Freigegeben in Kunst & Kultur

Schirn Kunsthalle Frankfurt/Main

Künstler und Propheten - eine geheime Geschichte der Moderne (1872-1972)

Donnerstag, 02 April 2015 12:15 geschrieben von 
"Die Kommune des Himmelhofs, 1898  Fotografie, aufgezogen auf Karton 9,5 × 14,5 cm (10,5 × 16,4 cm) Archiv der deutschen Jugendbewegung, Witzenhausen, N 151 Nr. 64 © Foto: Studio Lichtwert, Eschwege" "Die Kommune des Himmelhofs, 1898 Fotografie, aufgezogen auf Karton 9,5 × 14,5 cm (10,5 × 16,4 cm) Archiv der deutschen Jugendbewegung, Witzenhausen, N 151 Nr. 64 © Foto: Studio Lichtwert, Eschwege"

Frankfurt am Main - Ein wahres Glanzlicht beherbergt derzeit die Schirn Kunsthalle in Frankfurt am Main. In über 400 selten zu sehenden und außergewöhnlichen Exponaten, darunter sind Gemälde, Zeichnungen, Skulpturen, Briefe und Zeitungsartikel, widmet sich die Schau der Moderne, angefangen vom ausgehenden 19. Jahrhundert bis zur Avantgarde der 1970er Jahre. Bemerkenswert ist jedoch der Blickwinkel, denn im Mittelpunkt steht der Künstler in seiner Gestalt als Prophet, als religiöser Schwärmer, Gründer utopischer Kommunen und Sozialreformer.

Ausgegangen wird dabei vom Veganer-Guru und Lebensreformer Karl Wilhelm Diefenbach, dessen 68 m langer, an Scherenschnitte erinnernder Fries „Per aspera ad astra“ den Besucher am Beginn der Ausstellung begrüßt. Weitere bedeutende Werke Diefenbachs sind zu sehen, etwa das leidvolle „Der Prophet“ und „Die Memnonkolosse im Sandsturm“: erschütternd, mystisch und dunkel. In seiner Kommune scharte er Anhänger um sich und predigte ein naturnahes Leben, dabei gab er sich als Despot, der von seinen Jüngern Gehorsam forderte.

Einer von diesen wurde der Jugendstil-Schwarmgeist Hugo Höppener, welcher von ihm den Namen „Fidus“ („Der Getreue“) verliehen bekam. Von Fidus handelt auch der nächste Raum; zu sehen sind u.a. die Reihe „Tempeltanz der Seele“ und Buchillustrationen. Einige Anekdoten sind zu lesen, u.a. die, daß Diefenbach und Fidus einmal unbekleidet von der Polizei überrascht wurden, was den vermutlich ersten deutschen Nudistenprozeß zur Folge hatte.

Auch Gusto Gräser und Frantisek Kupka gehörten zu den Schülern Diefenbachs, auch wenn sich beide später von dessen egozentrischer und despotischer Seite zurückgestoßen fühlten. Von Gräser gibt es „lediglich“ das exotisch anmutende Großgemälde „Der Liebe Macht“ zu sehen. Kupka ist hingegen mit Werken aus verschiedenen Schaffensphasen vertreten. „Babylon“ (1906) mutet traumhaft an, eine Mischung aus Antike und SciFi, aber ist noch dem Gegenständlichen verschrieben, während spätere Werke sich dem Abstrakten zuwandten.

Weitere Räume der Ausstellung beschäftigen sich mit Egon Schiele und dem spirituellen Aspekt seines Werkes, dem „Jesus-Darsteller“ Gustav Nagel, welcher hauptsächlich durch fotografische Selbstinszenierungen vertreten ist, dem anarchistischen Wanderprediger und Jüngerinnensammler Ludwig Christian Haeusser, der Agitprop-Malerei Jörg Immendorffs, den Skulpturen Joseph Beuys’ und nicht zuletzt Friedensreich Hundertwasser und dessen ökologisch-sozialreformerischem Ansatz. Immer wieder finden sich personelle und konzeptionelle Verweise auf Lebensreform und Jugendbewegung, dies ist - neben der Künstlergestalt selbst - der rote Faden der Ausstellung. Die „Künstler und Propheten“ werden noch bis zum 14. Juni in der Schirn Kunsthalle gastieren. Der Eintritt kostet 9,-, ermäßigt 7,-.

 

Quellen:

http://www.schirn.de/KUENSTLER_PROPHETEN.html
http://www.schirn-magazin.de/Prophet_Karl_Wilhelm_Diefenbach.html
http://www.schirn-magazin.de/Hugo_Hoeppener_alias_Fidus_Kuenstler_Propheten.html

Letzte Änderung am Freitag, 03 April 2015 13:42
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Ruedi Strese

Mag. Ruedi Strese (Jahrgang 1980) machte 2001 sein Abitur und lebt in Berlin.

Nach seinem Studium der Germanistischen Linguistik und der Südostasienwissenschaften an der Humboldt-Universität und Abschluß mit dem Magistergrad im Jahr 2010 arbeitete Ruedi Strese als Lektor, Autor und Musiker.

Seit Dezember 2014 leitet er die Redaktion von COLPORTAGE.

Webseite: www.colportage.de

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