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Im Lichte der Wahrheit

Die spirituelle Reformbewegung der Gralssucher

Montag, 23 November 2015 03:37 geschrieben von 
„Abd-ru-shin“ „Abd-ru-shin“

Berlin - In der bewegten Zeit der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert entstanden unzählige religiöse Erweckungs- und Reformbewegungen, die versuchten, in den Wirren der politischen und ökonomischen Kehre, sinngebende Antworten zu entwerfen. Eine der interessantesten Persönlichkeiten dieser Kreise war Oskar Ernst Bernhardt, der mit seiner namhaften „Gralsbotschaft“ ein faszinierendes Konglomerat an spirituellen Erklärungen veröffentlichte und eine Schar von Anhängern um sich sammeln konnte.

Das Leben des Abd-ru-shin

Oskar Ernst Bernhardt wurde am 18. April 1875 im kleinen Städtchen Bischofswerda als Sohn eines Gerbers und Gastwirtes geboren. Das Leben von Bernhardt war durch häufige Ortswechsel auf der gesamten Welt bestimmt, da er im Zuge seiner beruflichen Tätigkeit als Kaufmann dazu genötigt wurde. Ein Vierteljahrhundert befand er sich auf umtriebigen Reisen durch Amerika, Großbritannien und den Orient. In dieser Zeit sammelte er unzählige Eindrücke von den verschiedensten kulturellen Gepflogenheiten und weltanschaulichen Dispositionen. In den „goldenen zwanziger Jahren“ kristallisierten sich seine religiösen und naturphilosophischen Grundüberzeugungen immer weiter heraus, und er begann im Jahre 1923, unter seinem Pseudonym „Abd-ru-shin“, was linguistisch aus dem arabischen und persischen Raum stammend „Diener des Lichts“ bedeuten soll, diverse spirituelle Denkschriften zu verfassen. Doch das Wirken „Abd-ru-shins“ beschränkte sich nicht nur auf die die Niederschrift von Denkanstößen, sondern vor allem auf seine öffentliche Vortragstätigkeit, in der er seine spirituelle Systematik anhaltend konkretisierte. Peu à peu wurden die sogenannten „Gralsblätter“ ab dem Jahre 1925 und später „Der Ruf“ im Jahre 1927 publiziert, die für die Genese der Gralsbewegung konstituierend waren. Gipfel seines Schaffens war die eigentliche Erweckung im Jahre 1929, in deren Zuge er mit seinen engsten Mitstreitern eine Gralssiedlung auf dem Tiroler Vomperberg gründete. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde jedoch seine Tätigkeiten als missliebig eingeordnet und massiv eingeschränkt: so wurde sein späteres Gut auf dem Vomperberg beschlagnahmt und Bernhardt für einige Monate interniert. Bernhardt starb im Alter von nur 66 Jahren, am 6. Dezember 1941. Beigesetzt wurde er in seiner Geburtsstadt Bischofswerda. Nach dem 2.Weltkrieg wurde jedoch sein Leichnam zu seiner Gralssiedlung überführt. Seine Vorträge wurden in einer dreibändigen Buchausgabe veröffentlicht und konnten somit auch einem größeren Publikum bekannt gemacht werden.

„Gralsbotschaft“
„Gralsbotschaft“ 

 

Die Ebenen der Schöpfung

Abd-ru-shin hat mit seinem über tausend Seiten umfassenden und vielschichtigen Hauptwerk „Im Lichte der Wahrheit“ zu vielerlei spirituellen Fragen Antworten verfasst. Ein wichtiges Anliegen war ihm jedoch, den Menschen einen Schöpfungsüberblick aufzuzeigen. Ausgehend vom stofflichen Erdenreich, bis hin zum sogenannten Göttlich-Wesenlosen, dem Kristallisationspunkt von Gott. Vom göttlichen Bereich ausgehend, gibt es mehrere Abstufungen, hin zur grobstofflichen Ebene, auf der sich unser blauer Planet befindet. Das Göttlich-Wesenlose ist der Bereich, in dem Gott, Jesus als Gottessohn und Imanuel, verkörpert auf Erden durch Abd-ru-shin(!), als der heilige Wille, walten. Das Wesenlose ist für uns Menschen unmöglich wahrzunehmen. Zu dem göttlich Wesenhaften gehören unter anderem die vier Tiere, welche auf den Stufen des Thrones Gottes ein Quadrat bilden. Die vier Tiere, namentlich Adler, Löwe, Stier und Widder, nehmen alle schöpferische Energie in sich auf. Der Widder birgt das Schöpfungsgeistige in sich, aus dem die Menschen sich formen und entwickeln. Des Weiteren spricht Abd-ru-shin über die Urkönigin Elisabeth, Erzengel und die Ältesten als Hüter der geistigen Gralsburg in einer der höchsten Ebenen in der geistigen Welt. Folgend entwickeln sich weitere Ebenen wie die Urschöpfung, das Urgeistige, das geistige Reich und die unterschiedlichen Stofflichkeiten, in denen sich die Erdenmenschen aufhalten. Menschen, die dem Wesen nach in Liebe und Reinheit gelebt haben, sich spirituell geschult und gebildet haben, können im Jenseits bis zur sagenhaften Lichtburg Walhall aufsteigen und dort höhere geistige Aufgaben zum Wohle der Schöpfung übernehmen. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die naturphilosophische Konzeption der Grobstofflichkeit und seiner von uns wahrgenommen Schöpfung: Natur ist für Abd-ru-shin von spirituellen Kräften durchglühte Materie. In ihr arbeiten wesenhafte Formen, wie Elfen und Zwerge, die in den Grundelementen der Erde weben und wirken.

