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Schachbrett Nahost

Kurdische Autonomie und israelische Interessen

Donnerstag, 24 März 2016 22:48 geschrieben von 
Die Flagge Kurdistans Die Flagge Kurdistans

Tel Aviv - Am 16. März hatten die größten kurdischen Gruppen Syriens unter Führung der Partei der Demokratischen Union (PYD) die Autonomie der von ihnen kontrollierten Gruppen im Norden Syriens erklärt. Während sowohl die syrische Regierung als auch deren Gegner, die Türkei sowie die wesentlich türkischen Interessen verbundene „Opposition“ diese Autonomie zurückwiesen, kam Unterstützung für diesen Schritt aus Israel.

Die Kurden leben im Nahen Osten über mehrere Staaten, namentlich den Iran, den Irak, Syrien und die Türkei verteilt, in relativ geschlossenen Siedlungsgebieten. Keiner dieser Staaten ist, bei allen sonstigen Interessengegensätzen, an einer Schädigung seiner territorialen Integrität interessiert; das syrische Außenministerium hat dementsprechend entschieden vor jeglichem Versuch einer Unterminierung der staatlichen Einheit Syriens gewarnt.

Eine entschiedene Zurückweisung der kurdischen Autonomieerklärung kam auch vom Kurdischen Nationalrat, welcher lose mit der Türkei verbündet ist und in Genf als Parteigänger der syrischen Opposition gegen die Zentralregierung in Damaskus auftritt; dies zeigt die Zerrissenheit der verschiedenen Fraktionen der Kurden, welche von den verschiedenen regionalen Mächten und interessierten Großmächten für ihre jeweiligen Interessen eingespannt werden.
Ein Staat, der sich hingegen konsequent für einen geschlossenen Kurdenstaat einsetzt, ist Israel. Schon seit den 1950er Jahren hatte Israel verschieden kurdische Fraktionen gegen die arabischen Staaten unterstützt, und 1982 hatte der Journalist Oded Yinon, damals Berater des Außenministeriums, einen Plan aufgestellt, wie Israel unter anderem durch das Anheizen ethnischer und religiöser Konflikte in der Region die gegnerischen Staaten spalten und seine eigene Macht und sein Territorium vergrößern könne (Yinon-Plan); die Kurden spielten dabei eine entscheidende Rolle.“ Professor Ofra Bengio, Leiterin des Programms für Kurdische Studien an der Universität Tel Aviv, bezeichnete erst letzte Woche gegenüber der Times of Israel die syrischen Kurden als „Gemeinschaft von Menschen, welche gewillt sind, mit Israel zusammenzuarbeiten.“

So verwundert es nicht, daß auch heutige israelische Politiker ihr Herz für einen kurdischen Staat, welcher den Iran, den Irak, Syrien und die Türkei schwächen würde und mit Sicherheit ein Verbündeter Israels wäre, entdecken. Neben Benjamin Netanjahu hatte sich jüngst auch Israels Justizministerin Ajelet Schaked, welche für die Palästinenser weniger Herz zeigt und auch schonmal offen den Genozid an diesen forderte, für Kurdistan stark gemacht. Im Januar sagte sie: „Wir müssen offen nach der Errichtung eines kurdischen Staates rufen, welcher den Iran von der Türkei trennt, einem, der freundlich gegenüber Israel sein wird." Daß es dabei nie um die Völker oder um die Menschen, sondern handfeste strategische Interessen geht, muß eigentlich gar nicht mehr erwähnt werden.

Verweise:
http://sputniknews.com/politics/20160120/1033404151/israel-supports-kurdistan.html
http://nsnbc.me/2016/03/17/syrian-kurds-proclaim-establishment-of-federal-syrian-district-syrian-government-responds
http://aranews.net/2016/03/kurdish-national-council-syria-condemns-federalism-declaration-kurdish-rival
http://sputniknews.com/politics/20160320/1036622879/israel-kurds-independent-kurdistan.html
http://www.timesofisrael.com/after-declaring-autonomy-will-israel-embrace-syrias-kurds
http://de.sputniknews.com/politik/20160316/308464389/autonomieerklaerung-von-kurden-in-nordsyrien.html

Letzte Änderung am Montag, 28 März 2016 22:55
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Ruedi Strese

Mag. Ruedi Strese (Jahrgang 1980) machte 2001 sein Abitur und lebt in Berlin.

Nach seinem Studium der Germanistischen Linguistik und der Südostasienwissenschaften an der Humboldt-Universität und Abschluß mit dem Magistergrad im Jahr 2010 arbeitete Ruedi Strese als Lektor, Autor und Musiker.

Seit Dezember 2014 leitet er die Redaktion von COLPORTAGE.

Webseite: www.colportage.de

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