Freigegeben in Politik

Ein Blick gen Westen

Die deutsche Sprache in Belgien

Freitag, 29 Januar 2016 01:02 geschrieben von  ‬Andre Hohmann

Eupen/Malmedy - Wenn die Frage kommt,‭ ‬welche Länder im Westen an Deutschland grenzen,‭ ‬kann man die Antwort kurz machen und sagen:‭ ‬Frankreich und BeNeLux.‭ ‬Durch letzteren Begriff vergißt man auch nie eines der drei Länder Belgien,‭ ‬Niederlande und Luxemburg.‭ ‬Wenn dann weiter nach den Sprachen bei unseren Nachbarn gefragt wird,‭ ‬wird auch so ziemlich jeder Französisch und‭ "‬Holländisch‭"‬,‭ ‬oder Niederländisch,‭ ‬wie es richtig heißt,‭ ‬antworten.‭ ‬Bei Luxemburg wird es schon schwieriger,‭ ‬und wer nicht gerade‭ “‬Belgisch‭” ‬sagt,‭ ‬wird zumindest auch die beiden Hauptsprachen dort kennen.‭ ‬Wer in der Grenzregion zuhause ist,‭ ‬und eigentlich sollte es auch die Allgemeinheit wissen,‭ ‬weiß,‭ ‬daß in Belgien auch deutsch gesprochen wird.

Durch unsere Geschichte läßt sich das ziemlich schnell erklären.‭ ‬Nach dem ersten Weltkrieg wurde dieser Teil Preußens von Belgien,‭ ‬einem Staat,‭ ‬der selbst erst‭ ‬1830‭ ‬entstanden ist,‭ ‬annektiert.‭ ‬Man könnte es als historischen Glücksfall betrachten,‭ ‬daß die deutsche Bevölkerung aus diesem Teil nach zwei Weltkriegen zumindest nicht vertrieben wurde.‭ ‬Möglicherweise lag es daran,‭ ‬daß diese Monarchie im‭ ‬19.‭ ‬Jahrhundert eher auf machtpolitischen Faktoren als auf ethnische Gegebenheiten basierte.‭

‬Bekannt ist auch,‭ ‬daß das späte‭ ‬20.‭ ‬Jahrhundert durch den flämisch-wallonischen Konflikt geprägt ist.‭ ‬Um diesen zu lindern,‭ ‬entstanden die heutigen Verwaltungsstrukturen,‭ ‬die ein wenig kompliziert wirken.‭ ‬Belgien besteht heute sowohl aus drei Regionen,‭ ‬wie auch aus drei Gemeinschaften.‭ ‬Beide Arten der Einteilung sind geografisch genau abgegrenzt und sind nicht genau deckungsgleich.‭ ‬Die drei Regionen sind das französisch geprägte Wallonien im Süden,‭ ‬das niederländisch geprägte Flandern im Norden und die Hauptstadtregion Brüssel,‭ ‬ein historischer Teil Flanderns,‭ ‬jedoch heute mit wallonischer Mehrheit.‭ ‬Die drei Gemeinschaften basieren auf der jeweiligen Sprache.‭ ‬Die Flämische Gemeinschaft umfasst Flandern und die Hauptstadtregion.‭ ‬Die Französische Gemeinschaft umfasst den überwiegenden Teil von Wallonien und auch die Hauptstadtregion,‭ ‬die damit offiziell zweisprachig ist und neben Brüssel selbst auch einige Umlandgemeinden umfasst.‭ ‬Die Deutsche Gemeinschaft‭ (‬Abk.‭ ‬DG‭) ‬ist die kleinste und umfasst einen östlichen Streifen von Wallonien.‭

