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Der Sohn des „Kokainbarons“ hat ein Buch geschrieben

„Pablo Escobar, mein Vater“

Donnerstag, 17 Dezember 2015 04:05 geschrieben von 
Sohn Juan Pablo, Tochter Manuela und Witwe María Victoria leben heute in Argentinien. 1993 versuchten sie, in Deutschland Asyl zu bekommen. Sohn Juan Pablo, Tochter Manuela und Witwe María Victoria leben heute in Argentinien. 1993 versuchten sie, in Deutschland Asyl zu bekommen. Quelle: xpatnation.co

Barcelona - Viel wurde über den weltbekannten Drogenboss Pablo Escobar (1949-1993) geschrieben, seit er vor 22 Jahren auf den Dächern von Medellín erschossen wurde.

In ganz Lateinamerika, doch besonders in seinem Heimatland Kolumbien, wird er geliebt oder gehasst, verehrt oder verabscheut, nur sehr wenige läßt er gleichgültig. Für einige ist dort der Chef des berühmt-berüchtigten Medellín-Kartells nichts anderes als ein Massenmörder und Terrorist, der schlimmste Verbrecher Kolumbiens im 20. Jahrhundert, der Hauptverantwortliche für eine sehr blutige Periode des Landes. Für andere wiederum ist er eine Art „Robin Hood“, ein Beschützer der vielen Armen und ein Wohltäter der Unterschicht gewesen. In Wirklichkeit war er weder ein Monster noch ein Held, man muss Escobar in seinem Kontext betrachten. Insbesondere müssen die Gegebenheiten, die seinen kometenhaften Aufstieg vom Kleinschmuggler zum „Boss der Bosse“ ermöglichten, berücksichtigt werden. 

Man kann tatsächlich behaupten, dass er sich an Stelle des Staates um die Armen in Kolumbien gekümmert hat. Kolumbien war ein sehr schwacher und korrupter Staat, eines der am stärksten von den USA abhängigen lateinamerikanischen Länder, wo die sozialen Unterschiede immer noch sehr deutlich sind. Pablo Escobar exportierte tonnenweise Kokain in die USA, um die „Gringos“ um ihre Dollars zu erleichtern. Mit dem Geld, Unmengen von Millionen, ließ er es sich gut gehen, aber er baute auch ganze Wohnblöcke und verschenkte sie dann an die Armen, auch Krankenhäuser, Fußballstadien und andere Einrichtungen ließ er errichten. Er bezeichnete sich als Gegner des US-Imperialismus, machte diesen für die Misere Lateinamerikas verantwortlich. Auch die kolumbianischen Regierungen kritisierte er scharf: „Die Politiker sind korrupter als wir Banditen“. Vielleicht sind die Banditen ja zumindest ehrlicher...

Seit 1993 sind viele Bücher über ihn erschienen, einige dieser Biographien stehen widersprechen einander allerdings stark. 2001 schrieb Alonso Salazar, der ehemalige Bürgermeister von Medellín, das sehr sachliche „La Parábola de Pablo“, welches später als Vorlage für das Drehbuch einer erfolgreichen TV-Serie über Escobar diente. Roberto Escobar verfasste über seinen Bruder ein Buch namens „Mi hermano Pablo“. Virginia Vallejo, einstiges Model und Journalistin, eine der Geliebten des Kokainbarons, veröffentlichte „Amando a Pablo, odiando a Escobar“ (etwa „Wie ich Pablo liebte und Escobar hasste“). Auch einer der wichtigsten „Mitarbeiter“ Escobars, der Meuchelmörder Popeye, schrieb während seiner Zeit im Gefängnis „El verdadero Pablo: sangre, traición y muerte“ („Der echte Pablo: Blut, Verrat und Tod“). 2014 kam Popeye, mit bürgerlichen Namen J. Jairo Velásquez, verantwortlich für Hunderte von Toten, vorzeitig wieder auf freien Fuß.

Nach zwei Jahrzehnten meldet sich jetzt auch der Sohn zu Wort. Juan Pablo Escobar Henao, Jahrgang 1977, war ein Teenager, als er seinen Vater verlor. Damals hatte er Rache geschworen, aber bald merkte er, dass die vom Drogengeschäft entfachte zerstörerische Gewaltspirale nichts als Nachteile für alle hat. Juan Pablo wollte dem Blutbad in Kolumbien endlich ein Ende setzen. Nun ist sein Buch „Pablo Escobar, mi padre“ rausgekommen, wo er auf fast 500 Seiten die eigene Kindheit und Jugend mit seinem Vater beschreibt und auch die Geschehnisse nach dessen Tod.

