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In Musik gegossene Finsternis

Teil 1: Früher Darkfolk

Donnerstag, 20 August 2015 18:33 geschrieben von 
Nick Drakes Grab in Tanworth-in-Arden Nick Drakes Grab in Tanworth-in-Arden

Zürich - Einige heute meist unbekannte Personen verarbeiteten mit Hilfe von Folkmusik ihre psychischen Probleme, schlechten Erfahrungen, enttäuschten Hoffnungen oder den Verlust geliebter Menschen. COLPORTAGE-Autor David Beetschen will diese Vertreter dunkler Folkmusik mit seinem neuen Zweiteiler einem breiteren Publikum bekant machen.

Vielfach sind auch Verknüpfungen zum Blues festzustellen, jedoch finden sich hier wesentlich dunklere Themen oder melancholischere Kompositionen. Einige Musiker sollen besondere Erwähnung finden, nur schon darum, um sie wieder ins Gedächtnis der an Folkmusik interessierten Personen zu bringen. Diesen vielfach heute bereits verstorbenen Frauen und Männern ist dieser  Artikel gewidmet, die die Finsternis nutzten, welche sie in sich trugen, um etwas Schönes zu erschaffen, zu dem oder in das sie flüchten konnten vor dieser Dunkelheit. Nachfolgend erste Hörbeispiele für solcherlei Musik:

Gordon Lightfoot – The way I feel
https://www.youtube.com/watch?v=AMOgpau2nkE

Moonstone – Hope you come see
https://www.youtube.com/watch?v=iIPbKmhKbAM

Sibylle Baier – The end
https://www.youtube.com/watch?v=M-r1b2H9FKs

Bert Keely– Old friend
https://www.youtube.com/watch?v=RnRAWN1IUg4

Tia Blake – Turtle Dove
https://www.youtube.com/watch?v=uWCzHiH2mWg

 

Joni Mitchell

Fast am Ende des Zweiten Weltkrieges, im November des Jahres 1943, kam diese noch heute lebende „Malerin, die Lieder schreibt“ im kanadischen Fort Macleod zur Welt. In dieser Kleinstadt wuchs sie dann als Einzelkind auf und begann schon mit neun Jahren zu rauchen. Während sie im Jahr 1962 ein Kunststudium begann, erlangte sie eine Ukulele, mit der sie an Halloween desselben Jahres ihren ersten Auftritt absolvierte, für den sie Geld erhielt. Im Jahr 1965 heiratete sie das erste Mal und zog mit ihrem Ehemann nach Detroit, wo sie zusammen auftraten. Nachdem sie sich jedoch wieder nach kurzer Zeit trennten, begann sie, ihre ersten eigenen Lieder zu komponieren. Als sie dann nach New York gezogen war, begann sie dort in Clubs aufzutreten, wo sie schnell Bekanntheit erlangte und Leonard Cohen kennen lernte. Auch mit ihm hatte sie jedoch nur eine kurzzeitige Beziehung, während der ihr durch Cohen Schriften von Albert Camus und Federico Garcia Lorca näher gebracht wurden, wovon ihre eigenen Texte beeinflusst wurden. Die Beziehung zu Cohen selbst verarbeitete sie in einigen Liedern und konnte dann im Jahr 1968 mit Hilfe David Crosbys von der bekannten Folkrockgruppe Crosby, Stills, Nash and Young ihr erstes Album „Song to a Seagull“ produzieren. Aufgrund des Erfolgs des Albums wurde sie im ganzen Land bekannt, was ihr eine Auftrittsmöglichkeit am Woodstock Festival von 1969 einbrachte. Leider konnte sie dort nicht auftreten, da sie nicht durch die enorme Menge an herangeströmten Zuschauern kam, doch komponierte sie daraufhin ein Lied mit dem Titel „Woodstock“, mit dem Crosby, Stills, Nash and Young einen Hit landen konnten, der heute als Hymne des Festivals gilt. In den nachfolgenden Jahren bis 1979 gab Mitchell acht Alben heraus, von denen viele sehr erfolgreich waren und ihren Kultstatus in der Folkszene begründeten. Nach und nach begann sie jedoch, sich aus der Musikindustrie zurückzuziehen und setzte dafür ihre Energie vermehrt für die Malerei ein. Diese Abwendung bedeutete jedoch nicht ein vollkommenes Ende ihres musikalischen Schaffens, so gab sie weiter Alben heraus und erst im Jahr 2014 stellte sie eine CD Box zusammen, die Musik von 40 Jahren beinhaltet. Leider erlitt sie im März dieses Jahres ein Aneurysma und musste deswegen hospitalisiert werden. Gemäß den letzten Meldungen ist sie aber wieder wohl auf, kann sprechen und erholt sich in ihrem eigenen Haus. Nachfolgend drei Lieder dieser Dame, die zum Überthema passen:

