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Vor 50 Jahren in Indonesien

Das blutige Ende der Ära Sukarno

Dienstag, 27 Oktober 2015 14:03 geschrieben von 
„General Suharto bei der Beerdigung beim Putschversuch 1965 ums Leben gekommener Generäle“ „General Suharto bei der Beerdigung beim Putschversuch 1965 ums Leben gekommener Generäle“

Berlin - In Indonesien hatte seit 1945 der laizistische Nationalist Sukarno regiert. Er hatte sich zuvor mit den als Besatzungsmacht gekommenen Japanern arrangiert, in der Hoffnung, durch Entgegenkommen die Unabhängigkeit für die niederländische Kolonie erlangen zu können, was ihm dann nach Kriegsende gelungen war.

Innenpolitisch versuchte er das Vielvölkerreich durch eine von westlichem Nationalismus und organischen (integrativen, holistischen) Staatsideen getragene Ideologie zusammenzuhalten, welche er als Nasakom bezeichnete. Nasakom ist eine Zusammensetzung aus nasionalisme (Nationalismus), agama (Religion) und komunisme (Kommunismus). Er versuchte, statt der westlichen Demokratie, die er als Diktatur der 51 über die 49 Prozent sah, eine autoritäre „Konsensdemokratie“ durchzusetzen. In der Praxis bedeutete dies eine Verbindung aus nationalistischer Begeisterung, religiösem Pathos und „kommunistischen" (eigentlich eher von traditioneller ländlicher Zusammenarbeit bestimmten) Wirtschaftsvorstellungen. Tatsächlich hatte er jedoch während seiner gesamten Herrschaftszeit mit starken Spannungen zwischen Kommunisten und politischem Islam zu kämpfen.
Außenpolitisch war er Vertreter einer pan-malayischen Reichsidee, die Gründung des Nachbarstaats Malaysia lehnte er ab, und mit Jugoslawiens Josip Broz Tito und Ägyptens Gamal Abdel Nasser einer der Initiatoren der „Blockfreien Bewegung“. 1955 war die javanische Stadt Bandung Ort der Afro-Asiatischen Konferenz, wobei die teilnehmenden Staaten sich die Selbstbezeichnung „Dritte Welt“, nicht wegen eines bestimmten „Entwicklungsstands“, sondern im bewußten Gegensatz zu kapitalistischem Westen und kommunistischem Ostblock gaben.

Mit der Zeit wurde jedoch der (national-)kommunistische Einfluß durch die PKI, „Partai Komunis Indonesia“, immer stärker und auch außenpolitisch ging es eher in Richtung Kooperation mit der Sowjetunion. Es gab einen Putschversuch, dessen Hintergründe bis heute umstritten sind. Antikommunistische Teile der Armee unter General Suharto unterstellten jedoch der PKI unzutreffenderweise die Schuld daran, und mit verdeckter Unterstützung des CIA kam es ab Oktober 1965 zu gewaltigen Massakern an tatsächlichen und angeblichen Kommunisten, die geschätzten Opferzahlen liegen zwischen 100.000 und einer Million, 500.000 gilt weithin als realistisch.

Sukarno war damit faktisch entmachtet, auch wenn er pro forma bis 1967 im Amt blieb. Sein Nachfolger wurde General Suharto. Das Entscheidende war jedoch, daß aus Sicht der USA die Gefahr einer Ostorientierung Indonesiens gebannt und das Land unter General Suharto nun mehr oder weniger in den westlichen Block eingebunden war. So wurde der Putsch auch in Großbritannien und den USA offiziell begrüßt. Gewisse Parallelen gibt es damit zum Putsch Pinochets gegen Allende in Chile 1973.

Der bewaffnete Widerstand der PKI war gering, die überlebenden „Kommunisten“ kamen zu großen Teilen zur Zwangsarbeit in Internierungslager und wurden auch später mit Berufsverboten belegt. Bis 1998, dem Rücktritt Suhartos, war jegliche Kritik an der offiziellen Darstellung der Ereignisse verboten, und auch heute noch können sich die beteiligten Mörder ungestraft ihrer Taten rühmen, während auch damals zu Unrecht Beschuldigte wie auch heutige Kritiker weiterhin Nachteile zu befürchten haben. Immer noch, bzw. mittlerweile unter dem Präsidenten Joko Widodo wieder verstärkt, herrscht eine strikte Zensur diesbezüglich, erst vor wenigen Tagen hat das „Ubud Festival der Schriftsteller und Leser" eine Lesung zum Massaker abgesagt, nachdem die Polizei gedroht hatte, die Erlaubnis für das Festival zurückzuziehen.

Ergänzend sei angemerkt, daß Sukarnos Tochter Megawati Sukarnoputri 2001-2004 als Präsidentin regiert hatte, ihre Politik hatte jedoch mit dem autoritären Nationalneutralismus ihres Vaters nichts gemein, sie war eine eher schwache Herrscherin; wenn auch wohl persönlich relativ integer, tat sie nicht viel, um das Land aus dem Sumpf der Korruption zu holen und ihm mehr Spielraum in der Außenpolitik zu verschaffen.

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Ruedi Strese

Mag. Ruedi Strese (Jahrgang 1980) machte 2001 sein Abitur und lebt in Berlin.

Nach seinem Studium der Germanistischen Linguistik und der Südostasienwissenschaften an der Humboldt-Universität und Abschluß mit dem Magistergrad im Jahr 2010 arbeitete Ruedi Strese als Lektor, Autor und Musiker.

Seit Dezember 2014 leitet er die Redaktion von COLPORTAGE.

Webseite: www.colportage.de

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