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Symbolistisches Frühwerk

Frantisek Kupka „Babylon“ (1906)

Donnerstag, 09 April 2015 14:08 geschrieben von 
Frantisek Kupkas Werke bestechen durch Ausdruck! Frantisek Kupkas Werke bestechen durch Ausdruck! Quelle: ART Depesche

Frankfurt am Main - Frantisek Kupka, geboren 1871 in Opocno (heute Tschechien, damals Österreich-Ungarn), gestorben 1957 in Puteaux bei Paris, studierte ab 1887 an der Akademie der Bildenden Künste in Prag und ab Oktober 1891 an deren Wiener Gegenstück. Kurz darauf zog der Sozialreformer, Veganer-Guru und symbolistische Maler Karl Wilhelm Diefenbach ebenfalls nach Wien. Diefenbachs Ausstellung im Österreichischen Kunstverein Ende 1892 machte einen tiefen Eindruck auf Kupka. Im Herbst 1894 besuchten er und sein Malerkollege Milos Maixner Diefenbachs Kommune in Hütteldorf, wo sich Maixner umgehend entschied, Diefenbachs Schüler zu werden. Kupka schloß sich später der Kommune ebenfalls an, blieb jedoch nur wenige Monate.

Er verkehrte in esoterisch-theosophischen Kreisen und bezeichnete Diefenbach in einem Brief an einen „Bruder“ in einer Geheimgesellschaft als „ausgezeichneten Sittenprediger, Maler und Musiker und Dichter“. Auch die okkultistische Zeitschrift Sphinx und Fidus’ Illustrationen in selbiger waren ihm nachweislich bekannt.

Im Frühjahr 1896 zog Kupka nach Paris, kehrte jedoch 1898 zwischenzeitlich nach Wien zurück, wo, wie anzunehmen ist, er eine Ausstellung mit Werken Diefenbachs besucht haben dürfte. Viele der darauf in Paris entstandenen Arbeiten Kupkas zeigen in gigantischen Tempeln, Götterfiguren oder Lotosblumen den Einfluß von Esoterik und Okkultismus, mit dem sein Wiener Umfeld sich so ausgiebig beschäftigte.

Ab etwa 1906 schuf Kupka Gemälde, welche sich der Phantastik zuwandten, die weder ganz abstrakt noch ganz abbildend und von den Vorstellungen Haeckels und Darwins wie auch der Theosophie geprägt waren. Zu den besonders mystischen Schöpfungen gehört das Ölgemälde „Babylon“. Die 1,04 m Breite und 0,7 m Höhe zeigen farbliche Reduktion auf einen dominanten Gegensatz von blau und gold-orange, erinnernd an das Tor der Ishtar.

Im Vordergrund ein Ufer mit mehreren hermetischen Wächterfiguren, links drei Greifdämonen (vermutlich Apkallu, Schutz- und Weisheitsgötter), rechts stehen Pazuzu, Dämon des kalten Windes, und Lamassu, der Schutzdämon mit Stierkörper, Flügeln und Menschenkopf. Zu Pazuzu heißt es bei Wikipedia „Bei der einzigen Ganzkörperdarstellung weist eine Hand nach oben, die andere nach unten, was in hermetischen Spekulationen der Neuzeit als Hinweis auf den Grundsatz: „Wie oben, so unten“ gedeutet wurde. Normalerweise wird jedoch nur sein löwenartiger Kopf dargestellt." Hier ist Pazuzu im Ganzen zu sehen, mit der beschriebenen Handhaltung - wohl ein Hinweis auf den theosophischen Hintergrund.

Wasser trennt das Ufer von der links im hinteren Teil des Bildes dargestellten Zikkurat, eine dichte Menge aus Wolken und Nebel läßt diesen Tempel seltsam entrückt wirken. Soll das Ufer die Erde darstellen, die Zikkurat hingegen „die andere Seite“? In späteren Arbeiten wandte sich Kupka zunehmend der Abstraktion zu. „Babylon" ist üblicherweise in der Prager Nationalgalerie zu besichtigen. Bis zum 14. Juni allerdings findet es sich im Rahmen der Ausstellung „Künstler und Propheten - eine geheime Geschichte der Moderne (1872-1972)“ in der Schirn Kunsthalle in Frankfurt am Main.

 

Quellen:

http://kupka.kralovehradeckyregion.cz/de/index.shtml
http://de.wikipedia.org/wiki/Pazuzu
http://de.wikipedia.org/wiki/Lamassu
http://de.wikipedia.org/wiki/Zikkurat

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Ruedi Strese

Mag. Ruedi Strese (Jahrgang 1980) machte 2001 sein Abitur und lebt in Berlin.

Nach seinem Studium der Germanistischen Linguistik und der Südostasienwissenschaften an der Humboldt-Universität und Abschluß mit dem Magistergrad im Jahr 2010 arbeitete Ruedi Strese als Lektor, Autor und Musiker.

Seit Dezember 2014 leitet er die Redaktion von COLPORTAGE.

Webseite: www.colportage.de

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