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Eine Einführung in die MNML Music

Teil 1: Entstehung und Verbreitung in Amerika

Donnerstag, 16 Juli 2015 16:18 geschrieben von 
Musik Musik

Basel - Im Wirbel der industriellen Innovationen und der Reizüberflutung der technisierten Gesellschaft wurde in den USA der 1960er Jahre eine Kunst erschaffen, die sich mit ihrer Schlichtheit, ihrer Klarheit, ihrer Logik und ihrer Objektivität abwendete von den abstrakten Auswüchsen des damaligen Expressionismus. So wie der Minimalismus in der Kunst, der Bildhauerei und der Architektur Einzug fand, so gab und gibt es auch Musiker, die das Stilmittel des Minimalismus in die Klangkunst übernommen haben. In den nachfolgenden zwei Artikeln soll dem konservativen oder reaktionären Musikliebhaber und Flüchtling in ästhetisch verträumte Sphären Einlass geboten werden in eine Welt, die er vielleicht nie betreten würde, weil er sie als „modern“ abgekanzelt hat. Doch muss er sich nur folgende Worte Dávilas vor Augen führen, um zu verstehen, was er hier vor sich hat: „Die Kunst ist das gefährlichste reaktionäre Ferment in einer demokratischen, industriellen und fortschrittlichen Gesellschaft.“ Als Einleitung ins Thema, soll hier nun ein Musikstück einer Vorläuferfigur der Minimal Music folgen. So hat schon vor über hundert Jahren der Franzose Erik Satie als Wegbereiter dieser Gattung der Neuen Musik gewirkt, von dem hier nun eines seiner bekanntesten Werke folgt:

Erik Satie - Gymnopédie No. 1

https://www.youtube.com/watch?v=S-Xm7s9eGxU

Grundeigenheiten minimalistischer Klangkompositionen

Wie oben schon erwähnt wurde, wurde die Minimal Music stark von der Minimal Art geprägt, was sich sowohl in der Reduktion der Kompositionsstruktur zeigt als auch darin, dass meist wenige Instrumente zum Einsatz kommen. Daneben wurden aber auch Einflüsse aus der psychedelischen Musik der Hippies verarbeitet,  die Zwölftontheorie von Arnold Schönberg, asiatische und afrikanische Klänge, Spielvarianten des Jazz und auch aus dem Mittelalter wurden Werke der Notre-Dame-Schule als Inspirationsquelle genutzt. Vielfach versuchen die Musiker Kompositionen zu erschaffen, die möglichst auf Komplexität verzichten, insbesondere in Bezug auf die Rhythmik und das Spektrum der Klangfarben. Dies führt dazu, dass ein einzelner Ton eine ganze minimalistische Komposition ausmachen kann, die Noten oft lang andauernd gespielt werden und manchmal lediglich durch die Mittel der Subtraktion, des Tontauschs oder der Addition ergänzt werden. Andere Ausformungen dieser Eigenheiten wurden insbesondere mit der Verbindung von Monotonie dazu genutzt, dem Hörer ein hypnotisch-meditatives Versenken zu ermöglichen, was besonderen Ausdruck innerhalb der mystischen Minimal Music fand.

Minimal Music aus Amerika

Auch in Amerika lassen sich Vorläufer der späteren Minimal Music finden, so sind es hier beispielsweise der Komponist John Cage, der mit seinen Werken die Fluxus Kunstbewegung (eine weitere gegen die bourgeoise Kunstauffassung gerichtete Aktionskunst, vergleichbar mit DaDa), mitprägte, da viele ihrer Vertreter seine Schüler waren. Cage selbst hat den Minimalismus bereits in den späten 1940er Jahren quasi mit seinem weltberühmten Stück 4‘33‘‘ auf den Gipfel getrieben, das auf jeden Ton verzichtet. Hier nun folgt als Klangbeispiel aber ein Stück, das stark die romantische Verträumtheit des Minimalismus zeigt:

John Cage - In a landscape

https://www.youtube.com/watch?v=I2wtmQkvX7A

Als Begründer der mystischen Minimal Music wird der armenisch-schottische Komponist Alan Hovhaness angesehen, der sehr produktiv war und in seinem Leben ganze 67 Symphonien schrieb, wobei es insgesamt über 500 Werke sind, die er der Nachwelt hinterließ. Schon früh spielte er mit dem oben bereits erwähnten John Cage zusammen, da beide minimale Stilmittel verwendeten. Alan brauchte in seiner Musik insbesondere oft repetitive Passagen sowie  Kirchentonarten und man bemerkt auch den Einfluss armenischer sowie allgemein asiatischer Klangtraditionen. Nachfolgend eines seiner bekannteren Werke, das dem Heiligen St. Gregory gewidmet ist:

Alan Hovhaness - Prayer of St. Gregory

https://www.youtube.com/watch?v=zCLk2FD_iUc

Ein weiterer Vertreter der frühen minimalistischen Klangkunst ist der Musiker La Monte Young. Neben dem, dass er der Fluxus Kunstbewegung angehörte, wurde er stark von serieller sowie asiatischer Musik geprägt. Er selbst hat wiederum andere wichtige Gestalten der Musikwelt beeinflusst, beispielsweise Lou Reed von der experimentellen Rockband Velvet Underground. Als Klangbeispiel soll eines der frühen Werke von La Monte Young folgen, das sich lediglich aus zwei Tönen zusammensetzt, die langanhaltend gespielt werden:

