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Gedankensplitter

Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit?

Samstag, 11 Juli 2015 16:04 geschrieben von 
République Française - Liberté Égalité Fraternité République Française - Liberté Égalité Fraternité Quelle: commons.wikimedia.org | Jef-Infojef | CC-BY-SA 3.0

Berlin - Schlagworten, die von den verschiedensten Gruppen gebetsmühlenartig wiederholt werden, sollte man grundsätzlich genauer auf den Zahn fühlen. Was bedeuten sie eigentlich oder was sollten sie bedeuten und was meint derjenige, der sie verwendet?

Allgemein bekannt ist die Herkunft dieser griffigen Formel aus der Französischen Revolution, jener weitgefeierten Erhebung, welche, vorbereitet von verschwörerischen Zirkeln eher im Interesse privater Finanzkreise als “des Volkes”, die absolutistische Monarchie zu Fall brachte, in eine Phase des egalitär-demokratischen Terrors ausuferte, um letztlich in die neue Ordnung Napoleons überzugehen.

Was meint diese Freiheit? Viele verstehen heute unter Freiheit eine Freiheit des Individuums, auf Konventionen der gewachsenen Solidargemeinschaft keine Rücksicht nehmen zu müssen, Freiheit von Verpflichtungen und Normen, und eine solche Freiheit erleben wir heute in einem nie geahnten Ausmaß. Es steht jedermann frei, die Zerstörung der Familie zu propagieren, es steht jedermann frei, das eigene Land zu verleumden und seine Demontage zu betreiben, es steht manch einem frei, tausende Angestellte seines Betriebes zu entlassen und Produktionsstätten ins Ausland zu verlagern, es steht jedermann frei, die privaten sexuellen Neigungen einer Minderheit zum Kult für die Massen zu verklären und Skeptiker dieser Entwicklung zu diffamieren usw.

Es ist die Freiheit einer Ideologie der Ichsucht, der Schaffung aufgeblähter Egoismen anstelle aufgeklärter Individuen, verantwortungsloser Personen anstelle verantwortungsbewußter Persönlichkeiten, die zwangsweise zur Atomisierung der Gesellschaft, zur allmählichen Auflösung aller identitären Bindungen führt. Eine Freiheit, die schließlich ins Nichts führt.  Nach Abschaffung aller Schranken, die als Einschränkung des Individuums gesehen werden können, gibt es das Individuum nicht mehr. Das grenzenlose Individuum ist ein Widerspruch in sich, eine Persönlichkeit bedarf der Möglichkeiten wie der Nichtmöglichkeiten zu ihrer Bildung, erst die gegebenen Grenzen machen die Wege sichtbar.

Das soll nicht bedeuten, daß solche Grenzen etwas absolutes sein müssen. Sie sind umso offener, je stärker das Umgrenzte ist (ein starkes Volk nimmt durch eine gewisse Zahl an Zuwanderern keinen Schaden; ein hochkompetenter Wissenschaftler wird sich stets freiwillig andere Ideen anhören ohne seine eigenen Vorstellungen beim kleinsten Widerspruch aufzugeben; eine auf echtes Vertrauen und gegenseitigen Respekt gegründete Liebe wird nicht bei jeder Gelegenheit in maßlose Eifersucht umschlagen; ein fähiger, die naturgetreue Abbildung beherrschender Künstler kann auch abstrakt experimentieren). Ist das Umgrenzte schwach, verhärten sich die Grenzen  entweder vollkommen (Gegenreformation, Ausländerhaß, panische Eifersucht,...) oder fallen zusammen (Auflösung ins Nichts, moderne “Kunst”, multikulturelles Chaos,...).

Ein gesundes Maß an Freiheit ist insofern tatsächlich stets individuell, als die persönlichen freiheitlichen Rechte des Einzelnen stets im unmittelbaren Verhältnis zu dessen Verantwortung und Pflichterfüllung gesehen werden müssen. Eine einfache Wahrheit: wer mehr Pflichten übernimmt, verdient mehr Rechte (Recht meint in diesem Kontext natürlich nicht das geschriebene Gesetz - ein Kind weiß, daß seine Mutter ihm nach einer eins in Bio mehr Zeit zum Toben läßt, ohne daß dies extra ausgesprochen werden muß).

Und Gleichheit? Was ist das? Gibt es das überhaupt? Kann es soetwas geben? Keine Birke gleicht einer anderen, kein Mensch ist mit einem anderen identisch. Dennoch ist die Birke immer Birke und der Mensch immer Mensch. Die Verschiedenheit innerhalb strenger, natürlicher Grenzen (siehe “Freiheit”) ist das Wunder der Schöpfung, macht den Wert des Lebens aus. Gleich sind Fernseher, Autos, Roboter. Wer wirklich Gleichheit erstrebt, will den Menschen als Massenware.

In der griechischen Mythologie gibt es einen Riesen, Prokrustes genannt, der Wanderer freundlich bewirtete und anschließend zur Nachtruhe durch Streckung oder Verstümmelung seinem Bett anpaßte. Ein solches Prokrustesbett ist die demokratische Gleichheit; da natürlich im allgemeinen das Kürzen weniger umständlich ist, als das Strecken, bedeutet Gleichheit stets eine Nivellierung nach unten - je zahlreicher die gleichzumachenden Menschen sind, desto niedriger ist der gemeinsame Nenner, auf den sie gebracht werden. Gesamt- oder gar Inklusionsschulen bedeuten nicht mehr Bildung für alle, sondern weniger Bildung für die Begabten. Ein kosmopolitischer Schmelztiegel ohne organisch gewachsene kulturelle Vorgaben und traditionelle Wertvorstellungen wird niemals eine sinnvolle Verbindung des Höchsten der verschiedenen Kulturen mit sich bringen, sondern stets ein grauer Schlamm von Konsumententum und Hedonismus sein.

