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Neuorientierung nach Moskau?

Der Irak unter der Bedrohung des „Islamischen Staates“

Freitag, 29 Mai 2015 17:27 geschrieben von 
Flagge des Irak Flagge des Irak

Bagdad - Der schiitischen Regierung des Irak dürfte kaum entgangen sein, daß die USA sie zwar einmal nützlich fanden, als es darum ging, nach dem Sturz Saddam Husseins ein gewisses Maß an Reststaatlichkeit zu bewahren, sich jedoch die geopolitischen Prämissen in den letzten Jahren deutlich verschoben haben. Nach dem Sturz der laizistischen arabischen Nationalisten Saddam Hussein und Muammar Ghaddafi stehen neben dem Syrien Bashar al-Assads vor allem die schiitischen Kräfte der beabsichtigten Neuordnung des Nahen Ostens im Weg, auch wenn sie vorher ihre Rolle an der Seite der USA gespielt haben.

Die neuen alten Verbündeten der USA sind in diesem Fall radikale Sunniten, die, soweit möglich, als „moderate Rebellen“ verkauft und offen unterstützt werden („Freie Syrische Armee“), oder, wenn sie, wie im Falle des „Islamischen Staates“, zu offen ihr Gesicht zeigen, scheinbar bekämpft, aber versteckt oder „versehentlich“ weiter mit Waffen und Fahrzeugen ausgerüstet sowie mit Geld und geheimdienstlichen Informationen versorgt werden.

Die USA unterstützen also gegen ihre offiziellen Partner deren gefährlichste Feinde. Dabei hat sich die schiitische Regierung selbst ein Bein gestellt, denn nach dem Sturz Saddam Husseins gab es keinen Versuch einer nationalen Versöhnung, sondern Repressionen unter umgekehrten Vorzeichen und eine massive „Entbaathisierung“, was viele ehemalige Baathisten sowie sonstige sunnitische Kräfte in die Arme des gut organisierten IS trieb, und auch jene, welche dem IS feindlich gegenüberstehen, dürften eine ebenso große Feindschaft gegenüber der Regierung in Bagdad empfinden. Sunnitische Stämme, welche sich gegen den IS stellen wollen, weigern sich, in die schlecht ausgerüstete und kampfschwache irakische Armee zu gehen und fordern stattdessen Waffen zur Bildung regierungsunabhängiger Truppen. Eine Kooperation von Sunniten und Schiiten gegen den IS dürfte die einzige Lösung sein, aber ob Bagdad dies erreichen kann, erscheint mehr als zweifelhaft, zu tief sind die Gräben.

In dieser Situation, wo Bagdad die Kontrolle über das Land verliert und vom einstigen Verbündeten hintergangen wurde, bietet der Kreml seine Hilfe an. Am Donnerstag, dem 21. Mai, hatte Iraks Premier Haider al-Abadi Russland besucht. Dessen Außenminister Lawrow hatte bereits im Vorfeld angeboten, den Irak mit Waffen gegen den IS zu unterstützen. Ein kluger Schachzug, denn theoretisch stellt es sich damit auf die Seite der USA - und diese werden sich schwertun, ihre tatsächliche Präferenz für den IS offiziell bekanntzugeben.

Der Irak hatte bereits im Jahr 2012 mit dem Kauf russischer Militärtechnik begonnen, doch im Zusammenhang mit dem sich zuspitzenden Konflikt zwischen den USA und Rußland gewinnt diese Kooperation neue Brisanz. Tatsächlich hatte al-Abadi geäußert, „einige Kräfte“ hätten ihm von dem Besuch in Moskau abgeraten. Er hatte zudem die Gelegenheit genutzt, um Rußland zum 70. Jahrestag seines Sieges im Zweiten Weltkrieg zu gratulieren und verglich den Kampf des Irak gegen den IS mit dem Kampf der Sowjetunion gegen die damalige deutsche Besatzung.

Die Gespräche al-Abadis mit Wladimir Putin und Dimitri Medwedew sind von einiger Signifikanz. In den letzten Jahren hatte es nicht nur im militärischen Bereich, sondern auch in  der Wirtschaft eine verstärkte Zusammenarbeit zwischen dem Irak und Russland gegeben; seit 2013 soll sich das Handelsvolumen (ohne militärische Güter) auf 2 Milliarden Dollar verzehnfacht haben und damit die Höhe von 1989, vor dem Zusammenbruch der Sowjetunion und dem Einsetzen der Sanktionen durch die USA erreicht haben. Bereits im März 2014 hatte die russische Firma Lukoil mit der kommerziellen Ölförderung in riesigem Maßstab in der Nähe von Basra begonnen, und die Aufforderung des irakischen Premiers an russische Firmen, aktiv im irakischen Markt zu investieren, dürfte nicht auf taube Ohren stoßen. Die Situation für die irakische Regierung ist schwierig, doch mit der Orientierung nach Moskau werden auch hier die Karten neu gemischt.

Die irakische Zeitung Al-Alam kommentierte mit folgenden Worten: „Unser Land, welches ein Ziel des Islamischen Staates geworden ist, hat die Freiheit, sich international einen Partner auszusuchen. Wir werden uns auf den Osten konzentrieren, oder auf andere Länder, jene Beziehungen, die für das Land und Volk von Interesse sind." Ein eindeutiger Seitenhieb auf die USA.

 

Quellen:

http://www.ibtimes.co.uk/isis-russia-pledges-weapons-iraq-battle-against-islamic-state-1502405
http://www.reuters.com/article/2015/05/21/us-mideast-crisis-iraq-russia-idUSKBN0O61MU20150521
http://nsnbc.me/2015/05/29/moscow-and-baghdad-synchronize-their-cooperation-watches
http://english.shafaaq.com/politics/14446-abadi-to-medvedev-i-came-to-moscow,-regardless-of-powers%E2%80%99-recommendations-not-to-come.html

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Ruedi Strese

Mag. Ruedi Strese (Jahrgang 1980) machte 2001 sein Abitur und lebt in Berlin.

Nach seinem Studium der Germanistischen Linguistik und der Südostasienwissenschaften an der Humboldt-Universität und Abschluß mit dem Magistergrad im Jahr 2010 arbeitete Ruedi Strese als Lektor, Autor und Musiker.

Seit Dezember 2014 leitet er die Redaktion von COLPORTAGE.

Webseite: www.colportage.de

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