La Monte Young – Composition No. 7

https://www.youtube.com/watch?v=DkyKpe_MStc

Sehr prägend für die Minimal Music war auch der Künstler Louis Thomas Hardin. Diesen Amerikaner entdeckte man auf der Strasse, da der von der Edda begeisterte Musiker in Manhattan als Wikinger verkleidet an einer Straßenecke auftrat, was er unter dem Namen Moondog tat. Von dort verschwand er dann plötzlich, weswegen man ihn für kurze Zeit für tot hielt, doch er wurde lediglich für zwei Konzerte nach Deutschland eingeladen wo er dann, „so beeindruckt von den Menschen, von ihrer Freundlichkeit, ihrer Wärme, der ganzen Atmosphäre“ einfach bis zu seinem Lebensende blieb. Auch von ihm soll hier ein musikalisches Beispiel folgen, das die schöne Einfachheit seiner Kompositionen aufzeigt:

Moondog - Pastoral

https://www.youtube.com/watch?v=TMyjoYGGlNw

Als weitere Person, die neben den bereits erwähnten Musikern sehr wichtig für die Minimal Music war, ist Philip Glass, der z.B. auch die Musik für den 1985 veröffentlichten Film Mishima – Ein Leben in vier Kapiteln schrieb. Hier nun soll mit einem musikalischen Beispiel gezeigt werden, dass sich das Konzept des Minimalismus auch auf Kompositionen für mehr als ein Instrument übertragen lässt, so folgt hier ein Werk, das stark an Kammermusik erinnert:

Philip Glass - String Quartet No.2

https://www.youtube.com/watch?v=JzOyo7NoSBQ

John Adams, ein weiterer bedeutender Vertreter der Minimal Music und auch des sog. Post-Minimalismus (minimale Liedstrukturen mit organischerer Verarbeitung), lässt sich oft von zeitgeschichtlich wichtigen Geschehnissen inspirieren. Was ihm dann auch schon für sein Werk On the Transmigration of Souls, das den 11. Semptember 2001 verarbeitet, den für Musik bestimmten Pulitzer-Preis einbrachte. Es folgt als Klangbeispiel eines seiner frühen Klavierwerke:

John Adams - Phrygian gates

https://www.youtube.com/watch?v=-7r8XV1bylY

Neben dem, dass man mit neuen Formen des Komponierens arbeitete, setzten Künstler der Minimal Music gekonnt auch elektronische Klangerzeuger ein, um ihre Kompositionen zu erschaffen. Hier müssen insbesondere zwei Musiker erwähnt werden, so war es Steve Reich, der schon am Anbeginn seiner Karriere mit Kassettenrecordern experimentierte, was nun hier mit einem Stück aus dem Jahr 1967 gezeigt werden soll, dass auch ein hervorragendes Beispiel für den Stil der Addition und der Subtraktion innerhalb der Minimal Music bildet:

Steve Reich - Violin Phase for violin and tape or four violins

https://www.youtube.com/watch?v=vBY0-VLCEE0

Die zweite Person, die früh schon mit elektronischer Musik experimentierte im Umfeld der Minimal Music, war Terry Riley, der sich stark von östlichen Klängen und orientalischer Spiritualität prägen ließ. Er selbst beeinflusste dann wiederum maßgeblich die deutschen Elektronikpioniere Tangerine Dream und ihre Kompositionen, was beispielsweise in nachfolgendem Lied, das persischen Derwischen gewidmet ist, herausklingt:

Terry Riley - Persian Surgery Dervishes

https://www.youtube.com/watch?v=hccSK4ng6v0

Wohl einer der jüngsten und bekanntesten amerikanischen Minimal Music Komponisten ist Dustin O‘ Halloran. Mit der Filmmusik zum Drama Marie Antoinette, in welchem Kirsten Dunst die französische Königin spielte, erlangte der in Deutschland lebende Künstler grosse Beachtung. Als Beispiel für sein Schaffen folgt hier ein kurzes Stück, das als Teil der Filmmusik zu Marie Antoinette diente sowie eines seiner schönsten Lieder, das mit Noten sehr passend den Titel des Stückes selbst auszudrücken vermag:

Dustin O‘ Halloran – Opus 36

https://www.youtube.com/watch?v=Yzxo0YCxAA0

Dustin O‘ Halloran – We move lightly

https://www.youtube.com/watch?v=yveWjPz0O18

Zum Abschluss des ersten Artikels, der sich hauptsächlich Amerika gewidmet hat und weil sich der nächste Artikel hauptsächlich den Ausformungen der Minimal Music innerhalb des alten Kontinents widmet, soll hier nun ein Künstler Erwähnung finden, der auf keinem der beiden Kontinente zur Welt kam. In Island wurde erst 1986 der Multiinstrumentalist Ólafur Arnalds geboren, der schon in einigen Bands gespielt hat und auch als Solokünstler große Erfolge feiern konnte, z.B. war er es ihm möglich, die Filmmusik zum Hollywood-Streifen Another Happy Day zu schreiben. Was eine besondere Eigenheit von ihm ist, wird dann noch am Ende des nächsten Artikels erwähnt werden. Nachfolgend als letztes Lied folgt ein kurzes Stück von ihm, das in seinem Wohnzimmer aufgenommen wurde:

Ólafur Arnalds - Ágúst

https://www.youtube.com/watch?v=LYvlmiwEP9M

Letzte Änderung am Donnerstag, 16 Juli 2015 16:26
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David Beetschen

David Beetschen wurde am 28.09.1988 in Zürich geboren, wo er seitdem auch wohnt.

Er studiert Wirtschaftsrecht, arbeitet als Treuhandassistent und ist Offizier der Schweizer Armee. Er ist als Dichter Mitglied der „Eurasian Artists Association“. Regelmäßig verfaßt er Artikel für das Studentenjournal Blaue Narzisse. Für COLPORTAGE befaßt er sich u.a. mit Fragen der Musik und Kunst.

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