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Kulturkritischer Spaziergang durch eine Ausstellung in Hamburg

Jugendstil - Die große Utopie

Montag, 02 November 2015 20:43 geschrieben von 
Rudolph Dührkoop "Kopf mit Heiligenschein" Rudolph Dührkoop "Kopf mit Heiligenschein"

Hamburg - Das Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg stellt vom 17.Juni 2015 bis 7.Februar 2016 unterschiedlichste Werke, unter dem Namen „Jugendstil. Die große Utopie“, aus. Eine Besuchsaufforderung. 
Die Kunstszene in Deutschland und in Europa befindet sich seit Jahren in einer hausgemachten Krise. Damals neuartige, lebenserhellende Kunstbewegungen wie der „Jugendstil“ sind in unseren jetztzeitigen Breitengraden nicht mehr aufzuspüren. Die Postmoderne hat unseren Willen und unsere künstlerische Prägekraft fest im Griff. Internet und das sogenannte Web 2.0 sorgen für eine gewisse Mittelbarkeit der Wahrnehmungsfähigkeit und so bleibt oftmals nur noch ein melancholischer Blick zurück, da uns zeitlosen, aus der Welt geworfenen Menschen, nur noch dieses als bewusst machender Kunstzugang erscheint. Der Jugendstil als formende Kunstepoche bietet sich für solcherlei Vorhaben trefflich an, da gerade diese wachrüttelnde Zeit uns auch heutzutage einiges mitzuteilen hat - mitunter mit einer verblüffenden gesellschaftlichen Analogie.

 

Die Kunstform des Jugendstils

 


Die kunstgeschichtliche Epoche des Jugendstils charakterisiert sich durch Lebensreform, realistische Phantasien und Zukunftsträume. Ziel dieser künstlerischen Verfassungen war die Erneuerung der Kultur, einer industriellen, entfremdeten Gesellschaft, im Übergang ins 20. Jahrhundert. Durch den unmittelbaren Einfluss von gesellschaftskritischen Philosophen, wie Friedrich Nietzsche oder aber auch Karl Marx, entstanden neue Stile für Gebäude, Interieur und Reklame. Prägende Namen für diese Teilströmung des Jugendstils waren die Künstler Peter Behrens und Henry van de Velde. Gerade die philosophischen Konzeptionen jener Zeit, wie beispielsweise der nietzscheanisch-visionäre Menschenentwurf des Übermenschen, sorgten für einen Quell an Inspiration, die den Geist der damaligen Zeit gut einfängt. So lässt sich auch der Körperkult dieser Epoche gut von den grundsätzlich diesseitigen Philosophien her ableiten. Die gemütsschwangere Zeit des Fin de siècle, mit all ihren kulturellen Ausschweifungen, die später Thomas Mann in seinem Zauberberg brillant verarbeitet hat, trifft auch den Tenor der malerischen Künstler des Art nouveau.  Beispielhaft für den malerischen Ansatz, stehen berühmte Künstler wie Gustav Klimt, Paula Modersohn-Becker und Edvard Munch, die von der Jugendstilästhetik  beeinflusst wurden. Die Zeit des Jugendstils stellt eine Art Melange aus Simplizität und spielerischem Dekor dar, zumindest in architektonischer Hinsicht. Malerisch orientiert sich der Jugendstil vornehmlich mehr an einer besonderen Farbgebung, die sich durch die Verwendung von alten Pigmenten und Naturfarben auszeichnet. Die Verwendung von intensiven Farben macht für unsere heutigen Augen den Jugendstil so charakteristisch. 

