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Glanzlicht der Architektur im Zeichen der Lebensreform

Die Hackeschen Höfe in Berlin-Mitte

Donnerstag, 16 April 2015 23:07 geschrieben von 
Östliche Fassade im 1. Hof, Hackesche Höfe Östliche Fassade im 1. Hof, Hackesche Höfe Quelle: COLPORTAGE

Berlin - Hans Christoph Friedrich Graf von Hacke (1699-1754) war seinerzeit einer der bedeutendsten preußischen Offiziere und konnte bereits unter dem Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I eine glänzende Karriere hinlegen, welche sich unter Friedrich II, später genannt „der Große“, nahtlos fortsetzte. Sein wichtigstes Amt erhielt er 1749, als der König ihn zum Stadtkommandeur von Berlin ernannte. Bei einem umfassenden Projekt zur Neugestaltung der Stadt wurden die Festungsanlagen und das Spandauer Tor in der Spandauer Vorstadt (heute Teil von Berlin-Mitte) abgerissen. Das davorliegende Sumpfgebiet wurde für die Bebauung erschlossen, unter der Leitung Hackes entstanden neue Häuser und Straßen sowie ein weiträumiger Marktplatz. König Friedrich, zufrieden mit den geleisteten Arbeiten, befahl, diesen „Hackescher Markt“ zu nennen.

Teile der Spandauer Vorstadt entwickelten sich im 19. Jahrhundert zum Brennpunkt sozialen Elends, dies galt insbesondere für das Scheunenviertel, wohingegen sich in anderen Teilen ein recht wohlhabendes, vorwiegend jüdisches Bürgertum niederließ. Bestes Zeugnis davon ist das Zentrum der Berliner Jüdischen Gemeinde, die 1866 errichtete Synagoge in der Oranienburger Straße. Zum wichtigsten Wirtschaftszweig der Gegend um 1900 wurde die Bekleidungsproduktion.

1858 bereits hatte der Glaswarenfabrikant Hans Quilitz das Grundstück in der Rosenthaler Straße 40 erworben und dort Gewerbebauten errichten lassen, seine Erben konnten 1905 die anliegenden Grundstücke Rosenthaler Str. 41 und Sophienstr. 6 erstehen. Sie ließen die vorhandenen Altbauten abreißen, und von 1906 bis 1907 konnte nach Plänen des Architekten und Bauunternehmers Kurt Berndt auf einer Fläche von 9200m² die größte Wohn- und Gewerbehofanlage Deutschlands entstehen. Der prachtvolle erste Hof diente der Nutzung als Büro- und Geschäftsgebäude, die nüchtern gestalteten Gebäude des zweiten und dritten Hofs enthielten Produktionsstätten, die beschaulichen übrigen der insgesamt acht Höfe dienten als Wohnanlagen.

Dabei orientierte man sich an den Ideen der damals in Blüte stehenden Lebensreformbewegung. Die Eigentümer und der Architekt Kurt Berndt wollten, nicht zuletzt unter dem Eindruck der seinerzeit als „Berliner Krankheit“ grassierenden Tuberkulose, ein Gesamtkonzept von gesünderem Wohnen und Arbeiten verwirklichen. Nicht absichtslos sind die Wohnhöfe weiter hinten angelegt worden, sie sollten dem Straßenlärm und der schlechten Luft entzogen sein, die anliegenden Grünanlagen (der alte jüdische Friedhof sowie der Kirchhof der evangelischen Sophiengemeinde) sollten für mehr Sonnenlicht und Sauerstoff sorgen. Ein großer Sandkasten für die Kinder gehörte ebenso zur Wohnanlage wie mehrere Brunnen und zahlreiche Grünpflanzen. Die 80 Wohnungen selbst verfügten durchweg über Bäder, Zentralheizung und Innentoiletten, viele auch über Balkone.

Die Straßenfassade ist am damaligen wilhelminischen gemischten Repräsentativstil orientiert, Neobarock findet sich neben antik wirkenden Elementen; die künstlerische Gestaltung der Fassaden sowie des als Festsaaltrakt vorgesehenen Quergebäudes des ersten Hofes wurde hingegen dem Architekten und Designer August Endell (1871-1925) übertragen. Dessen Arbeiten wurden vielfach dem Jugendstil zugeordnet, weshalb es nicht als durchsetzbar erschien, ihn auch die Außenfassade gestalten zu lassen. Mit den Mitteln farbiger Glasursteine und einer originellen Einteilung der Sprossenfenster durfte er jedoch im ersten Hof seine Ideen der Umsetzung von Bewegung in Architektur und Dekoration verwirklichen.

Dabei sind die Seiten keineswegs einheitlich gestaltet, die blau-weiß gehaltene östliche Fassade verrät maurische Inspirationen, wohingegen die von Braun bestimmte Westseite den Einfluß der Wertheim-Fassaden Alfred Messels widerspiegelt. Pikanterweise war der Designer Endell eher ein Kritiker der Lebensreform; statt einer Rückbesinnung zur Natur begeisterte ihn die Ästhetik der Großstadt. Im Grunde könnten die Hackeschen Höfe insgesamt als Synthese betrachtet werden: Schönheit und Erholung wurden in gewisser Weise in die Stadt „eingemeindet“, um diese lebenswerter zu machen.

Die Hackeschen Höfe haben eine bewegte Geschichte hinter sich. Insbesondere die Nutzung und Eigentümerschaft enthalten interessante Details. So wurde 1924 der Spekulant Jakob Michael zum Hauptanteilseigner, dieser war 1925 als reichster Mann Deutschlands in den Barmat-Kutisker-Skandal verwickelt und floh als Jude 1939 nach Holland und später in die USA, ließ jedoch die Höfe bei der Zwangsversteigerung 1940 durch einen amerikanischen Strohmann erwerben. 1942 wurden sie als feindliches ausländisches Vermögen unter Kuratel gestellt.

Die Bombardierung Berlins 1945 ließ auch die Höfe nicht unbeschädigt. 1951 konnten Mieter die Beseitigung der Jugendstilfassaden verhindern, 1961 wurden jedoch Stuck und Giebel an der Rosenthaler Straße entfernt. Erst 1977 wurde die Anlage unter Denkmalschutz gestellt. 1991 meldeten sogleich die Erben Jakob Michaels ihren Anspruch auf Rückgabe der Höfe an, dem 1993 stattgegeben wurde, um sie im folgenden Jahr wieder zu veräußern. 1995-97 erfolgte eine umfassende Sanierung, und definitiv lohnt dieses Kleinod der Berliner Architektur und Geschichte einen Besuch.

 

Quellen:

http://www.hackesche-hoefe.com
http://berlin.sehenswuerdigkeiten-online.de/sights/hackesche_hoefe_berlin.html

Letzte Änderung am Freitag, 17 April 2015 08:12
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Ruedi Strese

Mag. Ruedi Strese (Jahrgang 1980) machte 2001 sein Abitur und lebt in Berlin.

Nach seinem Studium der Germanistischen Linguistik und der Südostasienwissenschaften an der Humboldt-Universität und Abschluß mit dem Magistergrad im Jahr 2010 arbeitete Ruedi Strese als Lektor, Autor und Musiker.

Seit Dezember 2014 leitet er die Redaktion von COLPORTAGE.

Webseite: www.colportage.de

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