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Russland-Freunde und Islamgegner

Ein Besuch bei PEGIDA Berlin

Sonntag, 10 Mai 2015 12:49 geschrieben von 
Jürgen Elsässer spricht in Berlin Jürgen Elsässer spricht in Berlin Quelle: COLPORTAGE

Berlin - Der Berliner PEGIDA-Ableger „BÄRGIDA“ hatte zum 9. Mai zu einer Veranstaltung „Gemeinsam für Deutschland“ aufgerufen. Schwerpunkt sollte diesmal, zumindest las sich dies so auf den Vorankündigungen, nicht die Islamkritik, sondern die Frage der mangelnden Souveränität Deutschlands sowie der Frieden mit Rußland sein. COLPORTAGE wollte vor Ort einen eigenen Eindruck gewinnen.

Im Vorfeld hatte es anscheinend Querelen innerhalb von PEGIDA über die beteiligten Redner gegeben, zudem hatte eine parallel angekündigte Veranstaltung aus dem Umfeld der sogenannten Reichsbürger teilweise für Verwirrung hinsichtlich des Ortes gesorgt. Dieser war nicht vor dem Reichstag, sondern der Washingtonplatz hinter dem Hauptbahnhof. Die Polizei hatte weiträumig abgeriegelt, durchgelassen wurden nur Demogänger und Pressevertreter. Dies verhinderte einerseits den Zusammenstoß mit den zahlreichen zum Teil sicher gewaltbereiten Gegendemonstranten, andererseits war so auch der Möglichkeit, bislang unbeteiligte Bürger zu erreichen, ein Riegel vorgeschoben. Daß die „Antifa“ sich gegen eine Demonstration stellt, welche Frieden mit Russland fordert, entbehrt nicht einer gewissen Komik: Hitler war böse, aber Krieg mit Russland ist gut, scheint die Quintessenz zu sein.

Das Publikum wirkte recht bunt gemischt. Frauen und Männer, jung und alt, Deutsche und ein paar Orientalen, Lang- und Kurzhaarige. Zu sehen unter anderem waren die Fahnen Deutschlands, Russlands und Israels sowie die Stauffenberg-Flagge. Geschätzt die Hälfte der Teilnehmer schien jedoch dem Skinhead-/Hooligan-Umfeld zu entstammen. Einen kurzen, ungewohnten Moment gab es, als die ehemalige NPD-Funktionärin Sigrid Schüßler einen jungen Mann im Rastafari-Outfit herzlich umarmte.

Als erster Redner betrat Jürgen Elsässer die Bühne. Der Mann hat eine eigenwillige politische Entwicklung hinter sich, vom Kommunisten, sogar einem der Begründer der explizit antideutschen Strömung innerhalb der Linken, hin zu einem Querdenker, der sich die Verteidigung bzw. Rückgewinnung der deutschen Souveränität gegenüber den Interessen der US-Amerikaner auf die Fahne geschrieben hat. So waren die Themen der Rede die Forderung nach dem Abzug der US-Truppen aus Deutschland und Kritik an der transatlantischen Ausrichtung der bundesdeutschen Politik. Als attraktives Gegenmodell wurde die enge Kooperation mit Russland gepriesen. Rhetorisch durchaus fähig, schien er jedoch nicht sehr gut in Form zu sein, unterbrochen wurde die Rede zudem durch einen Zwischenfall mit einem Rudel von Gegendemonstranten, welche doch irgendwie von der Polizei durchgelassen worden waren.

Es folgte ein Herr, welcher sich als US-Amerikaner jüdischen Glaubens vorstellte, der jedoch seit 26 Jahren in Deutschland lebe und zum deutschen Patrioten geworden sei. Trotz dieser 26 Jahre schaffte er es allerdings, seine Rede zu 90% in englischer Sprache zu halten, wie deutsche Patrioten es für gewöhnlich tun. Nach einigen kritischen Ausführungen zum fortwährenden US-Einfluß auf die deutsche Politik, kam er zum Anliegen, was ihm am persönlich wohl am wichtigsten war: der Verteidigung des „demokratischen Westens“ einschließlich Israels gegen „den Islam“. Seine Ausführungen zu diesem Thema bewegten sich allerdings nicht im Rahmen einer sachlich fundierten Kritik, sondern bedienten vorwiegend die Ressentiments schlichterer Gemüter, was gut berechnet wirkte und zu der eigenartigen Szene führte, daß eine Menge junger Männer, die dem Klischee des typischen Rechtsextremisten optisch recht nahekommen, einem optisch ebenfalls verbreiteten Klischees nahekommenden Kippahträger freudig applaudierten. Eine Dame mit Israelfahne im Publikum proklamierte: „Wenn Israel fällt, fällt Europa!"

Auch ein danach auftretender Syrer schoß sich auf das Feindbild Islam ein und pries demgegenüber „westliche Werte“. Als typischster Vertreter der radikalen Rechten unter den Rednern muß wohl Manfred Rouhs gelten. Der ehemalige Republikaner- und NPD-Funktionär und gegenwärtige Bundesvorsitzende von „ProDeutschland“ ließ immerhin eine unbestreitbare rhetorische Kraft erkennen, als er mit markiger Stimme seine Pfeile gegen das gängige Geschichtsbild, US-Dominanz und die bundesdeutsche Einwanderungspolitik verschoß.  Einem weiteren PEGIDA-Redner lauschte ich noch, welcher als „Mann aus dem Volk" wirkte und vor allem Demokratiedefizite in der Bundesrepublik geißelte und dabei recht unideologisch einige Wahrheiten aussprach, bevor ich mich langsam entfernte. Das angekündigte Grußwort eines russischen Bikers der „Nachtwölfe“ hatte es bis dahin nicht gegeben.

Mit etwas über 800 Teilnehmern war die Zahl deutlich hinter den Erwartungen der Veranstalter zurückgeblieben. Durch die weitgehende Abriegelung wird wohl kaum jemand überzeugt worden sein, denn die Zuhörer waren wohl weitgehend schon überzeugt, und die, welche vielleicht zu überzeugen gewesen wären, waren nicht dort. Ebenso hätte es eine geschlossene Saalveranstaltung sein können... Quo vadis, PEGIDA Berlin?  Die Themen Frieden mit Russland und Einsatz für Souveränität könnten sicher für mehr Menschen interessant sein, die einseitigen und teilweise plumpen antiislamischen Beiträge lassen jedoch zum Prädikat „Thema weitgehend verfehlt“ greifen. Unabhängig von der Bewertung der inhaltlichen Positionierung scheint mir, die „Bürgerbewegung“ schmort hauptsächlich in ihrem eigenen Saft und wird über kurz oder lang zerfallen.

 

Quellen:

https://juergenelsaesser.wordpress.com/2015/05/09/elsassers-rede-bei-der-kundgebung-am-9-mai-2015

Letzte Änderung am Montag, 11 Mai 2015 13:00
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Ruedi Strese

Mag. Ruedi Strese (Jahrgang 1980) machte 2001 sein Abitur und lebt in Berlin.

Nach seinem Studium der Germanistischen Linguistik und der Südostasienwissenschaften an der Humboldt-Universität und Abschluß mit dem Magistergrad im Jahr 2010 arbeitete Ruedi Strese als Lektor, Autor und Musiker.

Seit Dezember 2014 leitet er die Redaktion von COLPORTAGE.

Webseite: www.colportage.de

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