Joni Mitchell – I had a king
https://www.youtube.com/watch?v=LcGvR1OumjM

Joni Mitchell – Urge for going
https://www.youtube.com/watch?v=Z3EofN3Flag

Joni Mitchell – All I want
https://www.youtube.com/watch?v=2AavxMdFiZo

Jackson C. Frank

Außer einigen eingefleischten Liebhabern wird der Name dieser 1943 geborenen Person fast keinem bekannt sein. Obwohl viele wichtige Musiker wie Paul Simon, John Renbourn, Sandy Denny, Bert Jansch oder Nick Drake Lieder von ihm coverten, konnte er, der offiziell nur ein Album in seinem Leben herausgab, nie größere kommerzielle Erfolge erzielen. Dies lag insbesondere daran, daß er schwere  Depressionen hatte, die aus einem Trauma herrührten, das er mit 11 Jahren erlitt, als bei einem Unfall in seiner Schule fast 50 % seiner Haut verbrannten. In der Zeit jedoch, in der er im Spital war, erlernte er dafür das Gitarrenspiel. Mit 21 zog er dann nach England, wo er im Jahr 1965 mit Hilfe von Paul Simon ein Album aufnahm. Fünf Jahre später kehrte er zurück nach Amerika, wo er sich in Woodstock niederließ und eine Familie mit zwei Kindern gründete. Eines der beiden verstarb jedoch, weshalb Frank noch weiter in Depressionen versank, und später wurde bei ihm auch noch eine paranoide Schizophrenie diagnostiziert. In den frühen 90er Jahren wurde seine Musik dann von Personen des lokalen Musikkollegs wiederentdeckt, weshalb man sich auf die Suche nach ihm machte. In New York fand man ihn dann und half ihm, sein Album als CD herauszubringen, wobei später auch noch bei Wiederveröffentlichungen der CD Demoaufnahmen hinzugefügt wurden. Besondere Bekanntheit erlangte seine Musik durch den Daft Punk Film Electroma, woraus nun als erstes Hörbeispiel jene Szene folgt, in der Franks Musik als Untermalung dient.

Jackson C. Frank – Dialogue (I want to be alone)
https://www.youtube.com/watch?v=2BASLQBHbqM

Jackson C. Frank – My name is carnival
https://www.youtube.com/watch?v=n2-Ez98tbYo

Jackson C. Frank – You never wanted me
https://www.youtube.com/watch?v=pVx4Buw1qtk