Die Gesetzmäßigkeiten nach Abd-ru-shin

Die unterschiedlichen Ebenen sind durchwoben von den drei Grundgesetzmäßigkeiten, die der Schöpfung von Gott bis hin zur Erde einen fulminanten Stempel aufdrücken. Diese Gesetze stellen das Hauptcharakteristikum der Gralsbewegung dar. Das erste Gesetz heißt „Das Gesetz der Schwere“. Es besagt, dass Gröberes und rein Materialistisches die Tendenz hat, nach unten zu sinken. Dieses betrifft vor allem den Menschengeist, der sich dementsprechend verhalten sollte: Wenn er nämlich feinere Gedanken und Handlungsweisen auslebt, hat er zwangsläufig eher die Möglichkeit, sich spirituell weiterzuentwickeln und geistig höhere geistige Ebenen zu erreichen. Der zweite Artikel heißt „Das Gesetz der Wechselwirkung“. Gemäß dem Prinzip von „Ursache und Wirkung“ erntet der Mensch immer genau das, was er mit seinen Gedanken und Taten aussät. Hier werden starke biblische Anleihen offenbar: „Denn was der Mensch sät, das wird er ernten.“ (Galater 6.8) In einem seiner Vorträge sagt Abd-ru-shin Folgendes: „Haltet den Herd Eurer Gedanken rein, ihr stiftet damit Frieden und seid glücklich!“ Wenn die jeweilige Person sich nicht den natürlichen Gesetzen gemäß verhält, wird sie dieses erfahren. In Verbindung mit dem „Gesetz der Schwere“ wird der Mensch in die seiner geistigen Verfassung gemäße spirituelle Ebene geführt. Dieser Vorgang findet beim Sterben automatisch statt, ohne dass der Mensch in dem Moment noch etwas ändern könnte. Das dritte und letzte Grundprinzip nennt sich „Das Gesetz der Gleichart“. Setzt eine Person ethisch hochwertige Aktionen in die Welt, wird er dementsprechend Menschen mit ähnlichen Handlungsmaximen und Begebenheiten in seinem Leben anziehen. Abd-ru-shin meint: „Ihr ehrt Gott nicht damit, wenn ihr an Dinge blindlings glaubt, die sich mit den Schöpfungsurgesetzen nicht vereinen lassen! Im Gegenteil, wenn ihr an die Vollkommenheit des Schöpfers glaubt, so müsst ihr wissen, daß nichts in der Schöpfung hier geschehen kann, was nicht genau der Folgerung in den festliegenden Gesetzten Gottes auch entspricht. Darin allein könnt ihr ihn ehren.“ Ein weiterer Grundgedanke der Gralsbotschaft ist die Reinkarnation. Gemäß der genannten Gesetze legt der Mensch nach seinem irdischen Ableben seine Grobstofflichkeit ab und begibt sich mit seinem feinstofflichen Körper in die Region, die nach den jeweiligen Gesetzmäßigkeiten vorgeschrieben ist. Ein Mensch, der noch nicht die höchste geistige Vollkommenheit erlangt hat, benötigt weitere Erdenleben, um eine größere geistige Reife zu erlangen.

