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Aus gegebenem Anlaß

Gedanken zu Verschwörungen und Theorien

Freitag, 27 März 2015 07:22 geschrieben von 
Flugzeug der Germanwings Flugzeug der Germanwings Quelle: HESSEN DEPESCHE

Berlin - Mit den Verschwörungen ist das so eine Sache. Es gibt sie, und sie sind ein gar nicht unübliches Mittel im täglichen Leben wie in der Politik. Immer, wenn mindestens zwei Personen etwas tun wollen, ohne daß bestimmte andere Personen, die dies auch etwas angeht, dies erfahren, liegt im Grunde eine Verschwörung vor. Die Eltern verschwören sich mit dem großen Bruder, damit die kleine Schwester nicht erfährt, daß nicht der Osterhase, sondern Onkel Ronny die Eier im Garten versteckt hat. Die Angestellten verschwören sich mit dem Hausmeister, damit die Chefin nicht erfährt, daß regelmäßig außerhalb der Pause geraucht wird. Politiker verschwören sich mit Lobbyisten, um zu verhindern, daß das Wahlvolk von möglicherweise gegen seine Interessen gerichteten Maßnahmen erfährt.

Es gibt also überall Verschwörungen, und Menschen, die solche hier und da vermuten, in disqualifizierender Absicht als „Verschwörungstheoretiker“ zu bezeichnen, ist seltsam. Man könnte mit nahezu gleicher Berechtigung das Wort „Interessentheoretiker“ als Schimpfwort für Personen einführen, die behaupten, es gebe so etwas wie Interessen verschiedener Gruppen.

Da Verschwörungen gang und gäbe sind, ist die Frage weniger, ob es sie gibt, sondern, ob oder wie wahrscheinlich sie in bestimmten Fällen sind. Und da stellt sich berechtigterweise immer die Frage nach den Interesselagen, das berühmte „Cui bono?“ - wer könnte und warum ein Interesse an einer bestimmten Sache haben. Die Beantwortung dieser Frage kann aber auf keinen Fall mit einem Beweis gleichgesetzt werden. Nicht jeder, der ein Motiv gehabt hätte, etwas zu tun, muß es auch getan haben. Aus dem möglichen Motiv allein ergibt sich keineswegs der Schuldige. Hier liegt aber ein wesentliches Problem vieler „Verschwörungstheoretiker“, denn diese Binsenweisheit wird oft außer Acht gelassen.

Der Mörder mag oft der Gärtner sein, dennoch muß die Beweislage vor dem Urteil überprüft werden. Und da wird leider oft sehr flüchtig vorgegangen. Simple Screenshots, die sich leicht fälschen lassen, beweisen eben gar nichts. Und „Verschwörungstheoretiker“, die auf sachliche Hinweise auf ihre dünne Argumentation beleidigt reagieren, sind genauso realitätsfern wie jene, die jeglicher offiziellen Verlautbarung Glauben schenken. Eher fällt mir da Nietzsche ein, der sinngemäß schrieb, die perfideste Art, einer Sache zu schaden, sei, sie mit offensichtlich falschen Argumenten zu verteidigen. Vielleicht war der Mörder doch der Butler, oder es war wirklich ein Unfall - also menschliches oder technisches Versagen. Auch dies soll es geben.

Ein Journalist Wolfgang Eggert hat sich sehr akribisch mit den Abstürzen zweier malayischer Flugzeuge auseinandergesetzt. Jedem ist ein eigenes Buch gewidmet, und tatsächlich wirkt die Argumentation schlüssig. Gilt das auch für den aktuellen Fall der verunglückten 24jährigen Germanwings-Maschine? Ganz bewußt will ich hier nicht auf das Für und Wider der Annahme eines politischen Hintergrunds eingehen, sondern das Augenmerk auf die Genauigkeit der Argumentation lenken. Ungereimtheiten können aus ungenauen Berichten kommen, Unfall und Verschwörung müssen kein Widerspruch sein: wenn eine Seite, etwa aus imagemäßigen und/oder versicherungstechnischen Gründen von ihrer direkten oder indirekten Mitverantwortung ablenken will. Warten wir ab. Es könnte dies oder jenes gewesen sein. Der Weg zu einem Urteil muß jedoch eine schlüssige Beweisführung sein, und nicht ein Glaube, was es gewesen sein muß oder nicht gewesen sein darf.

 

Quelle:

http://theconversation.com/a-crash-with-no-obvious-cause-we-must-wait-for-answers-from-germanwings-black-box-39278

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Ruedi Strese

Mag. Ruedi Strese (Jahrgang 1980) machte 2001 sein Abitur und lebt in Berlin.

Nach seinem Studium der Germanistischen Linguistik und der Südostasienwissenschaften an der Humboldt-Universität und Abschluß mit dem Magistergrad im Jahr 2010 arbeitete Ruedi Strese als Lektor, Autor und Musiker.

Seit Dezember 2014 leitet er die Redaktion von COLPORTAGE.

Webseite: www.colportage.de

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