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Das Fidushaus in Woltersdorf

Fidus - Die Heimstätte eines Jugendstil-Meisters

Sonntag, 12 April 2015 17:34 geschrieben von 
Das Fidushaus in Woltersdorf-Schönblick Das Fidushaus in Woltersdorf-Schönblick Quelle: COLPORTAGE

Berlin - 1905 bereits war der Komponist Arno Rentsch (1870-1942) nach Woltersdorf-Schönblick, südöstlich von Berlin, gezogen, wo er in der Köpenicker Straße 45 ein kleines Fachwerkhaus mit einer hübschen Fledermausgaube errichtete. Er heiratete die Konzertsängerin Elsa Langer-Howard, und beide konnten den seit 1900 mit seiner Frau, geboren als Elsa Knorr, im nahegelegenen Friedrichshagen wohnhaften Maler Fidus 1906 überzeugen, sich auf dem Nachbargrundstück in der Nummer 46 niederzulassen. Fidus, Jahrgang 1868, eigentlich Hugo Höppener, war mit seiner Mischung aus Jugendstil und heidnisch-esoterischen Ansätzen seinerzeit einer der erfolgreichsten deutschen Maler.

1907 war es soweit, daß Fidus sein selbstentworfenes und unter der Leitung von Rentsch gebautes Atelierhaus beziehen konnte. Eine großzügige, bedingungslose Schenkung des Bankiers Hallgarten ermöglichte den Anbau eines Wohntrakts, welcher 1909 vollendet wurde. In diesem Jahr folgten ihm seine Frau und die beiden Kinder Drude und Holger sowie die mit der Familie befreundete Schriftstellerin Gertrud Prellwitz. Die beiden benachbarten Häuser wurden Anziehungspunkt für zahlreiche Künstler und verschafften Woltersdorf-Schönblick den Ruf einer Künstlerkolonie. Zahlreiche Gleichgesinnte, Kunstliebhaber und Wandervögel, Anhänger der Jugendbewegung, pilgerten zu dem Ort.

Zum Wald hin liegt das Steinmetz-Atelier, wo u.a. ein in Riga gelegenes Grabmal entstand sowie später das Relief des Woltersdorfer Denkmals für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs. Dieses wurde unlängst zum Objekt einer der üblichen bundesrepublikanischen Politpossen, als lokale Politiker das Ansinnen vorbrachten, die zum Gedenken an die für das Vaterland Gefallenen angebrachte Inschrift zu entfernen, da diese angeblich „Rechtsradikale“ anlocken könne... Das zugleich als Schauraum konzipierte Malatelier hat an beiden Seiten Galerien und eine Schiebetür zur Bildhauerstätte. Die durchdachte Dachfensteranordnung schafft für die malerische Arbeit besonders geeignete Lichtverhältnisse.

Fidus’ Frau Elsa starb im April 1915 aufgrund der Not des Krieges, und Gertrud Prellwitz verließ Woltersdorf. 1918, in der Zeit ihrer Abiturvorbereitung, fiel Drude Höppener einer Grippeepidemie zum Opfer. Unter dem Eindruck des Todes des jungen Mädchens verfaßte Gertrud Prellwitz 1920-26 die dreiteilige Romanreihe „Drude“, welche zu NS-Zeiten als unerwünschte Literatur gelten sollte. Fidus heiratete 1922 erneut. Elsbet Wagner brachte aus ihrer ersten Ehe eine Tochter namens Helga mit. Fidus’ künstlerischer und damit auch finanzieller Erfolg nach Kriegsende war vergleichsweise gering, avantgardistische und kosmopolitische Stile wie Dadaismus, Expressionismus usw. hatten ihre Hochzeit.

