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Lemminge unter dem Regenbogen

Facebook zelebriert Stolz auf eigene Weise

Samstag, 04 Juli 2015 16:38 geschrieben von 
Logo von Facebook Logo von Facebook Quelle: © facebook

Berlin - Ich erinnere mich, von Gutmenschen mehrfach Weisheiten über Nationalstolz und Stolz im allgemeinen vernommen zu haben. Einer der Kerngedanken war, daß, abgesehen vom grundsätzlich verwerflichen Charakter jeglicher nationaler Regungen (was an dieser Stelle nicht weiter diskutiert werden soll) man lediglich auf Dinge stolz sein könne, die man selbst geleistet habe. Also vor allem nicht auf seine Nation, des weiteren aber auch nicht auf seine Eltern oder Großeltern.

Nun wurde aber vor einigen Tagen weltweit eine ganze Menge an Stolz zelebriert, und zwar zum Christopher Street Day. Allerorten fanden sich die schwulesbischen Heerscharen und deren Sympathisanten und bekannten sich stolz zum Dienst unter der Fahne des Regenbogens, oder auch einfach zu einem Stolz, schwul oder dergleichen zu sein. Da man nur auf etwas stolz sein kann, was man selbst geleistet hat, steht fest: Homosexualität ist eine Leistung. Wer sich zum eigenen Geschlecht hingezogen fühlt, kann sich in der Rangordnung der kulturellen Leistungsträger ungefähr mit dem Erfinder des Buchdrucks oder dem Verfasser der Werke Goethes (er hieß Goethe) auf einer Stufe wissen. Hut ab, möchte man euphorisch all den stolzen Genies zurufen.

Auch Mark Zuckerberg, der possierliche Facebook-Hohepriester, fand einen Grund zum Feiern. Anläßlich der Zulassung der „Homo-Ehe“ durch den Obersten Gerichtshof der USA startete sein soziales Netzwerk eine eigene „Celebrate Pride“-Kampagne. Die wackeren Streiter für die Anerkennung des gleichgeschlechtlichen Koitus als Kulturleistung waren aufgefordert, ihr Profilbild in den Farben des Regenbogens leuchten zu lassen, um sich zu ihrer fortschrittliche Gesinnung zu bekennen und reaktionären Menschheitsfeinden den Stinkefinger zu zeigen.

Wanderer durch die endlosen Weiten von Facebook konnten dann auch einen großen Erfolg dieser Kampagne feststellen. „Wegen meines harmlosen Regenbogenbildes haben sich einige von euch aufgeregt. Danke, daß ihr euch so selbst als homophobe Arschlöcher enttarnt habt, das hilft mir beim Reinigen meiner Freundesliste“ war zum Beispiel auf einem regenbogenstolz gefärbten Profil zu lesen.

Nun gab es jedoch eine Meldung, die bei manchem Nutzer der zuckerbergschen Bildverbuntung Katerstimmung, bei weniger homobegeisterten Schurken hingegen ein melancholisches Schmunzeln hervorrufen könnte.

Die Regenbogenprofilierten könnten nämlich Probanden eines riesigen psychologischen Experiments geworden sein, wie die Daily Mail berichtete. Über 26 Millionen Nutzer sollen den Filter genutzt haben, um ihren zärtlichen Gefühlen für die bunte Welt der Umschnalldildos und der analen Penetration Ausdruck zu verleihen. Cesar Hidalgo vom MIT (Massachusetts Institute of Technology) scherzte, dies sei nur ein Facebook-Experiment, und die Frage sei, wie lange es dauern würde, bis die Menschen ihre Profilbilder wieder zurückändern würden.

Facebook wies derartige Theorien sogleich zurück, es sei nicht Sinn des Filters, Informationen über Menschen zu gewinnen. Allerdings ist mit der Seite The Atlantic darauf hinzuweisen, daß solche Experimente in der Vergangenheit durchaus stattgefunden haben. Im März 2013 waren Facebook-Nutzer aufgefordert, das rote Gleichheitszeichen als Profilbild zu nutzen, um ihre Unterstützung für die „Homo-Ehe“ zu bekunden. Drei Millionen folgten dem, und Facebook-Analysten werteten die Daten aus. Unter anderem fanden sie heraus, daß Menschen mit mehr Kontakten mit höherer Wahrscheinlichkeit an derartigen Kampagnen teilnähmen. Auch ging es bei einer absichtlichen Änderung der Nachrichtenauswahl von 700.000 Nutzern im Jahr 2012 um das Sammeln von Beweisen, inwieweit sich die Stimmung von Personen durch die gelesenen Texte beeinflussen ließe.

Aber: um es kurz zu fassen... huhu... Facebook sagt ja, daß solche Absichten bei der Regenbogenfahne nicht vorlägen. Na, so ein Glück. Niemand wird manipuliert, es gibt keine Massensuggestion bei Facebook, Zuckerberg und seine Freunde haben keine Ziele oder wenn doch, dann versuchen sie, diese nur auf transparentestem Weg zu erreichen. 2015 hat mit 1984 nichts zu tun, und all die Nutzer dieses Tools können sich für ihre supertolle Individualität und „Homophilie“, die nichts mit etwaiger ideologischer Programmierung durch interessierte Kreise zu tun hat, auf die Schulter klopfen.

Ach ja... und natürlich stolz sein...

 

Verweise:

http://www.theatlantic.com/technology/archive/2015/06/were-all-those-rainbow-profile-photos-another-facebook-experiment/397088
http://www.dailymail.co.uk/sciencetech/article-3143586/Did-change-Facebook-picture-rainbow-flag-Critics-warn-Celebrate-Pride-tool-psychological-test.html
http://conservativepost.com/everyone-who-changed-their-facebook-photos-to-rainbow-just-got-duped

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Ruedi Strese

Mag. Ruedi Strese (Jahrgang 1980) machte 2001 sein Abitur und lebt in Berlin.

Nach seinem Studium der Germanistischen Linguistik und der Südostasienwissenschaften an der Humboldt-Universität und Abschluß mit dem Magistergrad im Jahr 2010 arbeitete Ruedi Strese als Lektor, Autor und Musiker.

Seit Dezember 2014 leitet er die Redaktion von COLPORTAGE.

Webseite: www.colportage.de

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