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Bürgerkrieg auf der arabischen Halbinsel

Die schiitischen Huthi-Rebellen ergreifen die Macht im Jemen

Sonntag, 08 Februar 2015 00:18 geschrieben von 
Flagge des Jemen Flagge des Jemen

Sanaa - Am Freitag haben im Jemen die schiitischen Huthi-Rebellen die Macht an sich gerissen und das Parlament aufgelöst, berichtete der Nachrichtensender al-Arabiya aus Dubai. Sie verkündeten die Einsetzung eines „nationalen Übergangsrates“ als vorläufiger neuer Regierung  sowie eines „obersten Revolutionskommittees“, welches seinerseits lokale Kommittees ernennen soll, um Angelegenheiten der verschiedenen Provinzen zu regeln. Einen eigenen Verfassungsentwurf sollen die Huthis bereits vorzuliegen haben.

Jemen ist infolge Wassermangels und kaum landwirtschaftlich nutzbarer Fläche ein überaus armes Land. Die Ölfördermenge ist recht gering, und es ist kein OPEC-Mitglied. Das Land mit den als Folge kolonialer Gebietseinteilung durchaus unnatürlichen Grenzen ist von Stammeskonflikten zerrissen. Trotz der arabisch-nationalistischen Ideologie des offiziell lange herrschenden Allgemeinen Volkskongresses (seit 1962 im Norden, von der Vereinigung mit dem ehemals sozialistischen Süden 1990 an über ganz Jemen) prägt eine von archaischen Stammesbräuchen geprägte Fassung des sunnitischen Islam die Vorstellungen, dazu gehören die weite Verbreitung der weiblichen Genitalbeschneidung (bei etwa 20% der Frauen) sowie ein niedriges sexuelles Schutzalter (der Schutz endet mit Pubertätsbeginn, das heißt in vielen Fällen mit neun Jahren). Etwa ein Drittel der Bevölkerung gehören den Zaiditen an (oftmals nicht ganz korrekt als Fünfer-Schiiten bezeichnet), sie bilden die Mehrheit im Norden des Landes.

Die ersten schiitischen Milizen hatten sich 1994 gebildet, als Saudi-Arabien die jemenitische Zentralregierung noch gegen Abspaltungsversuche des Südens (der ehemaligen „Volksdemokratischen Republik Jemen) unterstützte und die Schiiten zunehmend von radikalen Sunniten bedrängt wurden. 2004 kam es zu starken Kämpfen infolge von Repressionen der Zentralregierung, 2009 führte sie eine Großoffensive gegen die Schiiten im Norden, was zu gewaltigen Flüchtlingswellen führte.
Jemens Präsident Ali Abdullah Salih war allerdings schließlich seinerseits eines der Ziele des sogenannten „arabischen Frühlings“, in dessen Gefolge Politiker wie Mubarak in Ägypten, Tunesiens Ben Ali und Libyens Ghaddafi gestürzt wurden. Dabei unterstützte pikanterweise Israel, welches mit dem Jemen keine offiziellen diplomatischen Beziehungen hat, auf versteckte Weise radikale Islamisten gegen Salih. Im Juni 2011 kam es zu einem Raketenangriff auf den jemenitischen Präsidentenpalast, die Täter standen wohl der al-Islah-Partei nahe, einem Zusammenschluß aus den jemenitischen Muslimbrüdern, der Haschid-Stammeskonföderation sowie der Hauptströmung des jemenitischen Salafismus. Paradoxerweise ließ sich Salih, welcher bei dem Angriff verletzt wurde, im al-Islah ideologisch nahestehenden Saudi-Arabien behandeln. Anfang 2012 trat er schließlich zurück, sein Nachfolger Mansur Hadi verlor die Kontrolle über das Land und es kam zu einem umfassenden Bürgerkrieg.

Dabei standen die Regierungstruppen zwischen radikal-sunnitischen Truppen der jemenitischen Al-Qaida und den schiitischen Rebellen. Es ließe sich in gewisser Weise von einem Stellvertreterkrieg zwischen Saudi-Arabien und dem schiitischen Iran sprechen, in welchem beide ihre jeweiligen Glaubensgenossen unterstützten. In den letzten Monaten sollen die weiterhin Salih nahestehenden Teile der Regierungstruppen, welche die Huthis früher bekämpft hatten, sich mit ihnen mehr oder weniger verdeckt gegen die radikalen Sunniten verbunden haben.

Ob die neuen schiitischen Machthaber das Land stabilisieren können, ist aufgrund der Stammeskonflikte und religiösen Spaltung sowie der Einflußnahme rivalisierender ausländischer Mächte mehr als zweifelhaft. Besorgnis äußerte der UN-Sicherheitsrat und drohte für den Fall, daß die Huthis nicht zu UN-geleiteten Verhandlungen über einen demokratischen Übergang zurückkehrten, mit Sanktionen. Auch forderte er die sofortige Freilassung des bisherigen Präsidenten Abd Rabbo Mansur Hadi und seines Kabinetts; diese waren von den Huthis unter Hausarrest mit der Machtergreifung gestellt worden. Der UN-Gesandte Jamal Benomar selbst hatte das Land am Freitag sogleich verlassen, ist aber mittlerweile schon wieder zurückgekehrt, um mit den Huthi-Führern zu verhandeln.

 

Quellen:

http://english.alarabiya.net/en/News/middle-east/2015/02/06/Yemen-s-Houthi-to-issue-constitutional-decree.html
http://www.aljazeera.com/news/2015/02/expresses-grave-concern-yemen-houthi-takeover-150207000545154.html
http://www.sabanews.net/en/news387220.htm

Letzte Änderung am Sonntag, 08 Februar 2015 00:24
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Ruedi Strese

Mag. Ruedi Strese (Jahrgang 1980) machte 2001 sein Abitur und lebt in Berlin.

Nach seinem Studium der Germanistischen Linguistik und der Südostasienwissenschaften an der Humboldt-Universität und Abschluß mit dem Magistergrad im Jahr 2010 arbeitete Ruedi Strese als Lektor, Autor und Musiker.

Seit Dezember 2014 leitet er die Redaktion von COLPORTAGE.

Webseite: www.colportage.de

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