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Noch ein Nachruf

Richard von Weizsäcker - Ein Meister der selektiven Erinnerung

Samstag, 31 Januar 2015 19:07 geschrieben von 
Richard von Weizsäcker Richard von Weizsäcker Quelle: de.wikipedia.org | Foto: Bundesarchiv, Bild 146-1991-039-11 | CC BY-SA 3.0 de

Berlin - Richard von Weizsäcker ist im Alter von 94 Jahren gestorben. Der frühere Bundespräsident hatte sich in seiner Rolle als Moralprediger gefallen und anderen, insbesondere den Deutschen, immer wieder kluge Ratschläge erteilen können, insbesondere dazu, wie sie mit ihrer Geschichte umzugehen hätten und was für die Gegenwart daraus zu folgen habe.
Nicht ganz so streng nahm er es mit seiner eigenen Vergangenheit.

Von 1962 bis 1966 war er Geschäftsführer des Chemiekonzerns Boehringer Ingelheim. Der Konzern war damals durch den Verkauf von Fachwissen an die US-Firma Dow Chemical an der Errichtung einer T-Säure-Fabrik für die Amerikaner beteiligt. T-Säure wurde als dioxinhaltiges Entlaubungsgift in großen Mengen an die US-Armee verkauft und war Bestandteil des berüchtigten „Agent Orange“, welches zur systematischen Zerstörung des vietnamesischen Waldes eingesetzt wurde und bis heute für zahllose angeborene Behinderungen, für Krebs, Hautgeschwüre und Leberschäden zuständig ist.

Von Weizsäcker jedoch behauptete, er habe erst Jahre nach seiner Tätigkeit bei Boehringer „mit großer Betroffenheit“ von Agent Orange erfahren. Diese Art Betroffenheit kommt mir indes bekannt vor, es scheint ein spezielles Gefühl zu sein, welches Vertreter der politischen Klasse der gegenwärtigen Bundesrepublik in besonderem Maße auszeichnet. Gegenüber dem Spiegel behauptete er im Juni 1991, er habe "nur spärliche Kenntnisse über Produktion und Absatz gehabt", sich "auf die Personalführung und -gewinnung im oberen Firmenbereich" konzentriert und sei nicht "bei Verhandlungen über Zusammenarbeit mit anderen Gesellschaften dabeigewesen".
Das Unternehmen Boehringer selbst hatte allerdings 1992 seine früheren Geschäfte und seine Vertuschungspolitik einer kritischen Revision unterzogen. Die dabei bekanntgemachten Details ließen die Version des damaligen Bundespräsidenten fraglich erscheinen. Die Firma war bei der Suche nach den eigenen schwarzen Flecken unter anderem auf ein Schreiben vom 17. Dezember 1964 gestoßen, welches Berichte über Verhandlungen zwischen Boehringer und Dow Chemical über den „akneerregenden Stoff“ enthielt. Die Chlorakne, sicheres Zeichen einer Dioxinvergiftung, hatte im Hamburger Werk Boehringers eine Reihe von Arbeitern befallen. Adressiert war es an zwei Herren, vier weitere sollten es zur Kenntnisnahme erhalten, darunter Richard von Weizsäcker. Grundsätzlich waren alle "für Vorstand und Geschäftsführung bestimmten Zuschriften" von Weizsäcker zuzuleiten, wie Firmenchef Ernst Boehringer gleich nach dessen Eintritt im Mai 1962 verfügt hatte - Weizsäcker selbst hatte 1991 stattdessen behauptet, erst Ende 1962 in die Firma eingetreten zu sein... diese Behauptung seiner Unkenntnis hat er auch später trotz der Eingeständnisse der Firma nie revidiert. Ich will indes nicht vergessen, daß ich hier einen Nachruf verfassen möchte, insofern sollte doch ein freundlicher Schlußsatz nicht fehlen. Mein Vorschlag: er war ein guter Mensch.

 

Quellen:

http://www.fr-online.de/meinung/kolumne-gift-in-der-biografie,1472602,9543252.html
http://www.n-tv.de/newsletter/breakingnews/Ex-Praesident-Richard-von-Weizsaecker-ist-tot-article14428671.html?ts=1422700148715
http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13681543.html

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Ruedi Strese

Mag. Ruedi Strese (Jahrgang 1980) machte 2001 sein Abitur und lebt in Berlin.

Nach seinem Studium der Germanistischen Linguistik und der Südostasienwissenschaften an der Humboldt-Universität und Abschluß mit dem Magistergrad im Jahr 2010 arbeitete Ruedi Strese als Lektor, Autor und Musiker.

Seit Dezember 2014 leitet er die Redaktion von COLPORTAGE.

Webseite: www.colportage.de

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