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Ein Meister der Interieurmalerei

Der Spätromantiker Georg Friedrich Kersting

Montag, 27 April 2015 04:03 geschrieben von 
Georg Friedrich Kersting - Der elegante Leser Georg Friedrich Kersting - Der elegante Leser Quelle: de.wikipedia.org | Foto: Georg Friedrich Kersting

Berlin - Nur etwas über dreißig Gemälde hat uns der Mecklenburger Maler Georg Friedrich Kersting hinterlassen. Geboren 1785 in Güstrow, hatte er ab 1805 dank wohlhabender Verwandter, die seine Fähigkeiten erkannten und unterstützten, die Möglichkeit, für drei Jahre an der damals stark deutsch geprägten Königlich Dänischen Kunstakademie in Kopenhagen zu studieren; vor ihm hatten die zwei bedeutendsten Vertreter der Frühromantik, Philipp Otto Runge und Caspar David Friedrich, bereits dort gelernt. Zu seinen Lehrern gehörten Nicolai Abildgaard und Christian August Lorentzen, stärker beeindruckt hat ihn jedoch Jens Juel.

Anschließend setzte er sein Studium an der Dresdener Kunstakademie fort. In der Elbstadt stieß er zu einem Künstlerkreis, dem u.a. Theodor Körner, Gerhard von Kügelgen, Louise Seidler, Carl Gustav Carus und Caspar David Friedrich angehörten. Insbesondere mit letzterem verbanden ihn eine persönliche Freundschaft und eine ausgesprochene Reiselust. Die finanziellen Verhältnisse Kerstings waren überaus dürftig. Louise Seidler machte ihren Mentor Goethe darauf aufmerksam, und dieser setzte sich für den mittellosen Künstler ein. Dessen wohl bekanntestes Bild, „Die Stickerin“, existiert in drei Fassungen und zeigt eben jene Louise Seidler.

1813 trat Kersting zum Kampf gegen die napoleonische Herrschaft den Lützowschen Freikorps bei. Die nötigen finanziellen Mittel zum Erwerb seiner Korpskleidung bekam er von Caspar David Friedrich, den Kügelgens und Ferdinand Hartmann, den Schwertsegen erhielt er von Goethe selbst. Er nahm an mehreren Gefechten teil und zeichnete sich Tapferkeit aus, wofür ihm das Eiserne Kreuz  verliehen wurde. Das Bild „Die Vorposten“ von 1815 zeigt den Jurastudenten Heinrich Hartmann, den Dichter Theodor Körner und den Turner Friedrich Friesen in nachdenklicher Stimmung unter Eichen. Alle drei Freunde waren 1813/14 gefallen.

1816-18 verschlug ihn die wirtschaftliche Not nach Warschau, wo er den Kindern der Fürstin Anna Zofia Sapieha Zeichenunterricht erteilte. Eine glückliche Schicksalswende brachte das Jahr 1818, als er zum Malervorsteher der Königlich-Sächsischen Porzellanmanufaktur in Meißen ernannt wurde; eine Stelle, die er verantwortungsbewußt und verläßlich erfüllte. Die deutliche qualitative Steigerung der Gestaltung der Meißener Erzeugnisse in jener Zeit war zum Teil sicherlich Kersting zu verdanken, und diese Arbeit brachte ihm endlich einen gewissen Wohlstand, der ihm auch die Gründung und Versorgung seiner Familie ermöglichte. Mit der innig geliebten Agnes Sergel hatte er vier Kinder, von denen Sohn Hermann Historienmaler wurde. Ein gleichnamiger Enkel (1863-1937), Sohn von dessen Bruder Richard, wurde später als Afrikaforscher berühmt. Der durch mehrere Schlaganfälle bereits gesundheitlich angeschlagene Friedrich Georg Kersting starb 1847 in Meißen. Am Vorhang seines Totenbettes fand man einen Zettel mit folgendem Gedicht:

 

„Geht‘s einst mal bergab
mach dir nur nicht bang;
Und kommt’s letzte Stündel,
es währet nicht lang.
Leg ruhig dich hin,
und schlafe sanft ein,
fürs Aufstehn sorg nicht,
g’sorgt wird dafür schon sein."

 

Seine Arbeiten gelten als typisch für den Übergang von der Romantik zum Biedermeier, welches freilich selbst bisweilen lediglich als romantischer Ausläufer betrachtet wird. Die meisten der Werke sind Darstellungen von Innenräumen mit ein oder zwei Personen. Selbst die Szenen im Freien darstellenden Bilder „Die Kranzwinderin“ und „Die Vorposten“ haben die Atmosphäre eines geschlossenen Raumes und zeigen ein Licht, welches an das Atelier erinnert. Dabei bedient sich Kersting in den Farbgebungen der nur vom Tageslicht beschienenen Räume vorsichtiger Grau- und Grüntöne und beweist eine außerordentliche Sensibilität für Schattierungen und Übergänge, welche so vorsichtig ausgeführt sind, daß sie vom Auge kaum noch als solche wahrgenommen werden.

Die dargestellten Personen scheinen untrennbar mit ihrer Umgebung verbunden. Diese Wirkung, welche später die Impressionisten nicht zuletzt durch farbliche Überlappungen und den Verzicht auf scharfe Konturen erreicht haben, erzielt Kersting dadurch, daß sich die Farben der Figuren an anderer Stelle ähnlich auch in den Räumen finden, ebenso gibt es aneinander erinnernde Elemente der Ausstattung, etwa eine Ähnlichkeit zwischen dem Kleid der abgebildeten Frau und den Gardinen. Fast könnte man meinen, der Raum sei so erfüllt von der abgebildeten Person, daß sie auch zu sehen sei, würde sie sich nicht darin aufhalten.

Alles spricht eine Sprache von feiner Durchleuchtung, bedeutsamer Stille und tiefer Innerlichkeit. Nichts ist hektisch oder grell, die meist dem Betrachter abgewandten Personen sind ganz in ihre jeweilige Tätigkeit versunken. Gleichzeitig sind die Szenen reich an versteckten Bedeutungen und Symbolen, welche von persönlichen Anspielungen bis zu mystischen Bezügen reichen und sich auch bei aufmerksamer Betrachtung nur in Bruchstücken erschließen lassen. Ein kleines Museum existierte von 1985-94 im Geburtshaus des Künstlers, heutzutage ist ein Teil seiner Werke in einer Sonderausstellung des Stadtmuseums Güstrow zu besichtigen.

 

Quelle:

http://www.epoche-napoleon.net/bio/k/kersting.html

Letzte Änderung am Montag, 27 April 2015 04:09
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Ruedi Strese

Mag. Ruedi Strese (Jahrgang 1980) machte 2001 sein Abitur und lebt in Berlin.

Nach seinem Studium der Germanistischen Linguistik und der Südostasienwissenschaften an der Humboldt-Universität und Abschluß mit dem Magistergrad im Jahr 2010 arbeitete Ruedi Strese als Lektor, Autor und Musiker.

Seit Dezember 2014 leitet er die Redaktion von COLPORTAGE.

Webseite: www.colportage.de

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