst progressiv war, sondern weil sie vielfach aus progressiven Kreisen stammte. Woody Guthrie und Pete Seeger waren hierbei die wichtigsten zwei Gestalten, die selbst hinwiederum Joan Baez oder Bob Dylan inspirierten. Von Pete Seeger folgen nun einige seiner bekanntesten Werke, mit denen verdeutlicht wird, wie die damalige progressive Musik selbst Teil der amerikanischen Folkkultur wurde. Seeger selbst verbreitete auch das Spielen des Banjos wieder und benutzte daneben oft auch eine 12-seitige Gitarre. 

Pete Seeger – Where have all the flowers gone
https://www.youtube.com/watch?v=686sBxeUm14

Pete Seeger – Guantanamera
https://www.youtube.com/watch?v=h0gg3-xvMB0

Pete Seeger – Kumbaya
https://www.youtube.com/watch?v=mSUmzMi-vwQ

Musikalischer Progressive Folk - Neue Klangfarben halten Einzug
Früh schon beginnen einige Interpreten des Folks sowohl mit traditionellen, jedoch nicht bekannten, als auch mit orientalischen Instrumenten Lieder einzuspielen. Daneben wurden auch neue Formen entwickelt und gebraucht, um ungewohnte Klänge aus der akustischen Gitarre zu zaubern, einerseits durch die Einführung neuer Stimmweisen der Seiten und andererseits durch neue Zupftechniken. Obwohl hier der Teil zu Amerika behandelt werden soll, muss an dieser Stelle vorgegriffen werden, da wesentliche Impulse zu dieser Entwicklung aus England kamen. 

Sandy Bull und John Fahey
Bereits 1963 gab der Amerikaner Sandy Bull mit seinem Album „Fantasias for Guitar and Banjo“ ein Werk heraus, das von verschiedensten Stilen geprägt war. So verband er darin Elemente des Jazz mit Elementen des Folk und arabischen sowie indischen Tonarten.  Auch der Gitarrist John Fahey benützte früh schon ungewöhnliche Aufnahmetechniken, bswp. rückwärtslaufende Kassetten oder arbeitete mit ausladendenden Improvisationen und Dissonanzen. 

Sandy Bull – Blend
https://www.youtube.com/watch?v=QUgj94xGS3g

John Fahey – The Great San Bernardino Birthday Party
https://www.youtube.com/watch?v=Icv6U4cfBPE

Steve Benbow und Davy Graham
In England kam es ebenso zu einem Folk Revival wie in Amerika, was ausführlich in den dafür vorgesehenen Artikeln behandelt wird, insbesondere auch die Bedeutung von Davy Graham. Hier trotzdem erwähnt werden müssen insbesondere diese zwei Personen im Titel, da sie auch wesentlichen Einfluss auf amerikanische Folkmusiker hatten. Angeregt durch Steve Benbow, der bereits 1957 zwei Kollektionen mit jeweils englischen sowie amerikanischen Folksongs herausgab und ein von marokkanischer Musik geprägtes Gitarrenspiel verbreitete, begann Davy Graham seine Musik zu machen. Bereits mit 19 Jahren schrieb er das Stück Angi (a.k.a Anji), welches heute als erstes Gitarreninstrumental angesehen wird und auf seiner 1962 veröffentlichten Debut EP herauskam. Markant an diesem Stück ist insbesondere die gezupfte Spielweise, doch Davy Graham ist auch für die Einführung der DADGAD Stimmweise der Gitarre bekannt, die heute bei Folkmusikern weitverbreitet ist. Erfunden hat er sie, als er selbst durch Marroko reiste und versuchte, einen Weg zu finden, um Musik der dort weitverbreiteten Oud auch auf einer normalen Gitarre spielen zu können. Um den Klang dieser Stimmweise zu zeigen, folgt hier als letztes Musikbeispiel ein traditionelles irisches Stück namens „She moved through the fair“, bei welchem er sie angewandt hat.

Steve Benbow - Paddy and the whale
https://www.youtube.com/watch?v=DM-LTLqQLOk

Ed und Paul Simon – Anji 
https://www.youtube.com/watch?v=jN2sWrr6l80

Davy Graham – She moved through the fair
https://www.youtube.com/watch?v=CYABfZ7HMhM

Donovan und Shawn Philips
Hier nun haben wir zwei Lieder aus dem Jahr 1966, mit denen die beiden Musiker Shawn Phillips und der Schotte Donovan in einer Fernsehsendung namens „Rainbow Quest“ auftraten, in der sie ein Stück namens Kingfisher darboten und ein weiteres, welches der Königin Guinevere aus der Artussage gewidmet war. Der Amerikaner Shawn Phillips benutzte dabei ein sehr spezielles Instrument, eine indische Sitar, deren Fähigkeiten er im Video auch kurz vorstellt. Die Sitar selbst ist insbesondere für die psychedelische Musik wichtig, auf die in einem späteren Absatz näher eingegangen wird. Donovan, der wiederum von Bob Dylan inspiriert wurde, ist sehr bekannt für seine verträumt-romantischen Stücke und bildet heute noch eine stilistische Inspirationsquelle für das Neofolk-Projekt In Gowan Ring. 

