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Pyrrhus siegt in Mexiko

Chapos Festnahme wird den Drogenkrieg nicht beenden

Sonntag, 24 Januar 2016 00:46 geschrieben von 
Chapos Festnahme wird den Drogenkrieg nicht beenden Quelle: http://www.clarin.com

Mexiko City - Die jüngst erfolgte Festnahme des mexikanischen Drogenbarons Joaquín Guzmán, besser bekannt als „El Chapo“ („Der Kleine“), ist die neueste Episode in dem absurden und unendlichen Medienspektakel des sogenannten Drogenkrieges. Seit dem (offiziellen) Tod Osama Bin Ladens war El Chapo an der Spitze der meistgesuchten Verbrecher weltweit. Seit mehr als zwei Jahrzehnten haben die mexikanischen Behörden ihn verfolgt. Zweimal steckten sie ihn in ein Hochsicherheitsgefängnis. Und zweimal flüchtete er wie durch ein Wunder.

Aber Chapo wieder hinter Gitter zu bringen wird wenig dazu beitragen, die Ursachen zu beseitigen, warum eine Figur wie er und eine Organisation wie das Sinaloa-Kartell überhaupt existieren. Kurz vor seiner Festnahme gewährte der Drogenboss dem Schauspieler Sean Penn, der durch die prominente mexikanische Schauspielerin Kate del Castillo mit El Chapo in Kontakt gebracht wurde, ein Interview. Der Drogenbaron erklärte gegenüber Penn, daß der Drogenhandel aufgrund der zermürbenden Armut existiere, und weil so wenige Möglichkeiten für menschenwürdige Arbeit vorhanden sind. Das ist, warum, trotz der Gefangennahme von El Chapo, der Drogenhandel und die Kartelle weiterhin bestehen werden. Man attackiert die Symptome, aber nicht die Krankheit.

Penn war nicht der erste, der mit ihm während seiner Flucht Kontakt aufnahm. Die Filmemacher Guillermo Galdós und Angus MacQueen haben 2012 versucht, El Chapo für einen Film, den sie für den Sender PBS drehten, ausfindig zu machen. Nach Monaten der Forschung gelang es ihnen, Chapos Ranch zu finden, und, obwohl sie ihn nie persönlich trafen, wurden sie von seiner Mutter empfangen, die sie zum Essen einlud, während sie über ihren Sohn sprach. Galdós und MacQueen filmten Mitglieder des Sinaloa Kartell, die sich rühmten, die ganze Region unter ihrer Kontrolle zu haben. Sie schienen unglaublich entspannt, trotz der Tatsache, daß sie den weltweit meistgesuchten Verbrecher versteckten.

Es dürfte für die Regierungen Mexikos und der USA äußerst peinlich sein, daß sie so lange gebraucht haben, um Guzmán zu finden, trotz der Milliarden von Dollar, der militärischen Macht und der nachrichtendienstlichen Fähigkeiten, die sie (angeblich) in den Drogenkrieg in Mexiko investierten. Penn und Castillo gelang es immerhin, Kontakt mit dem Drogenbaron herzustellen, und Galdós und MacQueen fanden seine Familie zu Hause. Sie alle hatten keine große Ressourcen zur Verfügung und schafften es in Monaten, nicht in Jahren. US- und mexikanische Geheimdienste scheinen offenbar die Suche nach El Chapo nicht ernst genommen zu haben.

Alternative Ziele

Dies deutet darauf hin, was ein offenes Geheimnis in Mexiko ist. Alle großen Verbrecher, die ihrer Gefangenschaft entgehen, tun dies mit der aktiven Komplizenschaft der Polizei und des Militärs, von Politikern, Finanziers und dem Bankensektor. Um die Macht der organisierten Kriminalität in Mexiko zu reduzieren, sollte man sich zuerst auf die Korruption der Polizei, des Militärs und der politischen Klasse konzentrieren.

Vielleicht am wichtigsten wäre es, auch die Finanzstruktur der Kartelle anzugreifen. Wie es bei allen Kartellen der Fall ist, würde die von Sinaloa (Chapos Organisation) nicht ohne die Zusammenarbeit mit den internationalen Banken überleben.

Im Jahr 2012 wurde zum Beispiel die britische Großbank HSBC zu einer Geldstrafe von $ 1,9 Milliarden verurteilt, weil sie versäumt hatte, die Geldwäsche von mindestens 881 Millionen US-Dollar Drogengeld zu verhindern. Aber im Gegensatz zu den mexikanischen Drogenbossen mußte bisher keiner der Elite-Banker von HSBC eine Haftzeit antreten.

So lange, wie Banker schmutziges Geld waschen und verstecken, gibt es wenig Grund, daran zu glauben, daß sich die Lage nach der Festnahme eines Drogenbosses signifikant verändern wird, so wie die Medien zu vermitteln versuchen.

Der Drogenkrieg als Ablenkung

Auf der anderen Seite bietet El Chapos Verhaftung der Präsidentschaft von Enrique Peña Nieto einen dringend benötigten Propagandacoup. Seine Flucht im letzten Sommer demütigte die Regierung, und Peña Nieto ist bereits einer der unbeliebtesten Präsidenten seit Jahrzehnten - keine geringe Leistung in einem Land, wo die Legitimität der gesamten politischen Klasse sowieso in Frage steht.

Aber Peña Nietos Unbeliebtheit ist das Symptom eines viel breiteren Unwohlseins. Seine Regierung verabschiedete äußerst unpopuläre Gesetze: diese Gesetze erlaubten, daß wichtige öffentliche Einrichtungen an private Unternehmen verkauft wurden. Die Regierung ist in Korruptionsskandale auf höchster Ebene verstrickt und hat sich durch schwere politische Unterdrückung und Vertuschung ausgezeichnet, wie im Fall der 43 verschwunden Studenten.
Während die Festnahme von El Chapo so etwas wie eine Ablenkung von den kritischen Problemen des Landes bietet, sind viele Mexikaner sehr wütend aufgrund der unfähigen militärischen Antwort auf das Wachstum der organisierten Kriminalität – einem Problem, das in Korruption, Armut und Instabilität seine Wurzeln hat, sowie in den maroden Sozialleistungen und der prekären Infrastruktur. Im Rahmen des Krieges gegen Drogen in Mexiko sind in den letzten Jahren über 100.000 Menschen getötet worden und über 26.000 verschwunden. Trotz Chapos Verhaftung, und obwohl der Präsident triumphierend verkündete, "Mission erfüllt", sind die unzähligen Probleme Mexikos bei weitem nicht gelöst.

Frei übersetzt nach Peter Watts Artikel:
http://theconversation.com/capture-of-el-chapo-wont-stop-drug-war-in-mexico-as-long-as-corruption-is-rife-53078

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Felix Alemán

Felix Alemán (Jahrgang 1985), Deutsch-Spanier, wurde in Berlin geboren und wuchs in Spanien auf.

Nach dem Abitur schloß er eine kaufmännische Ausbildung in der Fachrichtung Fremdsprachen ab. Seit 2005 wohnt er wieder in Berlin. Seine Interessengebiete beinhalten Sprachen, Filme und Politik. Er schreibt Filmkritiken für einen spanischen Blog.

Für COLPORTAGE befaßt er sich u.a. mit geopolitischen Themen mit dem Schwerpunkt Spanien und Lateinamerika.

Webseite: www.colportage.de

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