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Der englische Sufi-Scheich

Zum 10. Todestag von Martin Lings

Montag, 11 Mai 2015 13:02 geschrieben von 
Zum 10. Todestag von Martin Lings Quelle: COLPORTAGE

Berlin - Wer sich als Europäer ernsthaft mit der Lehre des Traditionalismus oder dem Islam beschäftigt, kommt an Martin Lings, in der muslimischen Welt auch bekannt als Abu Bakr Siraj ed-Din, nicht vorbei. Der Engländer bildet zusammen mit dem Franzosen René Guénon und dem Schweizer Frithjof Schuon, welche ihm beide als Lehrer und persönliche Freunde verbunden waren, das Dreigespann der bedeutendsten europäischen Gelehrten, welche sich auf der Suche nach wahrer Spiritualität von der westlichen Moderne ab- und der mystischen Sufi-Variante des Islam zuwandten.

Lings war 1909 in einem protestantischen Elternhaus geboren worden. In Oxford studierte er Englische Literatur, unter anderem bei dem irischen Schriftsteller C.S. Lewis („Die Chroniken von Narnia"), mit welchem ihn eine enge Freundschaft verband. Während des Studiums begann er, sich zunehmend mit religiösen Fragen zu beschäftigen. Hatte er sich zunächst ausführlich mit Hinduismus und Katholizismus befaßt, wobei diese Sympathien ihn auch den Rest seines Lebens begleiteten, konvertierte er schließlich 1938 unter dem Eindruck des algerischen Sufi-Scheichs Ahmad Alawî asch-Schazalî zum Islam und erhielt den muslimischen Namen Abu Bakr Siraj ed-Din. Kurz zuvor war er bereits von Schuon in Basel als Schüler angenommen worden, er blieb es auf Lebenszeit.

Von 1938 bis 1948 lehrte er Englische Literatur an der Universität Kairo. In Kairo diente er auch als Sekretär Guénons und befaßte sich ausführlich mit dem Sufismus und der klassischen arabischen Sprache, in welcher er es zu einer in der arabischen Welt gerühmten Meisterschaft brachte.

Zurück in England, studierte er Arabistik in London und schloß 1955 mit einem Orientalistik-Diplom ab. Anschließend betreute er im Britischen Museum in London die Abteilung für orientalische Handschriften und wurde 1970 zu deren Direktor ernannt. Er verfaßte mehrere Bücher über Fragen der Kunst und des Islam, u.a. „Was ist Sufitum?“ und „Ein Sufi-Heiliger des Zwanzigsten Jahrhunderts“ und schrieb Artikel für die Encyclopædia Britannica.

Seine 1983 geschriebene Biographie des Propheten Mohammed gilt auch in der eigentlich islamischen Welt vielfach als die schönste. Geschrieben in einem gewaltigen Englisch, welches starke Erinnerungen an J.R.R. Tolkien weckt, muß das Buch nicht nur als akribische religionswissenschaftliche Arbeit, sondern viel mehr noch als literarisches Meisterwerk betrachtet werden.

Sein letztes Werk „A Return to the Spirit“ vollendete er nur wenige Stunden vor seinem Tod. Es enthält Grundzüge seiner Autobiographie mit dem Hauptaugenmerk auf seinem spirituellen Werdegang. Darüber hinaus beschäftigt es sich mit essentiellen Fragen wie den Jenseitsvorstellungen des Sufismus, der Bedeutung von Tränen und Lachen für das spirituelle Wachstum und der ihm persönlich besonders wichtigen Auflösung zum Teil nur scheinbarer Gegensätze zwischen Islam und Christentum, indem beispielsweise die verschiedene Interpretation der Kreuzigung Christi auf eine irrtümliche Lesart der betreffenden Koranverse zurückgeführt wird. Menschen, die ihn in seinen späteren Lebensjahren treffen durften, haben ihn vielfach als einen Mann von großer Würde, ja Heiligkeit beschrieben, auch wenn sie selbst nicht dem Islam angehörten.

Letzte Änderung am Montag, 11 Mai 2015 13:07
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Ruedi Strese

Mag. Ruedi Strese (Jahrgang 1980) machte 2001 sein Abitur und lebt in Berlin.

Nach seinem Studium der Germanistischen Linguistik und der Südostasienwissenschaften an der Humboldt-Universität und Abschluß mit dem Magistergrad im Jahr 2010 arbeitete Ruedi Strese als Lektor, Autor und Musiker.

Seit Dezember 2014 leitet er die Redaktion von COLPORTAGE.

Webseite: www.colportage.de

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