Donovan und Shawn Philips – Kingfisher
https://www.youtube.com/watch?v=lRxKl0zz2tE

Donovan und Shawn Philips – Queen Guinevere
https://www.youtube.com/watch?v=8kvb4LHq82M


Mimi und Richard Farina
Nachfolgend zwei Beispiele vom Ehepaar Mimi und Richard Farina, die damals ebenfalls in der Sendung „Rainbow Quest“ auftraten, wo sie traditionelle Lieder vortrugen, bei denen der Gatte eine sog. Appalachian Dulcimer spielte. Mimi war eine geborene Baez und die Schwester der berühmten Musikerin Joan Baez (Musikbeispiel im zweiten Artikel zu frühem Darkfolk beim Teil zu „Lily of the West“). Ihr Ehemann Richard war zuvor jedoch noch mit Carolyn Hester verheiratet gewesen (Musikbeispiel im zweiten Artikel zu frühem Darkfolk beim Teil zu „Sally Free and Easy“), die ebenfalls eine berühmte Dame des damaligen Folkrevivals war und ihm das Spielen der Appalachian Dulcimer beibrachte. Dieses Zupfinstrument war in der Zeit der 1960er Jahre weitestgehend vergessen und die Verwendung durch ihn führte zu einer kleinen Renaissance des Instruments. Daneben war er auch literarisch tätig, schrieb Gedichte und kurz vor seinem Tod bei einem Motoradunfall kam 1966 sein Roman „Been Down So Long It Looks Like up to Me“ heraus, welcher innerhalb der Beat-Literatur zum Klassiker wurde.

Mimi und Richard Farina – Bold Marauder
https://www.youtube.com/watch?v=6KbSMYRMbDE

Mimi und Richard Farina – Celebrations for a grey day
https://www.youtube.com/watch?v=WdxMG1N5Zgw

Robbie Basho
Als letztes folgen drei Stücke des Musikers Robbie Basho, der das Gitarrenspielen mit Stahlseiten und 12-Seitigen Gitarren verbreitete. Daneben ist er, der bereits 1965 sein erstes Album herausgab, bekannt für das Verwenden des Finger-Picking-Stils, wozu er durch die Art und Weise, wie eine indische Gitarrenform namens Sarod gespielt wird, inspiriert wurde. Basho, selbst katholisch erzogen, stellte jedoch einst fest, dass er sich periodenweise mit verschiedenen Philosophien sowie Religionen und fernöstlichen Tonarten auseinandersetzte. Im Bereich der Religionen und der Philosophie lagen darum zeitweise seine Interessenschwerpunkte beim Hinduismus, in Japan, dem antiken Iran oder bei den nordamerikanischen Indianern. Diese Auseinandersetzung schlug sich wiederum auf die Gestaltung der Texte nieder und zeugt von einer tiefen Spiritualität. Zu erwähnen ist auch ein moderner Gitarrist namens James Blackshaw, welcher schon im zweiten Artikel zur Minimal Music Erwähnung fand und einen ähnlichen Stil wie Basho besitzt. 
Robbie Basho – A North American Raga – The Plumstar
https://www.youtube.com/watch?v=8Ezp0WMTAzc

Robbie Basho – Cathedrals et fleur de lis
https://www.youtube.com/watch?v=jWnpuPlzxmQ

Robbie Basho – Pavan Hindustan
https://www.youtube.com/watch?v=8pWgUF9bEFE

Loner Folk und früher Darkfolk
Während des Folkrevivals entstanden jedoch nicht nur Werke, die sich kritisch mit der damaligen Zeit auseinandersetzten, neue musikalische Grenzen ausloteten oder Werke, mit denen man versuchte, bloß Geld zu verdienen, sondern auch eigensinnige Hinterlassenschaften in Kleinstauflagen. Vielfach heute als Rarität gesuchte Veröffentlichungen  wurden damals von Menschen aufgenommen, die sich selbst oft lediglich mit einer akustischen Gitarre begleiteten. Thematisch waren die Werke breit gefächert, so dass man von psychedelischen Klanggebilden bis hin zu melancholischen Liedern sehr vieles antreffen kann. Nachfolgend einige melancholische Werke, wobei an dieser Stelle für weitere Ausführungen auf die bereits veröffentlichte Artikelreihe zu frühem Darkfolk verwiesen werden soll. 

Rick Deitrick – For Marsha
https://www.youtube.com/watch?v=O5hislWoG4s

Bob Desper – Darkness is like a shadow
https://www.youtube.com/watch?v=gCP_7hag9ck

Dayle Stanley – A Child of hollow times
https://www.youtube.com/watch?v=UyZxsesxgLc

Dayle Stanley – The Yonghy-Bonghy-Bo (Interpretation des Gedichts The Courtship of the Yonghy-Bonghy-Bo von Edward Lear)
https://www.youtube.com/watch?v=lXa9EOP-6sU

Tina Lawton – The Lowlands of Holland 
https://www.youtube.com/watch?v=qMawkCuKS7w

Vashti Bunyan - Winter is blue
https://www.youtube.com/watch?v=_Fpw7Z0Ncgg

Tim Buckley - Song to the Siren
https://www.youtube.com/watch?v=vMTEtDBHGY4

Tom Rush – Urge for Going 
https://www.youtube.com/watch?v=Vk9QFRvVQQ0

Nicodemus - Long road to Depression
https://www.youtube.com/watch?v=O8AcwdEJdyo

Tim Murphey - Poets need the rain
https://www.youtube.com/watch?v=95h0IvOhiY4

Letzte Änderung am Dienstag, 13 Oktober 2015 20:51
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David Beetschen

David Beetschen wurde am 28.09.1988 in Zürich geboren, wo er seitdem auch wohnt.

Er studiert Wirtschaftsrecht, arbeitet als Treuhandassistent und ist Offizier der Schweizer Armee. Er ist als Dichter Mitglied der „Eurasian Artists Association“. Regelmäßig verfaßt er Artikel für das Studentenjournal Blaue Narzisse. Für COLPORTAGE befaßt er sich u.a. mit Fragen der Musik und Kunst.

Redaktion