‬Im Wesentlichen sind es die annektierten Gebiete von‭ ‬1920.‭ ‬Nach heutigen Strukturen sind es neun Gemeinden‭ (‬unter anderem die Städte Eupen und St.‭ ‬Vith‭)‬.‭ ‬Allerdings gibt es noch zwei weitere Gemeinden‭ (‬Malmedy und Weismes‭)‬,‭ ‬die zwar auch‭ ‬1920‭ ‬annektiert wurden,‭ ‬jedoch heute nicht zur DG gehören.‭ ‬Zwar wird auch dort Deutsch gesprochen,‭ ‬jedoch hat Französisch dort eine stärkere Stellung,‭ ‬als dies in der DG der Fall ist.‭ ‬Alle elf Gemeinden werden als Fazilitäten-Gemeinden bezeichnet,‭ ‬was rechtlich soviel heißt wie,‭ ‬daß neben der Hauptsprache auch eine Erleichterung für die andere Sprache gilt,‭ ‬was sich im öffentlichen Leben bemerkbar macht.‭ ‬So sind im gesamten Gebiet faktisch die deutsche und französische Sprache anzutreffen.‭ ‬Weitere Fazilitäten-Gemeinden‭ (‬ohne Deutsch‭) ‬gibt es im Grenzgebiet zwischen den beiden großen Landesteilen und im Umland der Brüsseler Region.

‎Die deutsche Sprache beschränkt sich allerdings auch nicht nur auf die elf Gemeinden Ostbelgiens‭ (‬auch Ostkantone genannt‭)‬.‭ ‬Im Nordwesten der DG angrenzend gibt es noch die sogenannten Plattdeutschen Gemeinden.‭ ‬Die Bezeichnung ist etwas irreführend,‭ ‬da dort ein ostlimburgischer Dialekt gesprochen wird,‭ ‬der zur südniederfränkischen Gruppe,‭ ‬und damit zum mitteldeutschen Sprachraum gehört.‭ ‬Für Außenstehende ist es also kaum zu unterscheiden,‭ ‬ob jemand aus dieser Region oder aus Euskirchen oder Bitburg kommt.‭ ‬Jene drei Gemeinden‭ (‬Baelen,‭ ‬Bleyberg und Welkenraedt‭) ‬gehören zwar der Französischen Gemeinschaft an und sind auch keine Fazilitäten-Gemeinden,‭ ‬jedoch ist die deutsche Sprache dort traditionsgemäß anzutreffen.‭ ‬Dieses Gebiet wird auch als‭ "‬Altbelgien-Nord‭" ‬bezeichnet.‭ ‬Eine vierte nordwestlich angrenzende Gemeinde‭ (‬Aubel‭) ‬gehört zwar traditionell auch dazu,‭ ‬jedoch ist das Deutsche dort weitgehend aus dem Alltag verschwunden.‭

‬Das Gebiet‭ "‬Altbelgien-Süd‭" ‬ist als historischer Teil Luxemburgs noch ein weiterer Sonderfall.‭ ‬Auch als Areler Land bezeichnet,‭ ‬besteht es aus fünf Gemeinden,‭ ‬die durchweg die französische Sprache haben und auch keine Fazilitäten-Gemeinden sind.‭ ‬Als Luxemburg‭ ‬1839‭ ‬an der französisch-deutschen Sprachgrenze geteilt wurde,‭ ‬fiel das Areler Land aus strategischen Gründen und auf Druck Frankreichs jedoch an Belgien‭ (‬Provinz Luxemburg‭)‬.‭ ‬Der letzebürgische Dialekt,‭ ‬der im heutigen Großherzogtum Luxemburg gesprochen wird,‭ ‬wobei Französisch und Standarddeutsch dort eine stärkere Stellung haben,‭ ‬ist im Laufe der Zeit dort weitgehend verdrängt worden.‭ ‬Allerdings leben in diesem Gebiet heute viele Pendler,‭ ‬die im Großherzogtum arbeiten und das Letzebürgische somit wieder zurückbringen können.‭ ‬Dazu fehlt jedoch der polische Wille.‭ ‬Eine Chance könnte höchstens die Organisation eines Sprach-‭ ‬und Heimatvereins vor Ort bieten.

Artikel bewerten
(11 Stimmen)

Redaktion