Nick Drake

Auch dieser im Juni 1948 im burmesischen Rangun geborene Musiker erlangte zu Lebzeiten keine große Bekanntheit, doch hört man heute seine Musik manchmal in der Werbung oder in Filmen und er konnte trotzdem viele andere Künstler beeinflussen. Darunter sind illustre Namen wie Jimmy Page, Nora Jones, R.E.M sowie Elton John und 2004 gab Brad Pitt ein Interview, in dem er sich als Nick Drake Fan offenbarte. Zur Welt kam Drake in Burma, da dort sein Vater als Ingenieur arbeitete, wo er Nicks Mutter kennen lernte. 1950 zogen sie dann mit ihm und seiner Schwester nach England, wo sie ein Haus im Süden Birminghams bezogen. Erstmals zur Schule ging Drake 1957 und entwickelte dann ab 1962 seine Fähigkeiten als Sprinter am Marlborough College. Damals spielte er Klarinette, Saxophon und Piano in seinem Schulorchester, wobei ab 1965 das Spielen der Gitarre hinzukam, da er sich eine für 13 Pfund kaufen konnte. Ein Studium der englischen Literatur begann er dann 1966 an der Cambridge Universität und ging ab dem Februar des nächsten Jahres nach Frankreich, wo er sich an der Universität Aix-Marseille immatrikulierte. Dort verdiente er sein erstes Geld als Musiker, begann Cannabis zu rauchen und konsumierte in dieser Zeit das erste Mal LSD, was sich auch in seinen Texten niederschlug. Als er im Oktober 1967 wieder in Cambridge sein Studium fortsetzte, zeigte er kein Interesse mehr an Sport, sondern verbrachte seine Freizeit damit, Cannabis zu rauchen und sich aktiv sowie passiv mit Musik zu beschäftigen, wobei er zu dieser Zeit mit dem Folkrevival in Kontakt kam. Dies führte dazu, dass er anfing, in Cafés und Clubs aufzutreten, wo er von Ashley Hutchings, dem Bassisten der Folkrock Band Fairport Convention entdeckt wurde, was ihm dann 1968 mit 20 Jahren einen Plattenvertrag einbrachte. Sein erstes Album „Five Leaves Left“ war geprägt von einem melancholischen Minimalismus, seinem fast gehauchten pastoralen Gesang und ungewöhnlichen Gitarrenspielweisen. Dieses Album wie auch das nächste blieben jedoch erfolglos. Beim zweiten Album „Bryter Layter“ wurde sogar versucht, die Verkaufszahlen zu steigern, indem seine Musik jazziger angehaucht war und vom Produzenten mit Orchesterarrangements versehen wurde. Nick brach dann 1968 sein Studium neun Monate vor dessen Ende ab, um sich ganz der Musik zu widmen. In dieser Zeit wurde er immer depressiver und nahm 1972 sein drittes Album „Pink Moon“ in bloß zwei Nächten auf. Hierbei wurden auf seinen Wunsch hin die Lieder nicht wieder mit Arrangements versehen, weshalb bloß er, seine Gitarre und ein kurzes Piano Stück zu hören sind. Doch auch dieses Album wurde kein kommerzieller Erfolg, wobei Drake sich wegen seiner Depressionen nicht wirklich dazu aufraffen konnte, Werbung dafür zu machen. Nach der Veröffentlichung seines letzten Albums distanzierte er sich immer mehr von seinem Umfeld und zog schlussendlich zurück zu seinen Eltern ins ländliche Tamworth-in-Arden, wo er einen Nervenzusammenbruch erlitt, weshalb er fünf Wochen hospitalisiert werden musste. Obwohl es danach wieder Pläne für ein neues Album gab und sogar schon vier Lieder aufgenommen worden waren, starb Nick Drake in der Nacht vom 24. auf den 25. November 1974 mit 26 Jahren an einer Überdosis Antidepressiva.  Nachfolgend drei Hörbeispiele zu seinem Schaffen, wobei das erste Stück im Original von Jackson C. Frank stammt, jedoch von Drake gecovert wurde.

Nick Drake – Milk and Honey
https://www.youtube.com/watch?v=cm9wYWuQDA4

Nick Drake – Day is done
https://www.youtube.com/watch?v=Y2jxjv0HkwM

Nick Drake – Place to be
https://www.youtube.com/watch?v=T9kHJduya7Y

 

(Fortsetzung folgt)

Letzte Änderung am Donnerstag, 20 August 2015 18:39
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David Beetschen

David Beetschen wurde am 28.09.1988 in Zürich geboren, wo er seitdem auch wohnt.

Er studiert Wirtschaftsrecht, arbeitet als Treuhandassistent und ist Offizier der Schweizer Armee. Er ist als Dichter Mitglied der „Eurasian Artists Association“. Regelmäßig verfaßt er Artikel für das Studentenjournal Blaue Narzisse. Für COLPORTAGE befaßt er sich u.a. mit Fragen der Musik und Kunst.

Redaktion