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Frühwerk zwischen Spätimpressionismus und Expressionismus

Otto Dix’ „Sonnenaufgang“

Dienstag, 30 Juni 2015 15:20 geschrieben von 
Ruedi Strese empfiehlt "Sonnenaufgang" von Otto Dix Ruedi Strese empfiehlt "Sonnenaufgang" von Otto Dix Quelle: ART DEPESCHE

Berlin - Otto Dix’ Werk ist von großer stilistischer Vielseitigkeit geprägt. Spätimpressionismus, Expressionismus, Kubismus, Futurismus und Neue Sachlichkeit wurden von ihm durchwandert. Eines seiner faszinierenden, stimmungsvollen Frühwerke, der „Sonnenaufgang“, ist derzeit in Berlin zu besichtigen.

Entstanden war das Bild 1913. Ein Jahr zuvor hatte Dix in Dresden eine Ausstellung mit Arbeiten van Goghs gesehen. Van Gogh selbst war stark vom Impressionismus beeinflußt, nahm jedoch durch die Abkehr von der realitätsnahen Darstellung, ohne wirklich in die Abstraktion zu gehen, und die Nutzung der Malerei als Ausdrucksmittel des Gefühlslebens zentrale Elemente des Expressionismus vorweg. Vor allem sein Farbauftrag, der durch Wirbel und Schlängellinien Bewegung in das Bild brachte, fand seinen Niederschlag in der Arbeit von Dix.

Besonders das spätimpressionistische Frühwerk „Boote am Ufer der Elbe in Dresden“ (1912) läßt dies klar erkennen, doch auch der „Sonnenaufgang“ kann als Beispiel dienen. Das Gemälde (Öl auf Pappe) ist mit 50,5 x 66 cm nicht sonderlich groß, doch zieht den Betrachter sofort in den Bann.

Gezeigt wird eine apokalyptisch anmutende Winterlandschaft, vielleicht Vorbotin des heraufziehenden Weltenbrandes. Bedrohliche graue Wolkenberge türmen sich auf über minimalistisch reduzierten schwarzen Tannen und schmutzigem, grauweißem Schnee in Wellenform. Die aufgehende Sonne bringt kein Leben, sie erinnert an eine Explosion. Vorne durch das Bild, ebenfalls in äußerst roher Weise wiedergegeben, fliegen schwarze Vögel. Wieder ein Bezug zu van Gogh? Van Gogh sah Raben als Todesvögel; er malte diese im Juli 1890, aus einem Weizenfeld fliegend, kurz bevor er sich mit einer Kugel das Leben nahm.

„Sonenaufgang“ hat eine bewegte Geschichte hinter sich. Dix hatte das Bild 1920 der Städtischen Galerie Dresden geschenkt. Die Nationalsozialisten beschlagnahmten das Bild bereits zu Beginn ihrer Herrschaft. Auf der Münchener Ausstellung „Entartete Kunst“ wurde das Werk des Kriegsfreiwilligen Dix als Beispiel für Wehrsabotage gezeigt, anschließend lagerte es im Reichspropagandaministerium und tauchte Ende der 1940er Jahre in einer westdeutschen Privatsammlung auf. 1951 wurde es für 360,- DM versteigert. Ende 2012 sollte es erneut versteigert werden, diesmal war eine Summe zwischen 300.000 und 400.000 Euro angesetzt. Allerdings konnte die Auktion verhindert werden. Nach intensiven Verhandlungen und mit Hilfe privater Stiftungen konnte das Bild für die Städtische Galerie Dresden zurückgekauft werden. Ein offizieller Preis wurde nicht genannt, die Galerie gab jedoch 793.000,- Euro zuzüglich Aufgeld an.

Ob dieses Bild unter den Nationalsozialisten oder jüngst wieder zum Politikum wurde, lediglich mit anderer Stoßrichtung, entscheidet nichts an der entscheidenden Tatsache: es handelt sich um ein beeindruckendes Kunstwerk. Bis zum 20.9. wird „Sonnenaufgang“ in der Sonderausstellung „ImEx“ in der Alten Nationalgalerie Berlin zu sehen sein, ansonsten ist es fester Bestandteil der Kunstsammlung der Städtischen Galerie Dresden.

 

Verweise:

http://www.artinfo24.com/kunstmarkt/news-1150.html
http://www.otto-dix.de/start_html

Letzte Änderung am Mittwoch, 01 Juli 2015 03:37
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Ruedi Strese

Mag. Ruedi Strese (Jahrgang 1980) machte 2001 sein Abitur und lebt in Berlin.

Nach seinem Studium der Germanistischen Linguistik und der Südostasienwissenschaften an der Humboldt-Universität und Abschluß mit dem Magistergrad im Jahr 2010 arbeitete Ruedi Strese als Lektor, Autor und Musiker.

Seit Dezember 2014 leitet er die Redaktion von COLPORTAGE.

Webseite: www.colportage.de

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