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Von Brendan dem Reisenden bis zu den ersten deutschen Siedlern

Eine Geschichte Neuschottlands – Teil 1

Dienstag, 22 März 2016 15:00 geschrieben von 
historische Landkarte Neuschottlands (1754) historische Landkarte Neuschottlands (1754)

Berlin - Es heißt, Brendan der Reisende, ein irischer Mönch, habe als erster Europäer Nordamerika entdeckt. Bekannt wurde Brendan durch die „Navigatio Sancti Brendani“, einem im Mittelalter sehr beliebten und verbreiteten Bericht über eine Seereise, die er zwischen 565 und 573 n.Chr. mit zwölf Gefährten unternommen haben soll. Das Ziel dieser Reise, die mit einem lederbespannten Segelboot (Curragh) unternommen wurde, war die „Terra Repromissionis sanctorum“, eine verheißene Insel im Westen. Als gesichert gilt hingegen, dass um das Jahr 1000 n. Chr. ein Gebiet an der Nordostküste Nordamerikas von dem Wikinger Leif Eriksson und seinen Mannen entdeckt wurde. Es war ein flaches, bewaldetes Land, und die Wikinger tauften es Markland, was so viel wie Waldland bedeutet. Der Überlieferung zufolge hatte Leif zunächst Helluland (Baffininsel) und dann das bewaldete Markland (Labrador oder Neufundland) entdeckt, als seine Expedition Vinland entdeckte. Die genaue geographische Lage Vinlands ist umstritten, teilweise wird Neuschottland und Neubraunschweig angenommen, teilweise Neuengland in der Nähe des heutigen Boston, Massachusetts. Bei den in Vinland vorkommenden Weinstöcken der Saga könnte es sich um die Johannisbeere oder Blaubeere gehandelt haben. Der Saga von Erik dem Roten zufolge soll Thorfinn Karlsefni im 11. Jahrhundert mit 140 Gefolgsleuten in Vinland gesiedelt haben. Nach anfänglich guten Kontakten zu den Einheimischen, welche von den Nordmännern als Skrælingar bezeichnet wurden, soll es jedoch zu gewaltsamen Konflikten gekommen sein, worauf die Nordmänner nach drei Jahren nach Grönland und Island zurückkehrten.
Archäologisch sind die frühesten menschlichen Spuren in Neuschottland nur anhand von steinernen Speerspitzen festzumachen und lassen eine Besiedlung im 9. vorchristlichen Jahrtausend als wahrscheinlich gelten. Diese Jäger und Sammler, die als Paläoindianer bezeichnet werden, gelten als erste Siedler in Neuschottland und deren Siedlungen werden auf 8600 v. Chr. datiert. Die heute noch im Osten Kanadas und im Nordosten der USA lebenden Mi'kmaq sind Nachkommen dieser Paläoindianer, doch waren sie nicht nur Jäger und Sammler, sondern auch Fischer.

