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Syriens Präsident im Interview mit der Sunday Times

Baschar al-Assad: „Rußland beschützt Europa“

Sonntag, 06 Dezember 2015 15:22 geschrieben von 
Baschar al-Assad (2010) Baschar al-Assad (2010) Quelle: de.wikipedia.org | Fabio Rodrigues Pozzebom / ABr derivative work: César | CC BY 3.0 br

Damaskus – In einem Interview mit der englischen „The Sunday Times“ hat sich Syriens Präsident Baschar al-Assad umfassend zum gegenwärtigen Geschehen um Syrien geäußert und insbesondere die britische und französische Art des Vorgehens gegen den „Islamischen Staat“ kritisiert.

 

Die staatliche syrische Nachrichtenagentur SANA („Syrian Arab News Agency“) hat anschließend den vollständigen Text des Interviews veröffentlicht. Al-Assad betont zum einen die entscheidende Rolle Großbritanniens und Frankreichs bei der Unterstützung der militanten Gegner Assads, zum anderen verweist er auf die mangelnde Effizienz der westlichen Anti-Terror-Koalition, welche seit einem Jahr aktiv sei, wobei gleichzeitig ISIS, Jabhat al-Nusra und ähnliche Gruppen sich frei ausbreiten konnten. Dem stellt er das russische Vorgehen entgegen, welches in kürzester Zeit Erfolge zeigte. Nicht mit den Bodentruppen koordinierte Luftschläge betrachtet er als sinnlos oder gar schädlich.
Dabei verglich er das Vorgehen der westlichen Koalition mit dem eines Arztes, welcher, um den Krebs zu bekämpfen, diesen nicht entferne, sondern einfach in ihn hineinschneide, was zu einer schnelleren Verbreitung im Körper führe. Der Krebs müsse aber als Ganzes entfernt werden.

Zudem hob Assad die Illegalität des französischen und britischen Einsatzes hervor, welcher, anders als der russische, nicht mit der syrischen Regierung abgestimmt ist: „Ist es möglich, daß westliche Regierungen oder Regimes die Grundlagen internationalen Rechts nicht kennen, daß sie die Bedeutung eines souveränen Staates nicht verstehen oder die UN-Charta nicht gelesen haben? Sie haben keinen Respekt für das internationale Recht und wir haben nicht um ihre Mitarbeit gebeten.“
Auch die verbreitete Frage, ob nun ISIS und al-Nusra zu bekämpfen seien, oder letztere wegen gewisser Gegensätze gegen den IS zu unterstützen sei, weist er zurück. Die Unterschiede seien trivial, beide eine hingegen die gleiche „dunkle, Wahhabi-abweichlerische Ideologie“. Auch stellte er erneut heraus, daß die Rede von den „moderaten Rebellen“ eine Farce sei, da niemand diese zeigen könne. Es gebe sie nicht. Genauso könnte man auch die Täter der jüngsten Anschläge in Paris usw. als „moderate Opposition“ bezeichnen.
Ausführliche lobende Worte fand er hingegen für die russische Unterstützung. Die Russen hätten die Ausbreitung des Terrorismus seit Beginn der Aktivitäten der westlichen Koalition und die daraus erwachsene Gefahr klar erkannt; unter anderem sagte er: „Sie wollen Syrien, den Irak, die Region, sich selbst und sogar Europa beschützen. Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, daß sie heute Europa beschützen.“

Erneut betonte al-Assad die Bereitschaft der syrischen Regierung, mit allen Gruppen zu verhandeln, die bereit seien, von einem gewaltsamen Vorgehen abzusehen. Auf die Frage nach seiner Verantwortung als Präsident für das Geschehen in Syrien hielt er entgegen: „Wenn ich Verantwortung übernehme, übernehme ich auch die Verantwortung dafür, die Kataris zu bitten, den Terroristen Geld zu zahlen? Oder für die Saudis, die ihre Aktivitäten finanzieren? Oder dafür, daß westliche Regierungen ihren Terroristen erlauben, nach Syrien zu gehen? Übernehme ich die Verantwortung dafür, westliche Regierungen gebeten zu haben, diesen Terroristen einen politischen Schirm zu geben und sie als Moderate zu bezeichnen? Oder für die westlichen Sanktionen gegen das syrische Volk? So müssen wir darüber diskutieren.“

Verweise:

http://sana.sy/en/?p=63558
http://www.thesundaytimes.co.uk/sto/news/focus/article1641838.ece

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Ruedi Strese

Mag. Ruedi Strese (Jahrgang 1980) machte 2001 sein Abitur und lebt in Berlin.

Nach seinem Studium der Germanistischen Linguistik und der Südostasienwissenschaften an der Humboldt-Universität und Abschluß mit dem Magistergrad im Jahr 2010 arbeitete Ruedi Strese als Lektor, Autor und Musiker.

Seit Dezember 2014 leitet er die Redaktion von COLPORTAGE.

Webseite: www.colportage.de

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