Freigegeben in Politik

Ägypten gegen die Muslimbrüder

Kairo will Terroristen finanziell austrocknen

Dienstag, 06 Januar 2015 22:41 geschrieben von 
Flagge Ägyptens Flagge Ägyptens

Berlin - Einem Bericht der Cairo Post zufolge hat Ägypten Katar förmlich um die Einfrierung der Konten des als extremistsch geltenden sunnitischen Rechtsgelehrten und Fernsehpredigers Yusuf Abdallah al-Qaradawi gebeten. Ägypten hatte unter seinem neuen Präsidenten al-Sisi eigens ein Komitee zur Unterbindung der Finanzierung der Muslimbruderschaft eingerichtet. Dessen Generalsekretär Mohammed Abul Fotuh ließ verlauten, al-Qaradawi besitze ein Vermögen von mehreren Milliarden auf katarischen Banken liegenden ägyptischen Pfund, welches aus unter dem Vorwand karitativer Zwecke zusammengesammelten Spenden bestehen soll.

Die ägyptische Regierung hat bereits die Vermögen von hunderten karitativer Einrichtungen, welche der Finanzierung der Muslimbruderschaft gedient haben sollen, beschlagnahmen lassen.

Die Organisation war im Dezember 2013 in Ägypten als terroristische Vereinigung eingestuft worden und al-Qaradawi, der die Staatsbürgerschaft Ägyptens wie auch Katars besitzt, wird die Mitgliedschaft in dieser vorgeworfen. Am 6. Dezember 2014 hatte Ägypten ihn und 41 Mitglieder der Muslimbruderschaft auf die Interpol-Suchliste setzen lassen, die Vorwürfe lauten Mord, Gefangenenbefreiung, Brandstiftung, Vandalismus und Diebstahl. Katar hat ihn allerdings trotz Interpol-Mitgliedschaft bisher nicht ausgeliefert. 
Am 9. Dezember hatte ihm der in Kairo ansässige IICDR (International Islamic Council for Da'wa and Relief) wegen der Vermischung von Politik und Religion die Mitgliedschaft entzogen. Tatsächlich gilt Qaradawi vielen Kritikern als Unterstützer des Terrorismus, auch arbeitete er bereits in den 1960er Jahren eng mit salafistischen Gelehrten zusammen, als er sich am Aufbau der Fakultät für Scharia und islamische Studien an der Universität von Katar beteiligte.

Ideologisch sind Muslimbruderschaft und Salafismus teilweise verbunden, es gibt salafistische Strömungen in der Muslimbruderschaft, jedoch auch Salafisten, welche deren politische Orientierung wiederum ablehnen. Auch in Ägypten gab es Salafisten, welche sich gegen die Herrschaft der Muslimbrüder unter Mursi stellten, und andere, die sie unterstützten. Neben theologischen Fragen und lokaler Politik dürfte jedoch ein weiterer Faktor von hohem Gewicht sein, nämlich das zwiespältige Verhältnis zwischen Qatar als wichtigem Sponsor der Muslimbrüder und Saudi-Arabien als Hort des Salafismus/Wahabismus. Gemeinsame Feindbilder und ähnliche religiöse Gesinnung treffen auf ein Konkurrenzverhältnis im Kampf um die regionale Vormachtstellung.

Letzte Änderung am Dienstag, 06 Januar 2015 22:44
Artikel bewerten
(4 Stimmen)
Ruedi Strese

Mag. Ruedi Strese (Jahrgang 1980) machte 2001 sein Abitur und lebt in Berlin.

Nach seinem Studium der Germanistischen Linguistik und der Südostasienwissenschaften an der Humboldt-Universität und Abschluß mit dem Magistergrad im Jahr 2010 arbeitete Ruedi Strese als Lektor, Autor und Musiker.

Seit Dezember 2014 leitet er die Redaktion von COLPORTAGE.

Webseite: www.colportage.de

Redaktion