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Waterloo 2015

200 Jahre bunte Uniformen, Kanonendonner und Europäische Union

Mittwoch, 24 Juni 2015 20:39 geschrieben von 
„Schlacht von Waterloo“Gemälde von William Sadler (1782–1839) „Schlacht von Waterloo“Gemälde von William Sadler (1782–1839) Quelle: de.wikipedia.org | William Sadler II - Napoleon.org.pl

Brüssel - In den Tagen zwischen dem 18. und dem 21. Juni 2015 gedachte die Region um das Dorf Waterloo, ca. 15 km südlich der belgischen Hauptstadt Brüssel gelegen, der Entscheidungsschlacht gegen den französischen Kaiser Napoleon Bonaparte vor 200 Jahren. Die Veranstalter versprachen eine spektakuläre Gedenkfeier: gesellig, laut, episch und farbenfroh. 5000 Laiendarsteller, 300 Pferde und 100 Geschütze stellten verschiedene Phasen der Schlacht dar und präsentierten dem anwesenden Publikum und den Zuschauern am Livestream ihre liebevoll und möglichst originalgetreu gestalteten Nachbildungen von Uniformen, Waffen und Ausrüstungsgegenständen. Das klingt nach Familienspaß und guter Unterhaltung, einem Spektakel á la Disneyland. Davon profitieren die Region, Reenactment-Enthusiasten aus aller Welt und nicht zuletzt die Besucher.

Unglücklicherweise sollte die 200-Jahrfeier der Schlacht von Waterloo nicht nur unterhalten, sondern auch dem Gedenken dienen. Im Klartext heißt das, daß Repräsentanten der politischen Kaste sich dazu versteigen, zu historischen Ereignissen moralisch Position zu beziehen und die vermeintlichen Lehren daraus zur Grundlage des eigenen staatsmännischen Handelns zu erklären. So sandten die Nachfolgestaaten der sich vor 200 Jahren bei Waterloo gegenüberstehenden Nationen die dritte Garnitur ihrer Politprominenz in die belgische Provinz, um der Veranstaltungen einen politischen Anstrich zu verleihen. Es fanden sich, neben dem belgischen Premierminister Charles Michel, auch der erste Vizepräsident der Europäischen Kommission, Frans Timmermans, das belgische und das niederländische Königspaar, sowie der Großherzog von Luxemburg unterhalb des Löwenhügels ein, um sich gegenseitig über die europäische Dimension der Schlacht von Waterloo zu belehren. Frankreich und die Bundesrepublik Deutschland begnügten sich damit, ihre jeweiligen Botschafter zu entsenden.

Das Herzstück des politischen Festaktes bildete eine Geste, die der belgische Premier ein „unschätzbares Zeichen der Hoffnung“ nannte. Die Nachfahren der drei Schlüsselfiguren von Waterloo, Wellington, Blücher und Napoleon, reichten sich im Gutshof Hougoumont die Hand zur Versöhnung. Haben die Völker Europas nicht auf diese längst überfällige Geste des gegenseitigen Verzeihens gewartet? Mag man den Ausführungen Charles Michels folgen, so berührte in den letzten 200 Jahren kaum ein anderes Ereignis die Herzen der Europäer mehr, als der Handschlag dreier Männer, die zufällig die Namen großer Vorfahren tragen. Immerhin, so Belgiens Regierungschef, seien die Auseinandersetzungen der napoleonischen Ära „vor allem ein erster Entwurf der europäischen Idee“ und er fährt fort: „Eigentlich ist es der imperialistische Traum von Napoleon, aber…ist dieser nicht bereits eine Form des Europäischen Traums?“

Konnte der Zuhörer über eigenartige Formulierungen des belgischen Premiers schmunzelnd hinwegsehen, die wohl der political correctness des westlichen Kulturraums geschuldet sind („Wir gedenken zunächst den Frauen (sic!) und Männern, die mutig auf dem Schlachtfeld gestorben sind“), so ist man bei der Formulierung eines Europäischen Traums, der im Imperialismus Napoleons seinen Ausgang nahm, um in der Europäischen Union zu münden, sprachlos. Ja welchen Traum träumt Herr Michel denn da, wenige Kilometer vom Hauptsitz der Europäischen Union entfernt? Es ist der Traum vom gewaltsamen Überwinden gewachsener Strukturen und vom Beseitigen der Vielfalt unterschiedlichster Gesellschaftsentwürfe zugunsten einer Rationalität, die die Natur menschlicher Gemeinschaften mißachtet. Napoleon kam nicht als Befreier. Als Eroberer zerstörte er, was in sich schon morsch war und konnte sich dabei der Zustimmung und der Bewunderung des progressiven Bürgertums in weiten Teilen Europas sicher sein. Anschließend blieb er aber als Besatzer und wurde Unterdrücker, der Fortschritt mit dem Selbstbestimmungsrecht der Völker erkaufte. In dieser Tradition sieht der Premierminister Belgiens also die Europäische Union, und man muß gestehen, daß der Gedanke nicht allzu abwegig erscheint. Es ist nur verstörend, weil er nicht als Kritik geäußert wird.

