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Die Denunziation des eigenen Volkes

Manfred Kleine-Hartlage: „Die Sprache der BRD“

Sonntag, 24 Mai 2015 18:10 geschrieben von 
Manfred Kleine-Hartlage: „Die Sprache der BRD“ Quelle: COLPORTAGE

Berlin - 1947 erschien ein Buch des jüdischstämmigen Sprachwissenschaftlers Victor Klemperer. Es trug den Titel „LTI - Notizbuch eines Philologen“. „LTI“ als Abkürzung bedeutete „Lingua Tertii Imperii“ („Die Sprache des Dritten Reiches“). Es ging darin schwerpunktmäßig darum, wie das nationalsozialistische Gedankengut den Menschen durch ständige Wiederholung bestimmter Begriffe eingeimpft wurde.

Die „Bundesrepublik Deutschland“ sieht sich in ihrem Selbstverständnis wesentlich als Gegenentwurf zum „Dritten Reich“. Sie wurde allerdings von Kräften begründet, die nicht nur die Feindschaft gegenüber dem NS-Staat, sondern gegenüber einem souveränen Deutschland per se als Motiv ihres Handelns hatten, und es scheint, daß diese Kräfte weiterhin das politische Geschehen bestimmen.

Dabei bedient sich die BRD zunehmend einer im Vergleich zur „LTI" ganz ähnlich strukturierten politischen Kampfsprache als Herrschaftsinstrument, nur, daß diese nicht der Erhöhung des eigenen Volkes und der Bekämpfung seiner (angeblichen oder tatsächlichen) Gegner dient, sondern dem Niederhalten der Einheimischen durch die Sachwalter fremder Interessen.

Der studierte Sozialwissenschaftler (Fachrichtung Politische Wissenschaft) Manfred Kleine-Hartlage, Jahrgang 1966, kann sich als besonderes Verdienst anrechnen, mit seinem neuen Buch „Die Sprache der BRD“ die Existenz einer solchen Kampfsprache zur Durchsetzung der gegen das einheimische Volk gerichteten Interessen ihrer politischen Akteure nicht bloß festgestellt zu haben, wie es bereits oft geschah, sondern systematisch zu durchleuchten.

Kleine-Hartlage beginnt in der Einleitung mit einer Unterscheidung der verschiedenen rhetorischen Mittel, in diesem Fall manipulativen Verwendungsweisen, von Sprache. Dabei macht er den Leser beispielsweise auf die Existenz einer „Tantensprache“ aufmerksam, die knallharte politische Interessen hinter einlullenden, an infantile Urteilsmaßstäbe appellierenden Floskeln verbirgt („Willkommenskultur“, „Ängste der Menschen ernstnehmen“), oder auf die „Geßlerhutbegriffe“, durch deren Verwendung („Sinti und Roma“) oder Vermeidung („Zigeuner“) ideologische Konformität demonstriert wird. Selbst die völlige manipulative Umdrehung von Begriffsinhalten ins Gegenteil kann bezeugt werden: im Jargon der BRD bedeutet „Zivilcourage“ alles andere als „Mut vor Königsthronen“, sondern feiges Nachplappern der offiziell vorgegebenen Deutungsweisen.

Der überwiegende Teil des Buches stellt dann eine Art Nachschlagewerk dar. 131 der am häufigsten vorkommenden BRD-typischen Kampfbegriffe und -phrasen einschließlich der heißesten Eisen werden säuberlich bestimmt, wobei zwischen suggerierter Bedeutung und tatsächlicher Funktion im Kontext des Kampfes der politischen Klasse gegen den von ihr vorgeblich vertretenen Souverän (das deutsche Volk) unterschieden wird. Dabei ist die Sprache des Verfassers von überzeugender begrifflicher Klarheit geprägt, die Gedankengänge sind nachvollziehbar, und eine gute Prise Sarkasmus und ein einwandfreier Stil sorgen - neben dem erhellenden Inhalt - für ein großes Lesevergnügen.

Nein, im Grunde ist das alles für sich nicht neu, was in diesem Buch steht. Aber nie zuvor ist „Die Sprache der BRD“ so einwandfrei systematisch dargestellt und analysiert worden, und wer dieses hervorragende Werk gelesen hat, wird den Verlautbarungen der Politikdarsteller und der meinungsbildenden (Propaganda-)Industrie, also Presse, Film und scheinbar objektiver Wissenschaft mit einem grundsätzlich anderen Blick begegnen und deren doch alles in allem recht dreisten Manipulationsbestrebungen weniger zugänglich sein.

Manfred Kleine-Hartlage „Die Sprache der BRD - 131 Unwörter und ihre politische Bedeutung“. Verlag Antaios 2015, 239 Seiten. ISBN: 978-3-944422-27-5.

 

Quellen:

http://antaios.de/gesamtverzeichnis-antaios/einzeltitel/3854/die-sprache-der-brd.-131-unwoerter-und-ihre-politische-bedeutung
http://antaios.de/autoren/manfred-kleine-hartlage

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Ruedi Strese

Mag. Ruedi Strese (Jahrgang 1980) machte 2001 sein Abitur und lebt in Berlin.

Nach seinem Studium der Germanistischen Linguistik und der Südostasienwissenschaften an der Humboldt-Universität und Abschluß mit dem Magistergrad im Jahr 2010 arbeitete Ruedi Strese als Lektor, Autor und Musiker.

Seit Dezember 2014 leitet er die Redaktion von COLPORTAGE.

Webseite: www.colportage.de

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