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Demographie und Religion in Russland

Abkehr von der Abtreibung

Montag, 06 Juli 2015 14:57 geschrieben von 
Religion Religion Quelle: PIXABAY.COM

Moskau - Während in Deutschland jedes Jahre 100.000 Abtreibungen stattfinden und dies weitestgehend als selbstverständliches Recht angesehen wird, Abtreibungsgegner hingegen pauschal an den Pranger gestellt werden dürfen, wie jüngst durch Jutta Ditfurth, die vor einem wachsenden Einfluß der „rechtspopulistischen“ Abtreibungsgegner warnte, die Lobbyisten von Frühsexualisierung, Abtreibung und Ethnozid von einem Verein wie ProFamilia durch Steuergelder finanziert werden, geht Russland mittlerweile einen anderen Weg.

Nach einem Bericht der abtreibungskritischen Seite „National Right to Life News Today", welcher sich wiederum auf eine Seite des Wohlfahrts- und Sozialen Dienstes der Russisch-Orthodoxen Kirche beruft, haben das Russische Gesundheitsministerium und die Kirche ein Abkommen unterzeichnet, welches die Verhinderung von Abtreibung und die Bereitstellung von Hilfe für werdende Mütter beinhaltet. Ein Artikel des Abkommens sieht Zusammenarbeit „zum Schutz der Gesundheit von Mutter und Kind“ vor, „einschließlich Gesundheit der Fortpflanzung, Förderung von Familienwerten und Verhinderung von Abtreibungen“.

Medizinische Einrichtungen sollen mit Psychologen und Vertretern der Orthodoxie zusammenarbeiten, welche Frauen mit Abtreibungsabsichten beraten sollen. Allgemein ist den religiösen Organisationen der Orthodoxen Kirche in medizinischen Einrichtungen Raum zu geben. Die Staatsduma soll laut „National Right to Life News Today“ derzeit an einer neuen Abtreibungsgesetzgebung arbeiten, welche u.a. eine Beschränkung finanzieller Unterstützung für Abtreibungen auf medizinisch notwendige Fälle sowie ein Verbot privater Abtreibungskliniken vorsieht. Frauen, welche Abtreibungen planten, würden Ultraschallbilder ihrer Föten erhalten, was in den meisten Fällen bereits ein Abrücken vom Abtreibungsvorhaben zur Folge hätte.

Dazu muß jedoch erwähnt werden, daß die Abtreibungsrate in Russland bislang dramatisch hoch ist und eine ernste Bedrohung für die demographische Entwicklung darstellt. Hintergrund neben der verbreiteten Armut in Russland (auch wenn sich dies unter Putin im Vergleich zur Ära Jelzin deutlich verbessert hat) ist die materialistische Haltung in der Sowjetunion, wo Abtreibung als Verhütungsmittel gang und gäbe war. Auch in der postsowjetischen Äre hatte Russland lange die höchste Abtreibungsrate weltweit.

Immerhin ist ein deutlicher Rückgang der Abtreibungen in den letzten Jahren festzustellen. Das liegt zum Teil daran, daß empfängnisverhütende Mittel stärkere Verbreitung gefunden haben, zum Teil an der erstarkenden Position der Orthodoxen Kirche und zum Teil an geänderten staatlichen Vorgaben (welche wiederum wesentlich mit dem orthodoxen Einfluß zusammenhängen). Bereits 2013 hatte Wladimir Putin im Kampf für eine günstigere demographische Entwicklung ein Gesetz unterzeichnet, welches die Werbung für Abtreibung verbietet. Patriarch Kirill von der Russisch-Orthodoxen Kirche fordert aus religiöser Warte ein vollständiges Abtreibungsverbot. Daß dies durchzusetzen ist, darf bezweifelt werden, allerdings ist eine zunehmende Verbreitung der ethisch-konservativen Position zur Abtreibung in der russischen Gesellschaft wie der hohen Politik ohne Weiteres festzustellen.

 

Verweise:

 

http://www.nationalrighttolifenews.org/news/2015/07/russia-church-and-state-sign-agreement-to-prevent-abortion/#.VZjq2q2I7fX
http://www.reuters.com/article/2013/11/25/us-russia-abortion-idUSBRE9AO0VO20131125
http://www.forbes.com/sites/markadomanis/2015/02/04/russias-abortion-rate-has-fallen-dramatically
http://www.nytimes.com/2003/09/02/opinion/birth-control-in-russia.html
http://themoscownews.com/russia/20130813/191845415/Abortion:%20A-matter-of-life-and-death.html
http://www.deutschlandradiokultur.de/jutta-ditfurth-ueber-abtreibungsgegner-eine-massive.1008.de.mhtml?dram%3Aarticle_id=323989

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Ruedi Strese

Mag. Ruedi Strese (Jahrgang 1980) machte 2001 sein Abitur und lebt in Berlin.

Nach seinem Studium der Germanistischen Linguistik und der Südostasienwissenschaften an der Humboldt-Universität und Abschluß mit dem Magistergrad im Jahr 2010 arbeitete Ruedi Strese als Lektor, Autor und Musiker.

Seit Dezember 2014 leitet er die Redaktion von COLPORTAGE.

Webseite: www.colportage.de

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