Bei allem Lob für Napoleon, dem „ewigen Symbol[…] der Französischen Größe“, findet Charles Michel dann doch noch ein Haar in der Suppe bezüglich der europäischen Sendung des Korsen. Die Sicherheit habe der Franzosenkaiser dem Kontinent gebracht, nicht aber den Frieden. Aus den Gräueln auf dem Schlachtfeld von Waterloo erwachse die Verpflichtung zu dauerhaftem Frieden, der an das gemeinsame Schicksal der europäischen Völker geknüpft sei. Wie dieser Frieden durchgesetzt werden soll, dazu äußerte sich dann Frans Timmermans, der im Namen der Europäischen Union das Wort ergriff. Victor Hugos „Die Elenden“ zitierend, offenbart er seine Vision von einer Zukunft, „wo es keine anderen Schlachtfelder mehr geben wird als die Märkte, die sich dem Handel öffnen, und der Geist, der sich den Ideen öffnet.“

Bei aller Liebe zum Frieden, muß ich gestehen, daß es mich bei dieser Dystopie schaudert. Krieg zu führen und Frieden zu schließen, ist das Privileg freier Völker. Ihr Recht ist es, sich gegen Tyrannei, Unterdrückung oder Feindseligkeiten von außen, notfalls auch mit Waffengewalt und organisiert, zu wehren. Wenn Belgiens Premierminister in seiner Rede triumphierend verkündet, daß in Waterloo „zum ersten Mal der Kampfgeist der Menschen zum Stillstand“ kam, dann nimmt er die Perspektive jener ein, denen gebrochene, wehrlose und ängstliche Massen nützlicher sind, als Menschen, die ihre gottgegebenen Rechte verteidigen. Wohl ist es richtig, daß der Krieg in seiner modernen Form zur barbarischen Schlachterei und zum Verbrechen entartet. Dann nämlich, wenn es darum geht, Märkte zu öffnen oder Rohstoffe zu sichern, um eine immer größere Kriegsmaschinerie zu schmieren. Neben diesen Raubkriegen kennt die Moderne Vernichtungskriege. Weil der Geist sich Ideen öffnet, die radikalste Umwälzungen zum Wohle der menschlichen Spezies fordern und jeden Zweifler zum Todfeind dieser Weltrevolution erklären. Nein, freie Märkte und globale Gesellschaftsexperimente sind nicht die Lösung des Problems kriegerischer Gewalt, sondern nur allzu oft deren Ursache. Doch nur ein Feind freier Völker kann hieraus die Schlußfolgerung ziehen: „Nie wieder Krieg!“; dies hieße auch: Nie wieder Freiheitskampf!

Die europabegeisterten Redner am Löwenhügel ziehen seltsame Lehren aus der Schlacht bei Waterloo, die zeigen, wohin die Reise mit der Europäischen Union gehen wird. Aber was könnten die Würdenträger und Funktionäre des EU-Apparates denn vom Untergang Napoleons sonst lernen können? Vielleicht Folgendes:

  1. Es rächt sich fürchterlich, wenn man den großen Staatsführer eines wichtigen europäischen Staates, der von seinem Volk weithin verehrt wird, politisch ignoriert. Sei es auf dem Wiener Kongreß oder auf G7 Gipfeln.
  2. Auch der übermächtigste Eroberer erlebt irgendwann sein Waterloo, wenn in seinen Satellitenstaaten ehrliche Patrioten zum Wohle der eigenen Nation gegen ihre charakterlose Führung rebellieren, wie beim Waffenstillstand von Tauroggen.
  3. Von außen erzwungene zivilisatorische Fortschritte lösen nationale Reflexe bei den Völkern aus, und am Ende finden sich die Propheten einer neuen Weltordnung auf den Bahamas, im Tessin oder eben auf St. Helena wieder.

 

Quellen:

http://www.premier.be/de/rede-anl%C3%A4sslich-der-offiziellen-gedenkzeremonie-zum-zweihundertsten-jahrestag-der-schlacht-von
http://brf.be/national/900141
http://brf.be/national/902347
http://europa.eu/rapid/press-release_SPEECH-15-5223_de.htm
https://www.waterloo2015.org/de
http://deredactie.be/cm/vrtnieuws.deutsch/nachrichten/1.2370521
http://www.tagesschau.de/ausland/waterloo-105.html

Letzte Änderung am Donnerstag, 16 Juli 2015 16:05
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Michel Hanke

M.A. Michel Hanke (Jahrgang 1978) legte 1999 das Abitur ab.

Im Anschluss an den Wehrdienst, nahm er das Studium der Geschichte und der deutschen Literatur und Sprache an der Humboldt-Universität seiner Heimatstadt Berlin auf, das er 2013 mit der Erlangung des Magistergrades abschloss. Für COLPORTAGE befaßt er sich insbesondere mit historischen und kulturellen Themen.

Webseite: www.colportage.de

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