US-amerikanische Elitetruppen, CIA, DEA („Drug Enforcement Agency“, die US-Behörde zur Drogenbekämpfung) und die kolumbianische Armee und Polizei hatten sich damals mit dem Cali-Kartell und den Paramilitares verbündet, um Pablo Escobar zu jagen. Das Kokainkartell aus Cali war mit Escobar und seiner Organisation verfeindet. Einer der wichtigsten Militärtrainer und Waffenlieferer der Paramilitares war übrigens der israelische Oberst Yair Klein. Pablos Rivalen im Drogengeschäft, zu denen auch die sehr gewalttätigen Paramilitares gehörten, benutzen terroristische Methoden, um den Geflüchteten aus seinem Versteck rauszubekommen und verübten oft Attentate gegen seine Verwandten. Deswegen versuchte Escobar, seine Familie außerhalb Kolumbiens in Sicherheit zu bringen - unter anderem auch in Deutschland. Ehefrau María Victoria Henao und die beiden gemeinsamen Kinder Juan Pablo (damals 16) und Manuela (damals 9) flogen kurz vor Pablos Tod nach Deutschland, aber die Behörden verweigerten ihnen die Einreise, sie wurden sofort wieder nach Kolumbien zurückdeportiert. 

Schließlich fand Escobars Familie Asyl in Argentinien und tauchte dort unter. Die Konten der Escobars wurden eingefroren, und das Vermögen des Drogenbosses wurde von der kolumbianischen Regierung beschlagnahmt.

Erst vor wenigen Jahren begann Juan Pablo, der im Exil den Decknamen Sebastián Marroquín benutzte, sich wieder in der Öffentlichkeit zu zeigen und den Medien Interviews über seinen Vater zu gewähren. 

Juan Pablo, von Beruf Architekt, war inzwischen wieder in Kolumbien und traf sich dort mit den Söhnen des ehemaligen Justizministers Rodrigo Lara und des Präsidentschaftskandidaten von 1989, Luis Carlos Galán. Beide Politiker wurden im Auftrag Escobars ermordet (Lara 1984 und Galán 1989). Juan Pablo und die Söhne der politisch relevantesten Männer, die sein Vater umbringen ließ, sind in der bewegenden Dokumentation „Los Pecados de mi Padre“ („Die Sünde meines Vaters“) zusammen zu sehen.  Mit seinem Besuch der Söhne der Politiker 2009 hat Juan Pablo eine Geste für die Versöhnung setzen wollen, um die fast bürgerkriegsähnlichen Zustände in seinem Land endgültig zu überwinden.

In seinem Buch geht er noch einen Schritt weiter und versucht einiges aufzudecken. „Mein Vater ist zweifelsohne verantwortlich für die Verbrechen, die er begangen hat, aber das Drogengeschäft konnte nur aufgrund eines korrupten Systems funktionieren, das daran mehr profitierte als er selbst“, so Escobar Junior.

Und weiter: "Im Gegensatz zu den Autoren anderer Bücher, die über ihn geschrieben wurden, verfälsche ich nicht die Tatsachen, um diejenigen zu schützen, die meinem Vater ermöglichten, sein Drogengeschäft aufzubauen." Damit meint er offensichtlich einige kolumbianische und ausländische Politiker und Bankiers, sowie gewisse internationale Organismen, die Escobar zuerst benutzten und später, als er zu unabhängig wurde, fallen ließen. „Ohne die Korruption und die Beteiligung von verschiedenen Staaten hätte es mein Vater nie geschafft, jahrelang so viel Kokain zu exportieren“.

Escobar der Jüngere behauptet, dass die DEA in den achtziger Jahren „Steuern“ von seinem Vater kassierte, als das Kokain am Flughafen in Miami ankam. Diejenigen, die theoretisch das Drogengeschäft bekämpfen sollten, hätten sich in Wirklichkeit daran beteiligt.

