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„Arabisches Jugoslawien“

Ägypten erneuert seine blockfreie Außenpolitik

Dienstag, 17 Februar 2015 04:07 geschrieben von 
Flagge Ägyptens Flagge Ägyptens

Kairo - Wladimir Putins Staatsbesuch in Ägypten am 9. und 10. Februar war von außergewöhnlicher Tragweite gewesen. Beschlossen wurde eine umfangreiche Zusammenarbeit in den Bereichen Wirtschaft, Energiepolitik, Sicherheit und Tourismus. In der Nähe des Suez-Kanals soll eine russische Industriezone errichtet werden, Rußland wird Ägypten beim Bau von Atomkraftwerken sowie einer eigenen Nuklearindustrie unterstützen. Das wirtschaftlich bedeutendste Ergebnis dürfte allerdings der vereinbarte Beitritt Ägyptens zu einer Freihandelszone mit der russisch geleiteten Eurasischen Wirtschaftsunion sein, welcher neben Rußland noch Weißrußland, Armenien und Kasachstan angehören.

Bereits im Februar 2014 hatte Abd al-Fattah as-Sisi, damals noch in seiner Funktion als Verteidigungsminister der Übergangsregierung nach dem Sturz des Muslimbruders Mohammed Mursi Moskau seinen ersten Besuch abgestattet und sich dort mit seinem russischen Gegenstück sowie Präsident Putin über die Zusammenarbeit in den Bereichen regionale Sicherheit und Terrorismusbekämpfung sowie die Möglichkeit des Erstehens russischer Waffensysteme unterhalten, einen zweiten Rußland-Besuch Sisis gab es kurz nach dessen Amtseinführung als Präsident Ägyptens im August. Im Dezember erklärte das ägyptische Außenministerium schließlich, die ägyptische Außenpolitik diene einer multipolaren Welt. So gibt es eine enge Zusammenarbeit zwischen Rußland und Ägypten beim Versuch einer diplomatischen Lösung der Syrienkrise, bei welcher die Regierung Assads wie auch die im Ausland ansässige Opposition am Verhandlungstisch sitzen sollen. Im Januar dieses Jahres bereits hatten Rußland und Ägypten zudem die Arbeit an den letzten Einzelheiten eines Abkommen zwischen Ägypten und dem russischen Energieriesen Gasprom begonnen. 


Von nicht nur symbolischer Bedeutung dürfte ein Gastgeschenk gewesen sein, welches Putin Sisi bei seinem Besuch in Kairo medienwirksam überreichte: eine Kalaschnikow - auch bei der Entwicklung von Waffensystemen hat Rußland Ägypten Hilfe zugesagt. 
Die Daily News Egypt, nach Eigendarstellung „Ägyptens einzige unabhängige englischsprachige Zeitung“, schreibt nun, nach den zunehmend angespannten Beziehungen zu den USA, versuche Ägypten, seine Bezugsquellen für Waffen zu diversifizieren. Dies hätten ägyptische Militärexperten der Zeitung am Sonntag gesagt. Der Partner beim jüngst abgeschlossenen Deal über 24 Kampfflugzeuge, eine Marinefregatte und weitere militärische Ausrüstung ist allerdings nicht Rußland - sondern Frankreich. Frankreichs Präsident Hollande hatte am Donnerstag erklärt, Ägypten kaufe die Flugzeuge „aufgrund der Bedrohungen, denen es gegenübersteht“. Diese Bedrohung ist, dem ehemaligen General Yehya Sanjak zufolge, ein „Gürtel aus dem Osten“, „von Afghanistan, Pakistan, Irak, Libyen und Gaza, unter anderen“. Dafür benötige es, Sanjak zufolge, die Rafale Kampfflugzeuge, welche zu den „stärksten militärischen Waffen der Welt“ gehörten. Hussam Sweillam, einem anderen zitierten Militärexperten zufolge, seien die Golfstaaten, vorrangig Saudi-Arabien, bei der Finanzierung behilflich. Lange hatten die USA ein Monopol bei der militärischen Hilfe für Ägypten, dies habe sich, laut Daily News Egypt, bei 1,3 Milliarden Dollar jährlich bewegt. Den Druck, welchen die USA mit dieser Monopolstellung auf Ägypten ausübten, will das Land nun durch Verbreiterung seiner Bezugsquellen reduzieren.


Die differenzierte Außenpolitik Ägyptens auch hinsichtlich des Kaufs seiner Waffen zeigt, daß das Land am Nil unter Sisi keineswegs eine einseitige von Rußland oder den USA abhängige Rolle zu spielen gedenkt, sondern auf Wahrung seiner eigenen Interessen bedacht ist, wofür ihm der amerikanische geopolitische Analyst und Korrespondent von „Voice of Russia“ Andrew Korybko nicht ganz unzutreffend die Bezeichnung „arabisches Jugoslawien“ verlieh, gemünzt auf die demonstrative Blockfreiheit des damaligen südosteuropäischen Sonder-Staates, welcher sich auch Ägypten unter Gamal Abdel Nasser seinerzeit verschrieben hatte.

 

Quelle: 
http://www.dailynewsegypt.com/2015/02/15/egypt-seeks-diversify-weapons-providers-experts
http://nsnbc.me/2015/02/10/putin-al-sisi-reshape-history-egyptian-russian-relations
http://orientalreview.org/2014/08/14/russia-and-the-multipolar-tug-of-war-over-the-arab-yugoslavia
http://rt.com/business/230987-egypt-russia-free-trade

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Ruedi Strese

Mag. Ruedi Strese (Jahrgang 1980) machte 2001 sein Abitur und lebt in Berlin.

Nach seinem Studium der Germanistischen Linguistik und der Südostasienwissenschaften an der Humboldt-Universität und Abschluß mit dem Magistergrad im Jahr 2010 arbeitete Ruedi Strese als Lektor, Autor und Musiker.

Seit Dezember 2014 leitet er die Redaktion von COLPORTAGE.

Webseite: www.colportage.de

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