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Eine Seelenreise durch Schöpfung und Sündenfall

Ludwig Fahrenkrogs „Lucifer“

Freitag, 27 März 2015 22:53 geschrieben von 
Ludwig Fahrenkrog: "Lucifer" Ludwig Fahrenkrog: "Lucifer" Quelle: COLPORTAGE

Berlin - „Am Anfang aller Kunst steht der Mensch - nicht der Künstler - d.i. die reiche, überreiche, empfindsame Seele, sucht nach einem Ausdruck, um ihre Überfülle in die Schwesterseele zu tragen. Gelingt ihr das, dann wird auch wohl die Form gut sein, d.i. der inneren Gesetzmäßigkeit des Erlebens entsprechend - mehr, sie wird als Selbstverständlichkeit mit dem intuitiven Leben geboren sein - und so wird die Seele  n u r  s i c h  geben, und  m e h r kann sie wirklich nicht. Man müßte wohl einmal der Seele das Recht zugestehen: zu sein, wie sie ist, und: sich zu geben, wie sie ist.

Dies schrieb Ludwig Fahrenkrog 1913 im „Vorbericht" zu seinem Bildband „Lucifer“. Als die Sammlung von elf Holzstichen mit dazugehörigen Dichtungen - wobei jedoch, nach Aussage des Künstlers, Wort und Bild auch getrennt voneinander betrachtet werden können - erschien, waren die Arbeiten schon etwa 15-20 Jahre alt. „Ich habe gespielt, wie ich als Kind spielte, wenn ich mir meine Gedanken schrieb und meine Bilder dazu malte - oder umgekehrt. So alles durcheinander - aus Lust und Liebe“ erläuterte der 1867 geborene Künstler.

Ludwig Fahrenkrog, ein ewiger Schwarmgeist, ein zuspätgeborener Romantiker, er wird dem Jugendstil und Symbolismus zugerechnet; inhaltliche und wesensmäßige Analogien gibt es zu den Arbeiten Fidus‘ und Hermann Hendrichs, welche - wie Fahrenkrog - der neogermanisch-mystischen Seite der Lebensreformbewegung nahestanden. Dabei hatte Ludwig Fahrenkrog mit christlich-sakraler Kunst angefangen, stand dieser Religion jedoch zunehmend skeptisch gegenüber - wie auch modern-avantgardistischen Richtungen der bildenden Kunst, wie Expressionismus und Kubismus, welche zu Beginn des 20. Jahrhunderts ihren Siegeszug antraten.

1900 war Fahrenkrog bereits aus der Kirche ausgetreten, 1907 rief er zur Gründung einer neugermanischen Religionsgemeinschaft auf. Die 1913 ins Leben gerufene „Germanische Glaubens-Gemeinschaft“ vertrat er von 1914 bis zu seinem Tod 1952 als „Hochwart“. Mit dem Nationalsozialismus konnte der Schwärmer und „völkische Hippie“ trotz einiger Berührungspunkte indes nicht viel anfangen, der totale Staat, die Herrschaft der Technik und die Mobilisierung der Massen waren ihm wesensfremd wie alles Moderne und Naturferne.

Der von Greiner & Pfeiffer Stuttgart verlegte Bildband „Lucifer“, dessen berühmtestes Einzelbild „Lucifers Lossage von Gott“ (1898) ist, handelt, noch dem Christentum verbunden, von Schöpfung und Sündenfall, und atmet mystischen Geist. Liebe zum Detail und feinsinnige Ästhetik bestimmen die Gestaltung. In eleganten Lettern der Textteil, die graphischen Arbeiten auf weinrotem Untergrund, die Bildunterschriften golden. Man kann die Bilder selbst als märchenhaft, kitschig, dämonisch, wunderschön empfinden, die dazugehörige Dichtung berührt und fasziniert dem Ätherischen verbundene Geister bis heute.

 

„Du Weltenseele, die du das All durchdringst und mich,
Ich rufe dich, ich bete dich an, dich liebe ich.
Laß an der Harmonien Rande hinsinken mich
Und fülle die sonnendurstige Seele mit Sonne.“

Die Abbildung zeigt einen Ausschnitt aus „Der erste Tod“.
„Der den Bruder erschlug - Kain - hieß er.“

Letzte Änderung am Samstag, 28 März 2015 02:37
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Ruedi Strese

Mag. Ruedi Strese (Jahrgang 1980) machte 2001 sein Abitur und lebt in Berlin.

Nach seinem Studium der Germanistischen Linguistik und der Südostasienwissenschaften an der Humboldt-Universität und Abschluß mit dem Magistergrad im Jahr 2010 arbeitete Ruedi Strese als Lektor, Autor und Musiker.

Seit Dezember 2014 leitet er die Redaktion von COLPORTAGE.

Webseite: www.colportage.de

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