Die Ausstellung

Das Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg hat sich, passend zum etwa hundertjährigen Jubiläum des Jugendstils, für eine mittelgroße Werkschau entschieden. Von modischen Ausflügen der damaligen Frauenmode, über exzentrische Errungenschaften wie der eines Lichtbades für den kulturell heruntergekommenen Stadtmenschen, bis hin zu Kunstwerken von Gustav Klimt und original Nietzscheschriften seines „Also sprach Zarathustra“, wird dem Kunsthallenbesucher eine breite Palette an Impressionen dieser Zeit geboten. Besonders Nietzsches Einsiedler Zarathustra, der den Menschen seine Lehre vom wahren menschlichen Potential darbietet, wird durch die Dumpfheit der Massen verachtet. Schritt für Schritt zieht er sich zurück und bietet damit Identifizierungspunkte gerade für reformerische Künstler des Jugendstils. Diesen Geist kann der umsichtige Besucher bei den einzelnen Exponaten spüren. Zusätzlich werden diverse Videoinstallationen geboten, die alte Originalaufnahmen zeigen. So werden bewegte Bilder von damaligen Kinderarbeitern präsentiert, die im Zuge der Industrialisierung zur Arbeit angehalten wurden. Hervorstechend sind jedoch insbesondere die Kunstwerke von Paul Gauguin, da sie sich durch eine besondere symbolistische Variation des Jugendstils auszeichnen. Paul Gaugin, geboren am 7.Juni 1848 und gestorben am 8.Mai 1903, wurde durch seinen floralen, vereinfachenden Stil bekannt. Die Kunstausstellung würdigt ihn mit seinen sehnsuchtsbildenden Südseegemälden, die ihm Anerkennung einbrachten und unserem heutigen Gedächtnis in Erinnerung bleiben werden. Garniert wird die Schau mit den für Kunstausstellungen typischen Begleittexten, wobei hier dem Museum für Kunst und Gewerbe ein kleinerer Fauxpas unterlaufen ist: Die Texttafeln sind derart versteckt angebracht, dass man erst einmal nach diesen suchen muss! Warum die Tafeln an ungünstigen Positionen angebracht wurden, bleibt unerklärlich. Doch letztlich stellt dieses einen kleineren Ausrutscher dar, weil die eigentlichen Exponate, dem kennenden Blick, schon genug an staunenswerten Eindrücken liefern.

Rückkopplung zur künstlerischen Reform

In Zeiten, in denen mit Menstruationsblut Bilder gemalt und als „Kunst“ zu hohen Preisen verkauft werden, stellt gerade der Jugendstil ein erhellendes Kontrastprogramm dar. Lediglich Künstler wie Anselm Kiefer oder auch Neo Rauch („Neue Leipziger Schule“) und Kunstjünger aus ihrem Umfeld vermögen die heutige deutsche Kunstszene zu beleben. Sie schaffen es, dem postmodernen deutschen Weltbürger eine Art Spiegel vorzuhalten - ohne jedoch in irgendeiner Form die Möglichkeit zu haben, eine künstlerische Bewegung zu initiieren. Selbst einem Künstler wie Gerhard Richter, der ein Gespür für Maßstab und Komposition besitzt, ermöglicht dies lediglich, Banales in Rätselhaftes zu verwandeln. In der Epoche des Jugendstils hingegen gingen utopische Philosophie, Naturverständnis und praktische Funktionalität eine interessante Symbiose ein. Trotzdessen existieren einige erstaunliche Parallelen zwischen der Ära des Jugendstils und unserer heutigen Zeit, die ernüchternde Rückschlüsse zulassen. Die sich sukzessive verändernde gesellschaftliche und ökonomische Struktur der mannigfachen Lebensbereiche am Wendepunkt zum 20. Jahrundert, hin zu einer durchweg industrialisierten Zeit, lässt sich gut mit unserer Situation, der zunehmend globalisierten Welt, vergleichen. Die sogenannte Digitale Revolution stellt uns vor unzählige künstlerische und politische Herausforderungen, die den Markstein des 21. Jahrhunderts darstellen. Im Vergleich zum Art nouveau, scheint es uns Zeitgeistgeborenen jedoch nur noch schwerlich möglich, eine breite künstlerische Front aufzumachen. Es scheint dementsprechend so zu sein, dass die Zeit und die Geschichte uns kulturell ins Leere entlassen haben. Hier wäre sicherlich eine Rückbindung zum wahrlich reformistischen Geist des Jugendstils von Nöten. Aus diesen Gründen: Besuchen Sie die Ausstellung „Jugendstil. Die große Utopie“ und erfassen Sie durch die Kunsthistorie unsere unvergleichliche Lage. Es lohnt sich. 

Weiterführende Links zum Thema Jugendstil:

http://www.art-depesche.de/index.php/malerei/50-frantisek-kobliha-des-jugendstils-tschechische-seite
http://www.art-depesche.de/index.php/malerei/53-jugendstil-in-bluete-das-fruehe-leben-und-werk-heinrich-vogelers
https://www.colportage.de/kunst/fidus-die-heimst%C3%A4tte-eines-jugendstil-meisters.html

Letzte Änderung am Mittwoch, 04 November 2015 05:56
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Nando-Dragan Augener

Nando-Dragan Augener, Jahrgang 1989, machte 2010 sein Abitur und lebt in Hamburg.
Während seines Studiums der Erziehungswissenschaften und der Soziologie an der Universität Hamburg verfaßte er regelmäßig Artikel für das Studentenmagazin Blaue Narzisse. Seine Interessensgebiete sind Malerei, Literatur, Philosophie und Politik.
Für COLPORTAGE befaßt er sich mit Literatur und Bildender Kunst.

Webseite: www.colportage.de

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