Der Ritus der Anhänger 

Neben diesen oben genannten spirituellen Betrachtungen und Gesetzmäßigkeiten praktizieren einige Personen in der Gralsbewegung auch mehrere Riten, die sie gemäß ihrer Lebenseinstellung ausrichten. Ähnlich wie bei den großen Kirchen und religiösen Vereinigungen in Deutschland finden in den sogenannten Gralskreisen Sonntagsandachten mit Gebet statt. Neben diesen regelmäßigen Andachten gibt es einige Feiertage: das „Fest der Heiligen Taube“ wird immer am 30. Mai begangen. Die Taube ist dabei, wie in der christlichen Tradition, das Symbol für den Heiligen Geist. Am 7. September wird die „Festlichkeit der Reinen Lilie“ vollzogen. An diesem Tag hat Abd-ru-shin seine Tochter Irmingard als eine „spirituelle Pflanze“ in seinem Glaubenssystem implementiert. Komplettiert wird das Festjahr durch eine Art Weihnachtsfeier namens „Fest des strahlenden Sterns“ am 29. Dezember jeden Jahres. Freilich werden diese Feste nicht von jedem Anhänger vollzogen. Vielmehr werden diese Feierlichkeiten hauptsächlich durch orthodoxe Kräfte begangen. Viele Sympathisanten haben vor allem die praxisnahe Ausübung ihres Glaubens im Mittelpunkt und praktizieren weniger die Festtage. Des Weiteren gibt es auch sogenannte Gedenktage, wie beispielsweise den Karfreitag, der auch im originär christlichen Glauben eine große Rolle spielt. 

Das Gralswerk in der Moderne

Schrittweise hat Abd-ru-shin durch göttliche Inspiration ein komplexes System an mythologisch anmutenden  Glaubensfundamenten entwickelt. Sein Glaubens- und Wissensgebäude berührt hinduistische, christliche und vielerlei alteuropäische Elemente, wie beispielsweise die der namensgebenden Gralslegende. Dieser Synkretismus ist umso beachtenswerter, da er es zu einer symbiotisch stimmigen Formvollendung gebracht hat. Diese systeminhärente Widerspruchsfreiheit in seinen Thesen und Themen übt bis heute eine große Faszination für spirituelle Sinnsucher aus. Trotz dessen ist die Anhängerschaft im Vergleich zu anderen religiösen Gruppierungen und Traditionen verschwindend gering. Um dies zu kompensieren, zeichnet sich die Gralsbewegung durch eine breit angelegte Öffentlichkeitsarbeit aus. So gibt es einen Youtube-Kanal, des Weiteren das Bestreben, die Texte in alle erdenklichen Weltsprachen zu übersetzen. Ebenso wird durch die Publikation von Informationsmaterial ein größeres Publikum erreicht. Diese Aktivitäten werden in einer Stiftung gebündelt und koordiniert. In den 1950er Jahren entstand zudem das Magazin „Gralswelt - Zeitschrift für wahren Aufbau durch neues Wissen“. In diesen förderlichen Heften für die Allgemeinheit wurde über die Gralsbewegung und ihre inhaltlichen Glaubensrichtlinien berichtet. So werden beispielsweise Themen wie „Auf der Suche nach dem Gral“ oder aber auch „Alles Geschehen in der Schöpfung ist logisch“ angeboten. Nach eine kleinen Pause wurde in den späten neunziger Jahren das Konzept nochmals in modernisierter Form aufgelegt. Viele Beiträge nahmen Bezug auf unsere heutige Lebenswelt und Lebensweise. Diese Zeitschrift wurde jedoch im Jahre 2014 wieder eingestellt. Es bleibt also abzuwarten, wie sich die Gralsbewegung angesichts der Herausforderungen des 21. Jahrhunderts positioniert und weiterentwickelt.

Abd-ru-shin: „Im Lichte der Wahrheit, Gralsbotschaft.“ Verlag der Stiftung Gralsbotschaft, Einbändige Ausgabe. 26. Auflage, 2010.
Bilder mit freundlicher Genehmigung des Verlages.


Weiterführende Links:
http://gralsbotschaft.org
https://www.youtube.com/user/gralswelttv

Letzte Änderung am Montag, 23 November 2015 03:57
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Nando-Dragan Augener

Nando-Dragan Augener, Jahrgang 1989, machte 2010 sein Abitur und lebt in Hamburg.
Während seines Studiums der Erziehungswissenschaften und der Soziologie an der Universität Hamburg verfaßte er regelmäßig Artikel für das Studentenmagazin Blaue Narzisse. Seine Interessensgebiete sind Malerei, Literatur, Philosophie und Politik.
Für COLPORTAGE befaßt er sich mit Literatur und Bildender Kunst.

Webseite: www.colportage.de

Redaktion