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Vom Terror zur Zeitgeschichte

RAF-Wanderzirkus bricht seine Zelte in Berlin ab

Mittwoch, 04 März 2015 20:16 geschrieben von 
Logo der RAF Logo der RAF Quelle: commons.wikimedia.org

Berlin - Bis zum 8. März 2015 gastiert die Sonderausstellung „RAF – Terroristische Gewalt“ noch im Deutschen Historischen Museum in Berlin. Die Ausstellung, die sich anschickt, nach der Bekämpfung terroristischer Gewalt ohne die Gefährdung demokratischer Standards zu fragen, präsentiert bereits seit November 2014 Exponate, die sie in Zusammenhang mit der sich zur RAF radikalisierenden Studentenbewegung der 60er Jahre bringt.

Zu einem Sturm im Wasserglas mittleren Ausmaßes hatte die Bewertung des FDP-Politikers Gerhart Baum geführt, der in den Jahren 1978-1982 das Amt des Bundesinnenministers bekleidet hatte. Dieser kritisierte, dass die Aneinanderreihung von Dokumenten und Gegenständen dem Phänomen RAF nicht gerecht würde und urteilte, dass die verkürzte Darstellung der Roten Armee Fraktion dem Qualitätsanspruch eines Hauptstadtmuseums nicht genüge.

Tatsächlich langweilt sich der interessierte Besucher zwischen steril präsentierten Asservaten vor blutroten Wänden. Hinter dickem Glas flimmern furchtbar kleine Monitore mit Endlosschleifen von Filmsequenzen, die bereits seit Jahren im Internetportal YOUTUBE abgerufen werden können. Auch für Souvenirjäger, die hoffen einen Schnappschuss vor dem Motorrad des Buback-Attentats nach Hause zu tragen, eignet sich die Ausstellung schlecht. Spätestens der Hinweis der Museumsangestellten, die mit dem barschen Ton eines DDR-Grenzsoldaten auf das Fotografierverbot aufmerksam machen, beendet den Spaß. 
Etwas ratlos steht man dann auch vor der zerfetzten Tür eines deutschen Oberklassewagens, in dem zwei Menschen ihr Leben durch eine heimtückisch deponierte Bombe lassen mussten. Ob der Mord an dem Physiker Karl Heinz Beckurts und seinem Chauffeur tatsächlich auf das Konto der RAF geht, ist bis heute ungeklärt. Doch die Veranstalter der Sonderausstellung setzen auf die Kraft der Suggestion und fügen so ihrer Sammlung des Grauens ein weiteres spektakuläres Exponat hinzu. Der Rundgang endet dann auch so, wie die Geschichtsschreibung in der Bundesrepublik das Kapitel RAF beendet sehen möchte: Mit Fotos der Zellen von Baader, Ensslin und Raspe nach deren Selbstmorden, mit Interviews inhaftierter Terroristen der zweiten RAF-Generation und dem Titelblatt einer Bild-Zeitung jüngeren Datums, das mahnend darauf verweist, dass die neue Bedrohung ISIS heißt und man sie, genau wie die RAF-Killer vor 39 Jahren in Stammheim in die Knie zwingen wird. Der Staat weiß mit Terroristen umzugehen. Die Guten gewinnen, die Bösen verlieren - soweit die Moral.

Die Schau zeige, so der Flyer des Deutschen Historischen Museums, „dass die Auseinandersetzung mit den Gewaltverbrechen [der Roten Armee Fraktion] indes noch nicht zu Ende ist“. Zur Analyse des Phänomens oder auch nur zum erhellenden Kommentar taugt die Ausstellung nicht. Zu wenig werden die Zusammenhänge des internationalen Kampfes, als dessen Vertreter in der Bundesrepublik sich die RAF verstand, beleuchtet. Zu vage bleibt der Eindruck des Zeitgeistes, aus dem heraus sich die Ansicht entwickeln konnte, dass der bewaffnete Kampf einer Stadtguerilla in der BRD alternativlos, unumgänglich und legitim sei. Die Gräuel des Vietnamkrieges als globales Medienereignis, der Nahostkonflikt, das undurchsichtige Propagandageschäft des Springerkonzerns und die Verwicklungen der Geheimdienste bei der Radikalisierung der Westberliner Studentenbewegung, erwähnt seien hier nur am Rande die Namen des Verfassungsschutz-V-Mannes Peter Urbach und des Todesschützen Karl-Heinz Kurras, bleiben weitgehend von den Ausstellern unberücksichtigt. Fast scheint es so, als solle jegliche Anwandlung des Besuchers, die Perspektive der „terroristischen Gewalttäter“ einzunehmen oder ihre Motive auch nur im Ansatz nachzuvollziehen, unterbunden werden. Damit schlägt die Ausstellung einen fundamental anderen Weg ein, als vergangene RAF Rezeptionen, wie z.B. „Der Baader Meinhof Komplex“, der in nahezu romantischer Verklärung den Titelhelden zumindest nachvollziehbare Beweggründe unterstellt und insgesamt gute Unterhaltung bietet. Wer dieses Desperado-Flair sucht, sollte das Deutsche Historische Museum bis zum 8. März 2015 tunlichst meiden. Die RAF, und das scheint die Ausstellung vermitteln zu wollen, ist Kriminalgeschichte und kaum einer soziologischen Betrachtung wert. Das selbsternannte linke Establishment der Bundesrepublik, deren heimlicher Günstling die Truppe um Baader und seiner Genossen von jeher war, wird wohl kaum anders befinden. Es hat neue Helden gefunden, Pussy Riot und die Kräfte des arabischen Frühlings, die gerade auf Selbstmordattentate und Enthauptungen umsteigen. Aber das ist eine andere Geschichte….

Wer sich trotz alledem ein Bild von der Ausstellung machen will, hat noch bis zum kommenden Sonntag Zeit. Der Zugang erfolgt durch das Zeughaus, der Eintritt beträgt 8 Euro und gilt gleichzeitig für die deutlich bessere Dauerausstellung zur deutschen Geschichte.

 

Verweise zum Thema:

https://www.dhm.de/ausstellungen/raf.html
http://www.deutschlandradiokultur.de/raf-ausstellung-in-berlin-diese-ausstellung-bietet.1008.de.html?dram:article_id=304252
http://www.bild.de/politik/inland/isis/kaempfer-in-stammheim-vor-gericht-38381278.bild.html
https://raftour.wordpress.com

Letzte Änderung am Freitag, 06 März 2015 19:19
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Schlagwörter:
Michel Hanke

M.A. Michel Hanke (Jahrgang 1978) legte 1999 das Abitur ab.

Im Anschluss an den Wehrdienst, nahm er das Studium der Geschichte und der deutschen Literatur und Sprache an der Humboldt-Universität seiner Heimatstadt Berlin auf, das er 2013 mit der Erlangung des Magistergrades abschloss. Für COLPORTAGE befaßt er sich insbesondere mit historischen und kulturellen Themen.

Webseite: www.colportage.de

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