Juan Pablo macht aber auch überraschende Enthüllungen: angeblich wurde sein Vater von seinem eigenen Bruder Roberto verraten, von Juan Pablos Onkel. Es wird vermutet, dass Roberto alias „Osito“ („Bärchen“) mit der DEA zusammengearbeitet hat. Nach Escobars Tod wollten DEA und CIA unbedingt einen Vorwand haben, um den japanischstämmigen Präsidenten von Peru, Alberto Fujimori, zu stürzen. Deswegen erfand man eine Geschäftspartnerschaft zwischen Escobar und Fujimoris Regierung, die im Buch seines Bruders Roberto ohne vertrauenswürdige Quellen beschrieben wird. Die DEA hatte bereits vor die Veröffentlichung dieses Buches Druck gemacht, damit Juan Pablo kundtut, dass er wichtige peruanische Politiker mit seinem Vater in Medellín zusammen gesehen hätte. Er weigerte sich, weil es nicht stimmte, und kurz darauf kam das Buch seines Onkels raus, wo die vermeintlichen Geschäfte zwischen Fujimori und Escobar erwähnt werden. „Meine Verwandten väterlicherseits durften unbehelligt in Kolumbien bleiben, während meine Mutter, meine Schwester und ich das Land verlassen mussten. Ich gehe davon aus, dass mein Onkel Roberto und andere in der Familie mit den Feinden meines Vaters paktiert haben“.

In der „Hacienda Nápoles“, dem riesigen Grundstück, wo Familie Escobar wohnte, fehlte es an nichts. Es gab sogar einen Privatzoo mit exotischen Tieren, sowie Luxusautos und Motorräder, und die Gegend war ständig von schwerbewaffneten Leibwächtern überwacht. „Das alles war für mich so normal wie das Wasser für die Fische“ sagt Juan Pablo. „Mein Vater zeigte mir aber auch die Elendsviertel der Stadt. Er füllte die Lücke des Staates; er tat das, was der Staat hätte tun sollen, um diesen Menschen zu helfen“.

Juan Pablo war immer ein Pazifist. Er liebte seinen Vater, aber er war strikt gegen die Gewalt, die seine Drogenkriege verursachten. Das war immer seine Einstellung, auch zu Pablo Escobars Lebzeiten. Heute versucht der Sohn, über die Fehler seines Vaters die Jugendlichen aufzuklären, die in ihm ein Idol sehen. Juan Pablo warnt vor dem Teufelskreis, in den man sehr schnell geraten kann. „Für die Jugendlichen, die wie mein Vater sein wollen, habe ich eine Botschaft: nur seine gute Seite sollt ihr nachahmen, seine Großzügigkeit und Wohltätigkeit. Gewalt und Rache führen immer zu noch mehr Blutvergießen“.

Pablo Escobar wurde im Dezember 1993 von den polizeilichen Kommandos geortet, als er sich gerade mit seinem Sohn am Telefon unterhielt. Er wollte sich wieder stellen, aber unter der Bedingung, dass man ihn nicht an die USA ausliefere. Verhandlungen dafür liefen bereits. Aber als die Spezialeinheiten der Polizei die Wohnung stürmten, wo er sich versteckte, beschloss er, über die Dächer zu flüchten, weil er keine Garantien hatte, dass man ihn in Kolumbien verurteilen würde. „Lieber ein Grab in Kolumbien als eine Zelle in den USA“ war sein Motto. So kam es auch.


Verweise:
http://xpatnation.co/a-look-at-pablo-escobars-family-21-years-after-his-death/#.t36D42b6I 
http://www.focus.de/kultur/leben/drogenkrieg-mein-vater-war-kein-heiliger_aid_144768.html 
http://f3magazine.unicri.it/?p=27 
http://www.clarin.com/mundo/Hijo-Juan-Pablo-Escobar-escribe-libro-verdadera_historia_0_1339666289.html 
http://cultura.elpais.com/cultura/2015/04/16/actualidad/1429198351_795140.html 
http://elcomercio.pe/mundo/actualidad/hijo-pablo-escobar-dea-nos-chantajeo-fujimori-noticia-1769964 
https://actualidad.rt.com/actualidad/190787-hijo-pablo-escobar-frank-sinatra-drogas-miami 
https://en.wikipedia.org/wiki/Sins_of_My_Father_%28film%29 

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Felix Alemán

Felix Alemán (Jahrgang 1985), Deutsch-Spanier, wurde in Berlin geboren und wuchs in Spanien auf.

Nach dem Abitur schloß er eine kaufmännische Ausbildung in der Fachrichtung Fremdsprachen ab. Seit 2005 wohnt er wieder in Berlin. Seine Interessengebiete beinhalten Sprachen, Filme und Politik. Er schreibt Filmkritiken für einen spanischen Blog.

Für COLPORTAGE befaßt er sich u.a. mit geopolitischen Themen mit dem Schwerpunkt Spanien und Lateinamerika.

Webseite: www.colportage.de

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