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Geopolitisches Schachspiel

Israel, Russland und der Konflikt um Syrien

Freitag, 25 September 2015 17:40 geschrieben von 
Israel Israel

Jerusalem - Die Beziehung Russlands unter Putin zu Israel ist facettenreich und nicht in ein einfaches Freund-Feind-Schema zu packen. Russlands Hauptinteresse in der Region heißt wirtschaftliche Zusammenarbeit, was Stabilität erfordert. Dem Interesse an Stabilität folgt die jeweilige Positionierung in den regionalen Konflikten. Das zeigt auch Wladimir Putins jüngstes Treffen mit Israels Premier Benjamin Netanjahu.

Russlands wichtigste Partner in der Region sind Syrien, der Iran, Ägypten und Israel. Dabei sind Syrien und der Iran miteinander verbündet, beide stehen in einem feindlichen Verhältnis zu Israel. Ägypten und der Iran sind Konkurrenten in puncto regionaler Vormachtstellung, gegenüber Syrien hat Ägypten jedoch in letzter Zeit eine wohlwollende Haltung eingenommen, da die radikalen Sunniten, die Syrien bedrohen, auch von Ägypten als größte Bedrohung betrachtet werden. Die israelisch-ägyptischen Beziehungen derzeit sind relativ freundlich.

Israel ist ein wichtiger Handelspartner für Russland, nicht zu unterschätzen der gewaltige Einfluß der aus Russland nach Israel gezogenen Juden, die aber weiterhin Beziehungen nach Rußland halten und mit denen Russland es sich berechtigterweise nicht verderben will. Insofern unterstützt Russland Israel. Israelische Bestrebungen, die Region zu destabilisieren, um den eigenen Einfluß zu vermehren und möglicherweise sogar das Staatsgebiet zu vergrößern, sind hingegen nicht in russischem Interesse. Wenn wir diese Gedanken zugrunde legen, wird verständlich, warum sich Russland im einen Fall mit Israel solidarisiert und ihm im anderen Fall Grenzen zeigt.

Als Beispiel kann auch der jüngste Besuch Benjamin Netanjahus in Moskau dienen. Dort redete dieser mit Putin über das zunehmende militärische Engagement Russlands gegen den „Islamischen Staat“ in Syrien. Die Interpretationen auch in alternativen Medien gingen sehr auseinander. Netanjahu sei doch ganz vernünftig, daß er sich mit Russland geeinigt habe, war eine Variante. Putin habe, indem er sein Vorgehen in Syrien mit Israel abspräche, Syrien verraten, war eine weitere. Die Israelkritiker stießen sich diesbezüglich vor allem an Putins Aussage, die syrische Armee sei zu sehr mit der Verteidigung des Landes beschäftigt, um Israel zu bedrohen, nachdem Netanjahu Befürchtungen geäußert hatte, Syrien und der Iran würden Waffen an die Hisbollah liefern und eine „zweite terroristische Front auf den Golanhöhen schaffen".

Aber was? Die Aussage ist sachlich nicht verkehrt, höchstens stellt sich die Frage, ob die Syrische Arabische Armee Israel überhaupt bedrohen wollte, wenn sie könnte, ob der syrische Staat nicht vielmehr selbst eher an Frieden und Stabilität interessiert sei. Dieser Ansicht sind mittlerweile auch Teile der israelischen Militärführung, die sich deshalb für eine Kooperation mit dem konsensbereiten Assad aussprechen.

Nun, Putin hat also Netanjahu großmütig erklärt, sein Vorgehen in Syrien mit der israelischen Armee absprechen zu wollen. Bedenken wir aber, daß die Bande, gegen welche Russland nun in Syrien vorgehen will, nämlich der „Islamische Staat“, zwar unter der Hand, aber doch massiv von Israel unterstützt wird. Heißt das nun, Russland würde auch den „Islamischen Staat“ unterstützen? Wohl kaum. Durch seine verdeckte Unterstützung des IS hat Israel sich selbst in eine Falle begeben, die Putin nun zuschnappen ließ. Denn DAS würde sich Israel nicht leisten können, offen zu sagen, der „Islamische Staat“ sei sein Verbündeter. Zu eindeutig, zu bekannt, zu unbestreitbar ist der verbrecherische Charakter dieser Truppen. Gestritten werden kann lediglich über dessen Hintergründe, Entstehung und Finanzierung.
So bleibt Netanjahu nichts Anderes, als gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Die Anmerkung Putins, Syrien bedrohe Israel ja nicht (warum auch immer), war eine geschickte propagandistische Beruhigungspille. Wenn Israel sich gegen Syrien stellt, dann unter der Legende der von diesem ausgehenden Bedrohung. Putin hat auf die offizielle Legende geantwortet und die tatsächlichen Hintergründe wohlweislich verschwiegen. Israel hätte seiner eigenen Legende widersprechen müssen, um Putins Umarmung zu entgehen. „Wir machen das doch jetzt für Euch, mit Euch zusammen.“ So geht Diplomatie. Der Rest sind Details.


Verweise:
http://www.ft.com/cms/s/0/4296ee20-61fc-11e5-9846-de406ccb37f2.html#axzz3md0Epxj6
https://www.rt.com/news/316102-netanyahu-visit-russia-syria
http://edition.cnn.com/2015/09/21/world/russia-israel-netanyahu-putin-meeting

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Ruedi Strese

Mag. Ruedi Strese (Jahrgang 1980) machte 2001 sein Abitur und lebt in Berlin.

Nach seinem Studium der Germanistischen Linguistik und der Südostasienwissenschaften an der Humboldt-Universität und Abschluß mit dem Magistergrad im Jahr 2010 arbeitete Ruedi Strese als Lektor, Autor und Musiker.

Seit Dezember 2014 leitet er die Redaktion von COLPORTAGE.

Webseite: www.colportage.de

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