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Die Kirche zurück ins Dorf gebracht

Ein Volkskundler schreibt über das Volk

Dienstag, 24 Februar 2015 15:55 geschrieben von 
Christian Böttger, Ethnos. Der Nebel um den Volksbegriff Christian Böttger, Ethnos. Der Nebel um den Volksbegriff Quelle: lindenbaum-verlag.de

Berlin - Eine der interessanteren Buchveröffentlichungen jüngster Zeit ist das neue Werk Christian Böttgers „Ethnos. Der Nebel um den Volksbegriff“. Der Autor ist studierter Volkskundler bzw. Ethnologe und hat als solcher 1993 an der Berliner Humboldt-Universität promoviert. Insofern hat das im auf Publikationen zur deutschen Kultur- und Regionalgeschichte spezialisierten Lindenbaum-Verlag erschienene Buch einen wissenschaftlichen Hintergrund.

 

Einen starken Einschlag findet jedoch eine Art „gerechter Zorn“ des Autors, denn dieser sieht seinen Forschungsgegenstand - das Volk - in Gefahr. Sei dieses früher eben Forschungsgegenstand gewesen und dessen Kultur eines mehrerer Forschungsfelder, so habe eine ideologisch motivierte Schwerpunktverlagerung stattgefunden: von Deutschland zu Europa, vom Volk zur Kultur, die Deutsche Volkskunde wurde, nicht zuletzt durch die Ideologie der EU beeinflußt, zur Europäischen Ethnologie und trage den Charakter einer subjektivistisch geprägten Kulturwissenschaft. Der Volksbegriff als solcher verschwinde mehr und mehr aus dem Sprachgebrauch, und dies sei durchaus politisch gewollt, denn mit dem Volksbegriff solle das Volk selbst verschwinden. Aus der Forschung und aus der Wirklichkeit.

Für diese Entwicklung auf universitärer Ebene vorrangig verantwortlich ist dem Verfasser zufolge die amerikanische „Kulturanthropologie“, welche von einem sehr weitgefaßten Kulturbegriff ausgeht und feste kollektive Identitäten in einem von unklaren Begriffen geprägten Relativismus taschenspielerisch auflöst. Somit diene die Kulturanthropologie als Waffe der Globalisten zur Schaffung der „Einen Welt“, welcher ihres Seins bewußte Völker im Weg stünden.

Eine Alternative zu diesem subjektivistischen Ansatz findet der in der ehemaligen DDR geschulte Autor bemerkenswerterweise in einer im Wesentlichen in der Sowjetunion entstandenen „Ethnos-Theorie“, welche mit ihrer „historisch-systemischen“ Methode ein Modell entwickelt hat, welches sich auf die Völkerentstehung , exemplarisch dargelegt am deutschen Volk, mit Gewinn anwenden läßt und belegt, daß diese, auch als Ethnogenese bezeichnet, keine Erfindung von Volkskundern gewesen ist, sondern ein ganz realer geschichtlicher Prozeß.

Das Werk ist überaus lesbar geschrieben, die dargelegten Theorien sind auch für Laien ohne große Vorkenntnisse leicht nachvollziehbar. Der nüchtern wissenschaftliche Hintergrund mischt sich zum Teil mit polemischen Einschüben, weite Strecken sind jedoch entweder fast nur wissenschaftlich oder fast nur polemisch gehalten, so daß man bisweilen das Gefühl bekommt, zwei verschiedene Bücher zu haben. Mir selbst war bei der Lektüre, vorrangig in der recht langen Einleitung, bisweilen die große Menge an Details, welche mit dem Kernthema nur bedingt zu tun haben und die eher ablenken, etwas negativ aufgefallen, ansonsten kann eine klare Kaufempfehlung ausgesprochen werden.

 

Quelle:

http://www.lindenbaum-verlag.de

 

Christian Böttger, Ethnos. Der Nebel um den Volksbegriff
ISBN 978-3-938176-50-4
408 Seiten, Paperback

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Ruedi Strese

Mag. Ruedi Strese (Jahrgang 1980) machte 2001 sein Abitur und lebt in Berlin.

Nach seinem Studium der Germanistischen Linguistik und der Südostasienwissenschaften an der Humboldt-Universität und Abschluß mit dem Magistergrad im Jahr 2010 arbeitete Ruedi Strese als Lektor, Autor und Musiker.

Seit Dezember 2014 leitet er die Redaktion von COLPORTAGE.

Webseite: www.colportage.de

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