Den Machtantritt der NSDAP 1933 sah Fidus mit einiger Hoffnung, die sich allerdings bald als trügerisch entpuppte. Der schwärmerische Idealismus der Lebensreformer fand im Parteistaat wenig Anklang. Das Ende des Krieges erlebte der Künstler in Woltersdorf, seine Tagebuchaufzeichnungen aus dieser Zeit sind (u.a. im Woltersdorfer Heimatmuseum) mittlerweile in Buchform erhältlich. Im Nachbarhaus nahm die verwitwete Elsa Rentsch 1945 den Flugpionier Martin Haller auf, welcher den Rentschs 1940 in Wien Unterkunft gewährt hatte. Den engen Bezug zum Fidushaus sollte dieser bis zu seinem Tod 1994, im Alter von 100 Jahren, aufrechterhalten. Fidus selbst starb am 23. Februar 1948, durch einen Schlaganfall bereits geschwächt, in seinem Woltersdorfer Haus und ist auf dem nicht weit entfernt gelegenen Friedhof bestattet.

Zu DDR-Zeiten wurde das Haus unter Denkmalschutz gestellt. Die Witwe Elsbet und ihre Tochter Helga erhielten das Haus unter schwierigsten Bedingungen; ihre geringen Einkünfte versuchten sie, durch Zimmervermietung im Sommer zu verbessern. Elsbet starb 1976, Helga Wagner 1988. Bis dahin hatten sie mit ständiger Unterstützung durch den Nachbarn Martin Haller das Erbe Fidus’ für die Nachwelt bewahrt.

Das Haus soll bereits seit 1940 unbeheizt gewesen und zudem seit 1988 regelmäßig von Fremden heimgesucht worden sein, allerdings gab es bis 1995 regelmäßige öffentliche Führungen. Dann erwarb es ein Berliner Geschäftsmann, der es bis 1998 sorgsam sanieren ließ, wofür dem Projekt der Brandenburgische Landesdenkmalpreis verliehen wurde.

Auf Initiative des Landkreises Oder-Spree und des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kultur Brandenburg entstand ein Projekt „Museum der Deutschen Lebensreform“. Dessen erste Projektleiterin war Dr. Uta Grund, später Jürgen Roland. Der Vorsitzende des Träger- wie des Fördervereins war Oliver Haller, Erbe Helga Wagners. Das Projekt scheiterte allerdings trotz zugesicherter Fördergelder.

Das Grundstück mußte wieder verkauft werden und seit einigen Jahren befindet sich das Gebäude in Privatbesitz, allerdings lohnt sich auch der Blick von der Straße, zumal Informationstafeln zu den Biographien der Freunde Fidus, Arno Rentsch und Martin Haller angebracht wurden. Eine kleine Ausstellung mit Exponaten zum Kreis um Fidus, entstanden unter anderem mit der Hilfe des Fidus-Forschers Wolfgang Funkhauser, kann im Woltersdorfer Heimatmuseum in der Alten Schule in der Rudolf-Breitscheid-Straße 27 besichtigt werden. Die Öffnungszeiten sind Donnerstags von 16-18 und Sonnabends von 14-18 Uhr. Der Eintritt ist frei, Spenden sind allerdings willkommen.

Wir danken Herrn Wolfgang Funkhauser für die Führung durch Woltersdorf sowie Herrn Oliver Haller für einige wertvolle Hinweise und Korrekturen.

 

Quellen:

http://www.fidus-projekt.ch/personen/p/prellwitz-gertrud
http://www.fidus-projekt.ch/personen/h/hoppener-drude
http://fliphtml5.com/vqhj/tnvo/basic
http://www.berliner-zeitung.de/archiv/das-fidus-haus-in-woltersdorf-bleibt-vorerst-geschlossen---weil-60-000-mark-fehlen-ohne-parkplatz-kein-museum,10810590,9891158.html

Letzte Änderung am Dienstag, 26 Mai 2015 12:55
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Ruedi Strese

Mag. Ruedi Strese (Jahrgang 1980) machte 2001 sein Abitur und lebt in Berlin.

Nach seinem Studium der Germanistischen Linguistik und der Südostasienwissenschaften an der Humboldt-Universität und Abschluß mit dem Magistergrad im Jahr 2010 arbeitete Ruedi Strese als Lektor, Autor und Musiker.

Seit Dezember 2014 leitet er die Redaktion von COLPORTAGE.

Webseite: www.colportage.de

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