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Ein literarischer Beitrag

Boris Nad: Odin

Sonntag, 03 April 2016 16:22 geschrieben von 
Odin, als Wanderer, aus einer schwedischen Ausgabe der Edda von 1886 Odin, als Wanderer, aus einer schwedischen Ausgabe der Edda von 1886

Berlin - Einst wird das verdammte Schiff, welches aus den Nägeln der Toten gemacht wurde, die Welt verdunkeln.

Ihm werden eine drei Jahre währende Kälte, der heulende Wolf, drei rote Hähne und viele andere warnende Zeichen vorausgehen. Während er seinen Thron in den Lüften ersteigt - einen unheimlich hohen Turm, welcher alles überragt, was je von Göttern oder Menschen errichtet wurde - sieht Odin ihn jede Nacht wachsen.
Bis dahin jedoch, bis diese Zeit kommt, wird Odin jeden Morgen von der Spitze seines Turms mit Freude auf die Welt blicken, er wird auf dieses ausgedehnte Land der Giganten und Menschen schauen, er sieht das Land im ersten Schimmern der Morgensonne.
Und dann werden auf Odins ausgestreckten Händen zwei Vögel, zwei Raben, landen; Gedanke ist der Name des ersten, und der Name des anderen ist Erinnerung.

Nun ist das Land grün und fruchtbar, doch es war nicht immer so. Um das Land zu einer Heimat für gute Menschen zu machen, mußten viele schwere Schlachten mit den felsigen Giganten gewonnen werden. Die Schönheit der Welt ist vergänglich. Es wird eine Zeit kommen, in der all dies im Feuer verschwinden wird. Heimdall, der Wächter der Brücke, welche Himmel und Erde verbindet, wird dies mit einem einzigen kraftvollen Blasen seines Horns ankündigen.
Es wird der Moment sein, in dem die riesige Midgardschlange, grün wie die See, erwacht; von ihrer kraftvollen Bewegung wird die Erde beben. Es wird der Tag sein, an dem die Brücke Bifrost mit schrecklichem Donnern unter dem Gewicht der überirdischen Armeen zusammenbrechen wird. Der Tag, an dem die Himmelswölfe den Mond und die Sonne verschlingen werden und an dem die völlige Finsternis die Welt bedecken wird, und Odin und Thor und viele andere Götter werden im ungleichen Kampf fallen.
Die Schlacht wird heftig, doch kurz sein. Das Ergebnis der Schlacht zum Ende der Welt ist bereits vorherbestimmt. Götter und all die Menschen, welche auf ihrer Seite kämpfen werden - all jene, die je tapfer in diesem Land gestritten haben - können es nicht ändern. Und, gleich wie tapfer sie dieses Mal auch kämpfen mögen, des schwarzen Surtrs Lohe, der in der Schlacht vor den Kindern Muspels reiten wird, wird schließlich den Grund entzünden mit seinem Schwert, heller als die Sonne, dessen Flammen an allen seinen vier Seiten auflodern werden. Einer nach dem anderen werden die Sterne erlöschen. Das Land wird schließlich im Ozean versinken; das Anti-Sein wird sich gegen das Sein durchsetzen. Es wird die berühmteste und schwerste Schlacht sein, die seit Anbeginn der Zeit stattgefunden hat, eine Schlacht, in welcher Götter oder Menschen nicht gewinnen müssen, sondern lediglich ihre Pflicht erfüllen, ungeachtet des Ausgangs ihre Pflicht bis zum Ende erfüllen müssen.

Odin weiß das (er kennt das Geheimnis der Runen). Und er weiß, daß durch seine Unfähigkeit, die Kränkung zu ignorieren, er eines Tages seinen Speer werfen wird, welcher vielen den Tod bringen wird, einschließlich seines Sohnes, und so wird er auch die fatale Kette von Ereignissen einleiten, welche wir als „Götterdämmerung“ kennen. Odin weiß, daß er im ersten Kampf sterben wird, verschluckt, verschlungen vom monströsen Wolf Fenrir. Er weiß dies, denn neun Tage und Nächte verbrachte er kopfüber hängend über dem Abgrund, gehangen an die Wurzeln eines großen Eschenbaumes, und weil er sein eigenes Auge geopfert hat, um von Mimirs Quelle zu trinken, der Quelle der Erinnerungen.
Odin ist auf all dies vorbereitet. Wenn die Zeit kommt, wird er nicht, wie der frivole Freyr, sein verlorenes Schwert bedauern. Zur Abenddämmerung des Tages der unaussprechlichen Finsternis wird er tapfer das Schlachtfeld betreten und die Einherjer führen (selbst ihre Streitigkeiten werden ihm lieb sein). Schließlich sein Gesicht unter dem goldenen Helm zeigend, wird er nicht zögern, dem Tod gerade ins Auge zu blicken.

Wenn, nach alledem, auf dem Land - wiederauferstanden wie der Frühling - die ersten Menschen aus dem Wald der Erinnerungen hervortreten werden, werden die überlebenden Asen seiner Taten gedenken und sich an Odins magische Runen erinnern.
Es sollte erwähnt werden, daß, vom Standpunkt dieses Mythos aus, der Fakt, daß wir keinen Schlüssel zum Mysterium der Runen mehr haben, nicht nur zu erwarten, sondern auch legitim ist. Wissen ist Rückbesinnung. Die Erinnerung an Fimbultyrs Goldrunen ist Wissen aus dem Goldenen Zeitalter, es wird im Feuer und Zusammenbruch und der anschließenden Wiederauferstehung göttlicher und menschlicher Macht zurückgewonnen werden; in diesem Feuer wird auch der ganze Kosmos wiederhergestellt werden.

(aus dem Englischen übersetzt von Ruedi Strese)

Letzte Änderung am Sonntag, 03 April 2016 16:39
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Boris Nad

Der serbische Schriftsteller und Publizist Boris Nad wurde 1966 in Vinkovci, Slawonien, geboren.

Er studierte in Zagreb und Belgrad und schloß das Studium an der Universität Belgrad ab. Er hat mehrere Bücher veröffentlicht sowie zahlreiche Essays und Artikel in verschiedenen Zeitschriften.

Webseite: www.colportage.de/show/author/54-boris-nad.html

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