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Besuch aus Pristina

Rasanter Anstieg der Asylanträge von Kosovo-Albanern

Mittwoch, 11 Februar 2015 23:00 geschrieben von 
Die "Albanien-Connection" zieht es nach Deutschland Die "Albanien-Connection" zieht es nach Deutschland

Berlin - Wir erinnern uns an die Worte des damaligen Bundesaußenministers Joseph Fischer (Grüne), mit welchen er im April 1999 die Bombardierung Serbiens durch die NATO rechtfertigte, vorgeblich, um einen Genozid der Serben an den Kosovo-Albanern zu verhindern. „Wir haben immer gesagt: ‚Nie wieder Krieg!‘ Aber wir haben auch immer gesagt: ‚Nie wieder Auschwitz!‘“ Nie zuvor war ein völkerrechtswidriger Angriffskrieg so herrlich schäbig und verlogen begründet worden. Ins selbe Horn stieß der Wehrdienstverweigerer und spätere Verteidigungsminister Rudolf Scharping (SPD), als er vermutlich seine Erinnerungen an Pasolinis „Die 120 Tage von Sodom“ mit realen Geschehnissen vermengte: „Auf dem Balkan geht es ja nicht um Öl oder um Rohstoffe. Was wir jetzt tun, geschieht wegen einer mit äußerster Brutalität vorgenommenen Verletzung von Menschen- und Lebensrechten. […] Schwangeren Frauen wurden nach ihrer Ermordung die Bäuche aufgeschlitzt und die Föten gegrillt.“ Ein Treppenwitz der Geschichte: das erste Mal hatte sich die Bundesrepublik Deutschland an einem Angriffskrieg beteiligt - unter Führung einer Regierung linker Ex-Pazifisten. Wenigstens Gerhard Schröder, damals Bundeskanzler, gestand Jahre später offen die Rechtswidrigkeit dieses Krieges. Konsequenzen? Fehlanzeige.
Aber: der oder das Kosovo war „befreit“. Formal blieb es Teil der Bundesrepublik Jugoslawien (bzw. ab 2003 der Republik Serbien), stand jedoch unter Verwaltungshoheit der Vereinten Nationen. Zurückgedrängt wurden seit dieser Zeit nicht die Albaner, sondern die ursprünglich ansässigen Serben. 2008 erklärte also diese Republik Kosovo ihre Unabhängigkeit, welche seither von 109 der 193 UNO-Mitgliedsstaaten anerkannt wurde.

Seither herrschen Albaner über das vorwiegend (88% von 1,8 Millionen Menschen) von Albanern bewohnte Territorium. Die Regierungsform wird als parlamentarische Demokratie bezeichnet, Lästermäuler sprechen von einem Regime, welches aus UCK (Kosovo-albanischen, je nach Perspektive, Freiheitskämpfern oder Terroristen), CIA-Befehlsempfängern, Organhändlern und allerlei Mafiosis zusammengesetzt ist. Trotzdem wurde es 1999 nach NATO-Lesart befreit, und immerhin: es herrscht dort kein Krieg. Fliehen würden Kosovo-Albaner sicher nicht vor ethnischer Verfolgung, sondern eher vor weitgehend selbst herbeigeführten Zuständen.
Die Zahlen der aus dem Kosovo stammenden Asylbewerber seit Anfang dieses Jahres verwundern in Anbetracht dessen. Im Januar 2015 waren laut Bundesamt für Migration und Flüchtlinge 3034 bzw. 14% aller Asylerstanträge von Bürgern des Kosovo gekommen (im Dezember 2014 waren es noch 888) - die Gesamtzahl der Anträge stieg, laut Bundesinnenministerium, von 1956 im Dezember 2014 auf 3630 im Januar 2015. Dabei liegt die Anerkennungsquote für Asylbewerber aus dem Kosovo bundesweit bei 1,1 %. 
Doch die Zahlen steigen sprunghaft weiter. Die deutsche Botschaft in Pristina soll laut Bild am Sonntag in einem Schreiben vom 3. Februar an das Auswärtige Amt vor einem „Massenexodus“ von Kosovoalbanern nach Deutschland aufgrund der hiesigen hohen Sozialleistungen für Asylbewerber gewarnt haben. Allein aus Pristina nähmen täglich „500 Personen Busse nach Serbien“. „Hält der Trend an, dürf­ten mo­nat­lich etwa 25.000 bis 30.000 Ko­so­va­ren das Land ver­las­sen“ zitiert die Zeitung das Dokument. Innerhalb eines Jahres „wären dies etwa 300 000 Per­so­nen, ein Sechs­tel der Ge­samt­be­völ­ke­rung“. „Diesen tausendfachen Mißbrauch unseres Asylrechts dürfen wir nicht hinnehmen“ gibt Focus Online die diesbezüglichen Worte des bayrischen Innenministers Joachim Herrmann wieder. Dieser erklärte zudem: „Waren es im Herbst noch Angehörige der Minderheiten, sind es nun zunehmend Angehörige der kosovo-albanischen Mittelschicht, die ihre Zukunft in Deutschland sehen.“

Protest dagegen kam von den Grünen. Sven Giegold, der Sprecher von deren Europagruppe kommentierte gegenüber Focus Online: „Den Menschen im Kosovo geht es verdammt schlecht. Wenn sie nach Deutschland kommen, müssen sie menschlich aufgenommen und rechtsstaatlich behandelt werden.“ Man möchte zaghaft daran erinnern, daß es ein grüner Außenminister war, welcher damals den Kosovokrieg mit entfachte, welcher die heutigen Zustände zur Folge hatte. Aber: Schwamm drüber.

Einen möglichen Gewinner gibt es: Serbien. Sollte tatsächlich jedes Jahr ein Sechstel der dort lebenden Menschen den Kosovo verlassen, wäre die Provinz Ende 2020 entvölkert und könnte doch wieder zum serbischen Mutterland zurückkehren, oder? Mal die USA fragen, vielleicht wären sie einverstanden. 

Quellen:

http://www.bamf.de/SharedDocs/Anlagen/DE/Downloads/Infothek/Statistik/statistik-anlage-teil-4-aktuelle-zahlen-zu-asyl.pdf?__blob=publicationFile
http://www.focus.de/politik/deutschland/deutsche-botschaft-in-pristina-30-000-kosovaren-nach-deutschland-asyl-lawine_id_4464207.html
http://vorab.bams.de/deutsche-botschaft-warnt-auswaertiges-amt-vor-massen-exodus-aus-dem-kosovo-nach-deutschland-und-fordert-medienwirksame-abschiebungen

Letzte Änderung am Mittwoch, 11 Februar 2015 23:06
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Ruedi Strese

Mag. Ruedi Strese (Jahrgang 1980) machte 2001 sein Abitur und lebt in Berlin.

Nach seinem Studium der Germanistischen Linguistik und der Südostasienwissenschaften an der Humboldt-Universität und Abschluß mit dem Magistergrad im Jahr 2010 arbeitete Ruedi Strese als Lektor, Autor und Musiker.

Seit Dezember 2014 leitet er die Redaktion von COLPORTAGE.

Webseite: www.colportage.de

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