Die einzige natürlich egalitäre Institution ist der Tod. Die Formel der Menschenrechte erweist sich oft als seine wohlfeile Maske. Der Weg von der Guillotine zum Gulag war konsequent, genau wie das Demokratische Kambodscha der Roten Khmer, die alle Menschen umbrachten, die lesen konnten, eine Uhr trugen, eine Brille, etc., weil sie nicht gleich genug waren.

Zu warnen ist vor der weitverbreiteten Verwechslung von Gleichheit und Gerechtigkeit, insofern sollte man die Ablehnung solcher Einebnung natürlicher Unterschiede nicht als Verherrlichung eklatanter menschengemachter Ungerechtigkeiten sehen. Es ist klar, daß Menschen gleicher Fähigkeiten unabhängig ihrer sozialen Herkunft weitestgehend die gleichen Möglichkeiten offenstehen sollten. Vorbild dafür könnte (mit Abstrichen) das konfuzianische Mandarinatssystem sein; der Bauer wie der Edelmann konnten sich um einen solchen Beamtenposten bewerben, die Lehre war schwer und die Prüfung hart, doch wer sie bestand, hatte die Würde des Mandarins, unabhängig davon, was er vorher war.

Es wird stets eine Gratwanderung zwischen persönlichem Interesse und dem Nutzen für die Gesamtheit geben. In einem gesunden Volksstaat sind Bauerntum und Handwerk ein unverzichtbares Fundament. Eine Zersetzung dieses Fundamentes kann schon im Sinne einer unabhängigen Wirtschaftspolitik nicht wünschenswert sein. Doch ein Zwang, auf dem Felde oder im Betrieb zu arbeiten, wenn z.B. jemand eher einen talentierten Arzt abgäbe, ist auch nicht sinnvoll. Wichtig ist auf jeden Fall die Betonung der Würde und Bedeutung traditionsgebundener Berufe, ihres identitätsstiftenden Charakters. Ein landwirtschaftlicher Familienbetrieb von langer Tradition wird am ehesten auf eine nachhaltige Bearbeitung des Bodens achten. Wertschätzung der Vergangenheit und Verantwortung für die Zukunft gehen Hand in Hand. Kurz: das Verbleiben bei der Tradition soll erstrebenswert sein, etwas anderes zu tun jedoch erlaubt und möglich.

Die Gleichheit im Tode läßt sich, positiv gesehen, auch als Gleichheit vor Gott  auffassen. Eine Gleichheit im Leben gibt es nur als theoretisches Konstrukt, auch und gerade Gleichheit vor dem Gesetz bedeutet nicht die Gleichheit der Menschen an sich, sondern gleiche Strafen bei gleichen Untaten und gleichen Lohn für gleiche Leistung. Sie sagt über Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Menschen nichts aus, der letzte Spruch über jeden bleibt dem höchsten Richter überlassen.

Freiheit und Gleichheit relativieren sich gegenseitig, beschränken einander. Mehr vom einen bedeutet weniger vom anderen. Sie stehen im Widerspruch, bis dieser sich schließlich in ihrer absoluten Steigerung wieder auflöst –  absolut freie Menschen sind dadurch absolut gleich, daß sie in keiner Abhängigkeit von und keinem Bezug zu anderen mehr stehen, dadurch aber auch eigentlich garnicht existieren (alles Sein ist nur in Bezug auf etwas); absolut gleiche Menschen sind dadurch absolut frei, daß sie wie Tote (sie sind es auch) keinerlei eigenen Willen haben und somit von ihrer Freiheit auf keinen Fall Gebrauch machen.

Was schließlich Brüderlichkeit über im Kontext der Herkunft sichere freimaurerische Bezüge hinaus bedeutet, habe ich lange überlegt. Mir scheint, als habe dieses Wort mehr funktionale als inhaltliche Bedeutung. Brüderlichkeit ist, anders als Freiheit oder Gleichheit, ein Begriff, der gefühlsmäßige und persönliche statt theoretischer Assoziationen weckt. Es schwingen Gedanken an die Familie mit oder das romantische Männerideal der Verbrüderung, der von hohen Idealen geleiteten Freundschaft. Brüderlichkeit ist in diesem Sinne der begeisternde, emotional-kämpferische Moment einer klingenden Phrase und zugleich die Klammer, die ein auseinanderstrebendes Gegensatzpaar bis zum Ersticken seiner Bestandteile zusammendrückt. “Brüderlichkeit” soll das Nachdenken über “Freiheit” und “Gleichheit” verhindern.

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Ruedi Strese

Mag. Ruedi Strese (Jahrgang 1980) machte 2001 sein Abitur und lebt in Berlin.

Nach seinem Studium der Germanistischen Linguistik und der Südostasienwissenschaften an der Humboldt-Universität und Abschluß mit dem Magistergrad im Jahr 2010 arbeitete Ruedi Strese als Lektor, Autor und Musiker.

Seit Dezember 2014 leitet er die Redaktion von COLPORTAGE.

Webseite: www.colportage.de

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