Die dauerhafte europäische Besiedlung der kanadischen Ostküste begann, als Giovanni Caboto am Ende des 15. Jahrhunderts im Auftrag der englischen Krone große Kabeljauvorkommen entdeckte. Die französische Krone ließ nicht lange auf sich warten. Aus einer Familie von Seefahrern stammend, begann Samuel de Champlain 1603 mit der Erforschung der Ostküste Nordamerikas. Von 1604 bis 1607 war er an den ersten französischen Kolonialisierungsbemühungen in Neuschottland beteiligt. Neuschottland wurde von den französischen Händlern und Kolonisten „Acadie“ genannt. Pierre Dugua, Sieur de Monts errichtete 1604 eine Siedlung an der Bay of Fundy, doch überlebten die Siedler nur mit Mühe und der Hilfe der Ureinwohner den ersten Winter. Sie zogen im nächsten Jahr in die erste dauerhafte europäische Siedlung Port Royal, das heutige Annapolis Royal. Doch auch dieser Ort musste 1613 aufgegeben werden, nachdem die Engländer die Siedler dort überfallen hatten. Immer mehr Franzosen wanderten dennoch in die neugegründete Provinz Akadien ein, obwohl England ab 1620 Anspruch auf das Gebiet erhob. Im Jahre 1621 erhielt William Alexander, 1st Earl of Stirling, von König James VI von Schottland (zugleich James I von England) die Erlaubnis zur Gründung einer dauerhaften Siedlung in Port Royal, welche er zu Ehren von Königin Anne in Annapolis Royal umbenannte. 1622 verließen die ersten schottischen Siedler die britischen Inseln gen Neuschottland, welches in den Urkunden lateinisch als Nova Scotia bezeichnet wurde. Dem folgte eine Zeit relativer Ruhe. 
In Folge der Friedensverhandlungen des Spanischen Erbfolgekriegs wurde 1713 England im Frieden von Utrecht das Gebiet von Neuschottland zugesprochen. Frankreich behielt seine Besitzungen nur auf Île Royale (Kap-Breton-Insel), wo es die Festung Louisbourg gründete, um die dortigen französischen Fischfanggebiete und den Seezugang nach Québec zu kontrollieren. Obwohl die Herrschaft über Neuschottland immer wieder in englische Hände überging, gab es bis zur Gründung von Halifax 1749 keine nennenswerte größere englische Siedlung in Neuschottland. Die Briten errichteten im Juli 1749 ihr neues Hauptquartier Halifax auf der Chebucto Halbinsel, nachdem sie die Festung Louisbourg, gemäß dem Friedensvertrag von Aachen (1748), wieder an die Franzosen hatten zurückgeben müssen. 

 


London bemühte sich, durch verstärkte Zuwanderung ein Gegengewicht zu den französischsprachigen Akadiern zu schaffen und das Land so unter seine Kontrolle zu stellen. Englische Siedler bevorzugten allerdings die wärmeren und ertragreichen britischen Kolonien in den Neuenglandstaaten, so dass man für Halifax zunächst nur das englische Lumpenproletariat gewinnen konnte. Governeur Cornwallis regte daher an, dass deutschsprachige Siedler vom Oberrhein ansiedelt werden sollten, da diese als arm aber fleißig galten. Diesen „foreign protestants“ wurde Land und Proviant für ein Jahr zugesagt. In Folge dessen kamen zwischen 1750 und 1752 etwa 2.700 Siedler aus der Pfalz, Württemberg, Baden, Hessen-Darmstadt, der Schweiz und Mömpelgard (heute Montbéliard) nach Halifax. In Halifax steht denn auch die älteste lutheranische Kirche Nordamerikas, welche 1756 als St. Georg errichtet wurde, aber weithin als „Little Dutch Church“ bekannt ist. ‚Dutch‘, da die deutschsprachigen Siedler meist nicht des Englischen mächtig waren und sich als ‚deutsch‘ bezeichneten, was als ‚Dutch‘ verstanden wurde. Ein Großteil der deutschsprachigen Protestanten wurde 1753 in Lunenburg angesiedelt, was bis dahin Mirliguèche hieß und eine kleine Siedlung von Mi'kmaq und Akadiern war. Dort an der South Shore zwischen Mahone Bay, Liverpool und New Germany sind noch immer Familiennamen wie Wentzel, Kolb, Meissner, Zwicker, Conrad, Hirtel, Rehfuss, Weiss, Bayer, Rhodenheiser, Nagel, Himmelmann sehr verbreitet und das Englische wird mit einem lokalen Akzent gesprochen. 

Ende des ersten Teils.


Verweise:
http://www.rootsweb.ancestry.com/~canns/lunenburg/shiplists.html
http://www.novascotia.com/see-do/attractions/the-little-dutch-church/6047

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Richard Rapallo

Jahrgang 1969, Waldgänger und Christ, ehemals Reserveoffizier der Bundeswehr, arbeitet in der Forstverwaltung der kanadischen Provinz Neuschottland.

Themenschwerpunkte: Geopolitik, Ideengeschichte, Militärwesen, Naturschutz.

Webseite: www.colportage.de/show/author/55-richard-rapallo.html

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