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Zum „Unwort des Jahres 2015“

Linguistik auf dem Zeitgeist-Strich

Dienstag, 12 Januar 2016 23:37 geschrieben von 
Semiotic triangle Semiotic triangle Quelle: de.wikipedia.org | Braungucke | CC BY-SA 3.0

Berlin - Bereits vor einem Jahr hatte COLPORTAGE sich zur Wahl des „Unwortes des Jahres“ geäußert, und im Grunde könnten wir den damaligen Artikel fast eins-zu-eins übernehmen. Was wir aber einfach nicht tun. Dieses „Unwort“ wird alljährlich von einer bis 1994 zur „Gesellschaft für deutsche Sprache“ gehörenden, seither als „Sprachkritische Aktion Unwort des Jahres“ selbständigen Jury gekürt; Kandidaten sind „[…] Wörter und Formulierungen aus der öffentlichen Sprache, die sachlich grob unangemessen sind und möglicherweise sogar die Menschenwürde verletzen.“

Letztes Jahr war das Wort „Lügenpresse“ Stein des Anstoßes, eine etwas ältere, aber im Zusammenhang mit der Berichterstattung über PEGIDA fleißig verbreitete Wortbildung, welche freilich inhaltlich jeder Berechtigung entbehrt, allein die überaus wahrheitsgemäße Berichterstattung über das kriegslüsterne Rußland, über die kulturelle Bereicherung durch dringend benötigte Fachkräfte oder die Grausamkeiten des Diktators Assad, gegen den wir uns mit den lieben Saudis verbünden müssen, führen ihn ad absurdum.
Für 2015 wurde ein Klassiker, der seit vielen Jahren abwertend genutzt wird, ausgegraben: der „Gutmensch“. Was ist ein „Gutmensch“? Verschiedene lästerliche Annäherungsmöglichkeiten ließen sich finden, etwa „jemand, der sich selbst für gut hält und anderen vom hohen Roß herab predigt“, oder „jemand, der  besonders auf die Wahrung der Vorschriften der politischen Korrektheit bedacht ist und sich vorzugsweise über andere, die da nicht ganz folgen können, entrüstet“. Man könnte natürlich auch sagen: „jemand, der das Geld anderer Menschen verschenkt, um sich diesen auf deren Kosten moralisch überlegen zu fühlen“.
Ebenfalls der Kritik durch die Zeitgeist-Linguisten ausgesetzt waren die Wörter „Hausaufgaben“ im Zusammenhang mit der Politik von und gegenüber Griechenland und... Verschwulung. Haben sich da die SprachwissenschaftlerInnenEr möglicherweise auf den Schlips getreten gefühlt? Das Wort ist vor allem durch einen Buchtitel des Schriftstellers Akif Pirinci bekannt geworden, der sich durch mehrfachen Landfriedensbruch im politisch korrekten Wolkenkuckucksheim hervorgetan hat. Der zunehmende Einfluß der homosexuellen Lobby in Medien, Bildungswesen und Politik ist allerdings eine Tatsache. Darf man diese benennen? Wenn ja, muß man das gut finden? Darf es einem auch egal sein, oder darf man es vielleicht sogar kritisch betrachten? Wenn man das darf, ist „Verschwulung“ ein passender Begriff. Wenn nicht, kann man den Sprach-Blockwarten der „Sprachkritischen Aktion“ immerhin für diese Hilfestellung danken, daß sie uns die ethisch gebotenen Grenzen der Meinungsfreiheit aufgezeigt haben, die wir sonst, aufgrund unserer eigenen moralischen Defizite, nicht klar genug erkennen konnten.

Letztlich ist mit dieser Wahl jedenfalls wieder recht wenig über die Sprache, eine ganze Menge hingegen über die gegenwärtige Sprachwissenschaft gesagt, die, diesen Eindruck gewinnt der skeptische Laie im Publikum, immer weniger durch wissenschaftliche Erkenntnisse und dafür umso mehr durch von Tugendwächtern im Linguistenkostüm festgelegte Denkverordnungen bestimmt wird.
In gewisser Weise hat die Jury hinsichtlich des Aspekts „sachlich grob unangemessen“ im Falle des „Gutmenschen“ wohl Recht. Gutmenschen sind alles andere als gut. Man muß also auch als Sprachwissenschaftler erst einmal das rhetorische Mittel der Ironie verstehen, um den Begriff angemessen verwenden zu können. Ein mir bekannter Linguist äußerte sich naserümpfend: „Mit dieser Wahl ist eine neue Dimension der Verschwulung der Sprachwissenschaft durch Gutmenschen erreicht.“ Etwas derb, aber doch... vielleicht... in einem anderen Land... zu einer anderen Zeit... eine mögliche Sichtweise.

Verweise:

http://www.colportage.de/kunst/das-unwort-des-jahres-2014-ist-doch-ein-wort.html
http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/gutmensch-ist-unwort-des-jahres-2015-a-1071545.html
https://de.wikipedia.org/wiki/Unwort_des_Jahres_%28Deutschland%29

Letzte Änderung am Dienstag, 12 Januar 2016 23:44
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Ruedi Strese

Mag. Ruedi Strese (Jahrgang 1980) machte 2001 sein Abitur und lebt in Berlin.

Nach seinem Studium der Germanistischen Linguistik und der Südostasienwissenschaften an der Humboldt-Universität und Abschluß mit dem Magistergrad im Jahr 2010 arbeitete Ruedi Strese als Lektor, Autor und Musiker.

Seit Dezember 2014 leitet er die Redaktion von COLPORTAGE.

Webseite: www.colportage.de

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