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Kunst und Leben

Die weiße Katze (Kater auf gelbem Kissen)

Samstag, 28 März 2015 23:34 geschrieben von 

Berlin - Franz Marc war vermutlich der erste Maler in meinem Leben, dessen Namen ich mit Werken verband, die mir etwas sagten. In unserem Wohnzimmer über dem Eßtisch hingen blaue Pferde (ich weiß jedoch nicht mehr, welche), und mancher Ausstellungsbesuch wurde mir erträglich, wenn Vater mir dort ein Bild von Franz Marc zeigen konnte (Gauguin akzeptierte ich allerdings auch noch).

Von meinen Großmüttern war die eine ausgesprochene Hundefreundin und hielt sich meist Schnauzer wechselnder Größe, die andere liebte Katzen über alles, wollte sich jedoch in ihrer mickrigen Stadtwohnung kein Tier halten. Dafür schauten mich Katzenbilder und Katzenfiguren von den Regalen an, und über der Couch hing ewig schlummernd „Die weiße Katze“.

Daß Franz Marc zu den Expressionisten gezählt wird, wußte ich damals nicht, und es hätte mir wohl auch wenig gesagt. Ich verband ihn ganz schlicht mit Tiermalerei; daß Pferde blau sein konnten, erschien mir wohl als Selbstverständlichkeit. Tatsächlich widmete sich der 1880 geborene und 1916 bei Verdun tödlich verwundete Künstler seit 1908/09 fast ausschließlich der Tierdarstellung. Er schrieb: “Ich empfand schon sehr früh den Menschen als ‘häßlich’, das Tier schien mir schöner, reiner.” Dabei ging es ihm indes weniger um die Genauigkeit der äußeren Form oder nüchterne Beobachtung, als vielmehr um den Ausdruck ihres inneren Wesens, wie er es verstand.

"Weiß als Symbol des Unbekannten ist ein Charakteristikum, das Franz Marc ebenso wie das Motiv der Katze und die Farbe Gelb gern auf Frauen und Weiblichkeit bezog.“ Dies läßt mich ein Anbieter von Kunstdrucken wissen. Andererseits wird das Tier als Kater und das Bild als „Kater auf gelbem Kissen" bezeichnet. Dabei liegt auf dem Kissen lediglich der Kopf und ein wenig vom Oberkörper. Der größere Teil ist auf eine rote Decke gebettet. Warum sollte ich dann an den Kater glauben, wenn schon der Rest dieses Titels in Frage gestellt werden kann? Reicht nicht auch, daß ich glauben möchte, daß es eine Katze sei? Ein reines Wesen, so eine Art tierisches Schneewittchen? Weiß wie Schnee, auf einer Decke, so rot wie Blut - und die Schwärze kommt früh genug, es reicht doch, wenn wir von ihrer Existenz wissen.

Irgendwann zog meine Großmutter übrigens in eine größere Wohnung, und die Katze Emma zog bei ihr ein. Dafür bekam ich „Die weiße Katze“, welche ihren Platz über meiner Couch erhielt. Später dann zog ich selbst wieder um, aber das Bild blieb vorerst, wo es war. Die Couch nahm ich jedoch mit und auf ihr liegt gerade meine Katze, ein junges graugetigertes Mädchen namens Rabia, ganz genauso zusammengerollt wie jene in meinem Bild. Es ist, wie ich soeben erfahren habe, nur eine Reproduktion. Schade. Das Original befindet sich in der Staatlichen Galerie Moritzburg in Halle an der Saale.

 

Quelle:

 

http://www.catplus.de/die-katze-in-der-kunst-m-r/franz-marc-1880-1916

Letzte Änderung am Sonntag, 29 März 2015 12:39
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Ruedi Strese

Mag. Ruedi Strese (Jahrgang 1980) machte 2001 sein Abitur und lebt in Berlin.

Nach seinem Studium der Germanistischen Linguistik und der Südostasienwissenschaften an der Humboldt-Universität und Abschluß mit dem Magistergrad im Jahr 2010 arbeitete Ruedi Strese als Lektor, Autor und Musiker.

Seit Dezember 2014 leitet er die Redaktion von COLPORTAGE.

Webseite: www.colportage.de

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